Zeitung Heute : Der lange Arm Moskaus

In Russland wartet das Gefängnis auf ihn – weil er für eine Bank arbeitete, die die Reformpartei förderte

Claudia Keller

Der 2. August 2002 war ein Freitag, Oleg Liskin hatte eine ruhige Arbeitswoche in der Moskauer Legprombank hinter sich, und wollte abends mit Freunden ausgehen. Dazu kam es nicht. Nach Dienstschluss um 17 Uhr passierte etwas, das aus dem Bankangestellten mit 6000-Dollar-Monatsgehalt einen Flüchtling machte, der in Berlin politisches Asyl beantragte. Nun, exakt zwei Jahre nach jenem Freitag, droht ihm die Abschiebung.

Das Schicksal von Oleg Liskin, es ähnelt in mancher Hinsicht dem eines anderen Mannes, den jeder kennt, nicht nur in Russland, in der ganzen Welt. Dieser Mann ist Michail Chodorkowskij, der Großunternehmer, dessen Konzern vom russischen Staat gerade in lauter kleine Stücke zerschlagen wird. Aber es gibt einen Unterschied. Das Schicksal Oleg Liskins ist, eben weil ihn keiner kennt, vielleicht schlimmer. Es ist ein kleines, typisch russisches Schicksal: Liskin musste in Afghanistan kämpfen, traumatisiert kehrte er in die zerfallende Sowjetunion zurück. Dann, als es die längst nicht mehr gab, wurde er verhaftet, weil er etwas verändern wollte in seinem Land. Und in diesem Land wartet jetzt wieder das Gefängnis auf ihn.

Seine Bank, die Legprombank, ein Unternehmen mit Filialen in St. Petersburg und Nowosibirsk und über 1200 Angestellten, gibt es heute nicht mehr. So wie es das TV-Unternehmen des Oligarchen Wladimir Gussinskij nicht mehr gibt und wahrscheinlich bald auch nicht mehr den Ölkonzern Jukos . Die Bank, das TV-Unternehmen und der Ölkonzern werden in russischen Zeitungen in einem Atemzug genannt – sie stehen der liberalen Reformpartei „Jabloko“ nahe.

Wladimir Gussinskij ist nach Spanien geflohen, Jukos-Chef Michail Chodorkowskij sitzt in Moskau im Gefängnis, Legprombank-Chef Andrej Drobinin lebt als jüdischer Kontingentflüchtling in Berlin.

Vieles von dem, was der 35-jährige Oleg Liskin in einem Charlottenburger Café erzählt, spricht dafür, dass er an jenem 2. August 2002 Opfer einer politischen Verfolgungskampagne wurde. An seiner Geschichte zeigt sich im Kleinen, was die Verhaftung von Jukos-Chef Chodorkowskij im Großen spiegelt: Wie in Russland Aufbruchstimmung kaputtgemacht wird, wie vermeintliche politische Gegner kaputtgemacht werden. Wer etwas ändern will, wird zu Fall gebracht von einer unübersichtlichen, autoritären Bürokratie, einer korrupten Justiz, einer bestechlichen Polizei. Dahinter stehen Politiker, die Reformen fürchten, weil sie ihre Macht schmälern könnten.

„Ich war auf dem Höhepunkt meiner Karriere“, sagt Oleg Liskin. Vor wenigen Stunden hat die Berliner Justiz entschieden, dass er in Abschiebehaft genommen werden soll. Er kann nicht glauben, dass man ihn ausweisen will, ohne dass die Richter anschauen, was die Kameras der Bank an jenem 2. August 2002 aufgezeichnet haben. Auf dem Video ist zu sehen, wie zwei Dutzend Männer in die Bank drängen. Einer von ihnen gibt sich als Gerichtsvollzieher aus. „Sein vermeintlicher Durchsuchungsbefehl hatte die Hausnummer des Nachbargrundstücks“, sagt Liskin. Er leitete damals die Sicherheitsabteilung. Das war nicht ungefährlich, denn nachdem die Behörden ein halbes Jahr lang gegen die Bank wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und anderen Vorwürfen ermittelt, aber nichts gefunden hatten, begannen die gewaltsamen Übergriffe.

Am 8. Februar 2002 berichtete die russische Zeitung „Utro“ (Der Morgen), dass die Staatsanwaltschaft Kontrollen in der Legprombank durchführen will „wegen der Unterstützung von Wählerinitiativen“ – in den Augen der Staatsanwaltschaft „wirtschaftlich nicht zu rechtfertigende Ausgaben“. Immer mehr Mitarbeiter verließen aus Angst vor den Übergriffen das Geldinstitut.

