Zeitung Heute : Der lange Abschied

Von Elisabeth Binder

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De „Bunte“ ist ja eigentlich bekannt dafür, mit Prominenten freundlich umzugehen, aber kürzlich stieß man dort auf einen so eklatanten Tabu-Bruch, dass ein bisschen Mäkeln zwischen den Zeilen doch angebracht schien. Der Bundespräsident hatte bei einem Fest seine Gäste gebeten „nicht zu lange“ zu bleiben. „Lifestyle Rau“? fragte das Blatt pikiert.

Wohl kaum; eigentlich ist es ein sehr internationaler Lifestyle. Anderswo in der zivilisierten westlichen Welt gehen die Gäste automatisch nach zwei bis drei Stunden. Nicht in Deutschland. Die ungeschriebene Regel hier heißt: Wenn es einem gefällt, der Wein schmeckt und die anderen Gäste interessant sind, bleibt man nicht unter sieben Stunden. Alles andere wäre unhöflich und würde als Protestgeste gegen schlechte Bewirtung verstanden. Nur wenn das Essen absolut lausig ist, die anderen Gäste kein vernünftiges Wort über die Lippen bringen, darf man schon um Mitternacht gehen. Auch um sein Missfallen auszudrücken. Sonst ist zwei Uhr früh die absolute Höflichkeitsgrenze. Das macht es anstrengend für Gastgeber wie für Gäste. Gerade wenn die Getränke exzellent waren und das Essen vorzüglich, ist man irgendwann ja auch rechtschaffen müde und würde sich vielleicht freuen, einen Abgang in Ehren hinzubekommen. Und ausgeschlafen präsentiert sich die Erinnerung an den Vorabend viel besser, als wenn man mit dicken Augenrändern in den Spiegel sieht, um die optischen Reste von sich noch einmal zusammenzukratzen.

Es muss etwas mit den deutschen Tugenden zu tun haben, die erst anlässlich der Fußballweltmeisterschaft wieder so hochgelobt wurden, mit Durchhaltevermögen, Selbstdisziplin, Leidensfähigkeit: Auch der deutsche Knigge scheint sich danach zu richten, all diese Eigenschaften möglichst auszureizen. Zähne zusammenbeißen. Und noch ein halbes Stündchen ... Da nützt es auch nichts, wenn der Gastgeber selbst die Streichhölzer, mit denen er seine schlafschweren Augen offen hält, gegen Stahlstifte vertauscht hat, die nicht so leicht zusammenbrechen. Müdigkeit ist ein Tabu zwischen Gast und Gastgeber.

Diese Gebräuche vorsichtig aufzulockern und in eine mild globalisierte Form zu überführen, ist ein dankbares Unterfangen. Besonders wenn es von jemandem kommt, der völlig unverdächtig ist, viele Tabus in dieser Richtung gebrochen zu haben. Im Gegenteil, Johannes Raus Durchhaltevermögen nach Ende eines offiziellen Programms ist Legende. Ebenso wie die Werbung um seine Frau, die sich spät, aber weil sie damals in England lebte und die dort herrschenden Gebräuche praktizierte, offenbar nicht spät genug von seiner Geburtstagsfeier verabschieden wollte; er hielt sie zurück mit den Worten „Was du willst schon gehen? Wir wollten uns doch noch verloben.“ Eine originelle, wenngleich nur selten anzuwendende Art, den Gast auf einen drohenden Verstoß gegen gutes Benehmen aufmerksam zu machen. Insofern muss beim Bundespräsidenten eine wundersame Wandlung stattgefunden haben, die, liebe „Bunte“, jede Unterstützung und Ermutigung verdient. Gerade seitens des Zentralorgans einer Party-Gesellschaft, die sich heimlich nach nichts mehr sehnt, als mal beizeiten ins Bett zu kommen.

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