Der dunkelblonde, große Mann zieht das T-Shirt an seinem rechten Arm hoch und zeigt drei lange, dunkel pigmentierte Streifen. Einer der Männer habe ihn mit einem Elektroschockgerät attackiert, er sei getaumelt, und dann habe jemand aus einem Auto heraus eine Pistole auf ihn gerichtet. „Ich bekam Panik“, sagt Liskin. Er habe auf die Fensterscheibe eingeschlagen, der Wagen sei weggefahren. Die russische Polizei, die die Bank sichern sollte, sah untätig zu. Auch das sieht man auf dem Video.

Der Bankchef floh nach Berlin, Liskin folgte ihm einen Monat später. „Ich hatte Angst um mein Leben.“ Man wollte ihn festnehmen, erst wegen „Rowdytums“, später, weil er angeblich den Gerichtsvollzieher so geschlagen habe, dass er ins Krankenhaus musste. Der ging einen Tag nach dem Überfall tatsächlich ins Krankenhaus – aber wegen einer Gastritis, wie sich Liskin vom Arzt bestätigen ließ. Die Tageszeitung „Gazeta“ berichtete darüber und auch über andere Widersprüche, in die sich die Behörden verwickelten. Dennoch konnten Liskins Moskauer Anwälte nichts tun. Ihm drohen zehn Jahre Gefängnis. Wegen „Behinderung der Ausübung der Rechtspflege“ und „Hooliganismus“, steht im Interpol-Haftbefehl.

Vergangenes Jahr saß Liskin wegen des Haftbefehls einen Monat im Gefängnis in Moabit. Weil die russischen Behörden nicht rechtzeitig Dokumente einreichten, kam er wieder frei. Nun sind die Papiere da, es soll eine neue Anhörung geben. „Es geht mir nicht gut“, sagt Liskin. Immer wieder dreht er sich um, als ob er Angst habe, dass er direkt vom Café weg verhaftet werde.

„Alles, was ich will, ist, dass man meinen Fall hier aufrollt vor unabhängigen Gerichten, dass ich die Beweise für meine Unschuld vorlegen kann.“ In Moskau habe er keine Chance auf ein faires Verfahren. „Dort gäbe es mich jetzt nicht mehr. Ich wäre tot“. Das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge will ihn nach Spanien abschieben. Deutschland sei für die Prüfung seines Asylverfahrens nicht zuständig.

Formal rechtlich ist das korrekt, weil Liskin mit einem französischen Visum nach Berlin gekommen ist. Als das abgelaufen war, hat ihm seine Bank ein spanisches besorgt. Die Ärzte vom Berliner Zentrum für Folteropfer bitten jedoch um eine Ausnahme. Sie behandeln Liskin seit einem dreiviertel Jahr und haben eine schwere Depression und Suizidgefahr diagnostiziert. Herr Liskin spreche oft davon, dass das Leben keinen Sinn mehr habe, sagt Teshome Gutteta, der behandelnde Arzt. In Berlin habe sich seine Lage stabilisiert. Würde man ihn wegen des Interpol-Haftbefehls nach Russland ausliefern, sehen die Ärzte ein „reales Risiko für seinen Untergang“. Auch die Abschiebung nach Spanien sehen sie kritisch.

Peter Strathmeier, sein Anwalt, hat einen Paragrafen gefunden, der den jungen Mann retten könnte: Liegen außergewöhnliche humanitäre Gründe vor, kann die Bundesrepublik das Asylverfahren an sich ziehen. Dass Liskin Außergewöhnliches durchgemacht hat, steht für den Anwalt und die Ärzte außer Frage.

Als Jugendlicher in Westeuropa hätte er nach dem Gymnasium mit dem Studium begonnen, die Sowjetunion schickte Oleg Liskin nach Afghanistan. Das war 1987, er war 18. Es folgten 16 Monate Todesangst. „Ich hatte über 100 Einsätze, 20 bis 30 mit Schusswechseln“, sagt er. Besonders furchtbar seien die Heckenschützen und Minen gewesen. Jeden Monat seien Kameraden umgekommen, die er gekannt habe. „Ich habe sehr viele lächelnde Tote auf beiden Seiten gesehen.“ Er kann, er will nicht noch einmal alles erzählen. Man möge die Ärzte im Zentrum für Folteropfer fragen.

„In der Kaserne habe man in 15 Minuten einschlafen müssen, da später durch die Schreie an Schlaf nicht mehr zu denken gewesen sei“, sagt Teshome Gutteta, der Arzt. Einige Male habe Liskin erlebt, wie seinen Kameraden durch Minen Glieder abgerissen wurden. Er hat Erste Hilfe geleistet oder ihnen die Augen geschlossen. Unauslöschliche Bilder. Gutteta glaubt seinem Patienten. Während der Schilderungen habe Oleg Liskin, der sonst kontrolliert wirke, lange geweint.

Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan verlässt er die Wohnung nicht mehr. Er kann nicht über Wiesen gehen, nicht über Sand. In Afghanistan waren dort die Minen versteckt. Wenn er die Fehlzündung eines Autos hört, wirft er sich aufs Trottoir. „Ich bin als Wahnsinniger zurückgekehrt“, sagt er. Seine Freundin, die zwei Jahre auf ihn gewartet hat, verlässt ihn. Hilfe für traumatisierte Kriegsveteranen gibt es nicht, nur heroische Aufmärsche. „Das habe ich alles gehasst, dieser Krieg war so sinnlos wie das, was in Tschetschenien abläuft.“

Es dauert Jahre, bis er sich wieder fängt, er beginnt zu studieren. Mit einem Autohandel verdient er Geld, unterstützt Schulen und Sportvereine damit. „Das gefiel den Politikern in meiner Heimatprovinz nicht“, sagt Liskin. „Die waren darauf aus, möglichst viel in die eigene Tasche zu wirtschaften. Dann gibt plötzlich einer was ab.“ Auch Putin war es ein Dorn im Auge, dass Chodorkowskij Geld in private Stiftungen steckte, um die Zivilgesellschaft zu fördern.

Im April 2001 kandidieren Liskin und ein Freund bei der Gouverneurswahl in Tula, 100 Kilometer südlich von Moskau. „Jabloko“ und die Legprombank unterstützen sie. Einen Tag vor der Wahl wird ihnen vorgeworfen, ihre Wahlplakate seien so billig gewesen, da könne was nicht stimmen. Ein privater Fernsehsender filmt, wie die Finanziers der Legprombank daraufhin bei der Wahlkommission nachfragen. Die Vorwürfe lösen sich in Luft auf. Eine Kamera hat aufgenommen, wie Liskin und sein Freund von einem vermeintlichen Journalisten bedrängt werden. Plötzlich, als Liskin ihn zur Seite schieben will, zückt er einen Polizeiausweis, schlägt Liskin mit einem Gewehrkolben ins Gesicht, führt ihn ab. Liskin kommt ins Gefängnis. Vorwurf: Widerstand gegen die Staatsgewalt.

„Man kann sich hier schwer vorstellen, wie es in russischen Gefängnissen zugeht“, sagt Liskin. „Zwischen dem Eingang und dem Gefängnis gibt es eine Unterführung. Die ist mit Wasser gefüllt, man durchquert sie auf Holzbrettern. Es ist kalt, feucht und stinkt unbeschreiblich. Dann wurden wir in eine fensterlose Zelle gebracht; in einer Ecke war ein Müllberg bis unter die Decke und ein Wasserhahn, der tropfte. Das Geräusch war nicht zu ertragen. Wegen der Kälte konnte man nicht schlafen.“ Man habe ihn auch nackt, mit einem Sack über dem Kopf fotografiert, während ihm die Folterer zuriefen: „Nun, mach schon, lass dich nominieren.“

Als sein Freund von seiner Kandidatur zurücktritt, entlässt man ihn. Journalisten sprechen von einer „schmutzigen Wahl“. Sie wird später angefochten und für ungültig erklärt. Der alte und zugleich neue Gouverneur von der kommunistischen Partei, der unrechtmäßig an die Macht kam, ist bis heute im Amt.

Oleg Liskin zieht aus Tula weg, nach Moskau, geht zur Legprombank. Ein Jahr lang läuft es gut. „Aus der Zerschlagung der Legprombank haben die Behörden für die Vernichtung von Jukos gelernt“, sagt Leskin. Chodorkowskijs Sicherheitschef werfen sie Mord vor, er werde „nur“ wegen Hooliganismus gesucht. Dem nächsten Konzernchef, der die Opposition fördert, werde man Drogen unterschieben.

Dass das mit der russischen Justiz so eine Sache ist und viele Behörden korrupt sind, weiß man im Westen, Russland gilt nicht als sicheres Herkunftsland. Die westlichen Kameras verfolgen das Schicksal des Milliardärs Chodorkowskij bis ins Gefängnis. Er ist relativ sicher. Auch haben West-Firmen bei ihm investiert und fürchten um ihr Geld. „Wenn ich nach Moskau zurückgeschickt werde, überlebe ich das nicht. Ich bin nicht prominent“, sagt Oleg Liskin, „ich würde im Gefängnis untergehen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar