Zeitung Heute : Der lange Tod einer kurzen Liebe

„Er war wie eine Art Möbelstück“, sagt Gerda W. Mit 14 hatte sie sich in ihren späteren Mann verliebt, bald war davon nichts mehr übrig. Er schlug sie und trank, aber erst nach 30 Jahren fand die Ehe ein Ende – ein brutales. Und Gerda W. sitzt im Gefängnis.

Jana Simon

Gerda W. erinnert sich an diese Nacht, als ihre Ehe zu Ende geht.1972. Gerda W. (Name geändert) sitzt in ihrem Berliner Wohnzimmer, sieht fern und wartet den ganzen Abend auf ihren Mann. Bekannte haben ihr erzählt, er betrüge sie mit einer älteren Frau. Gerda W. will Gewissheit. Um halb drei nachts wankt er betrunken in die gemeinsame Küche. Da versteht Gerda W. „Ich fand das so eklig“, sagt sie. Dieses Gefühl der Abscheu wird sie nie mehr verlassen, es lauert in ihrem Kopf und setzt ein, wenn sie ihren Mann ansieht. Fortan führt Gerda W. ihr eigenes Leben. „Mein Mann durfte nur noch so daran teilnehmen“, sagt sie. Da ist eine Wand zwischen ihnen, die sie beide nicht überwinden können. Ihre Ehe dauert noch 30 Jahre, bevor sie ein schreckliches Ende nimmt.

In den ersten Wochen im Gefängnis denkt Gerda W. nur daran, ihrem Leben ein Ende zu machen. „Ich wollte mich beseitigen“, sagt sie. Aufhängen? Sie weiß nicht, wie sie das Seil knoten soll. Einen Föhn ins Wasser werfen? Ihr Bruder sagt dazu, da verbrenne man nur. Und wirklich sicher sei das auch nicht. Gerda W. lacht, es ist ein kurzes Lachen, es klingt wie ein Aufstöhnen. Sie ist 60, hat kurze blonde Haare, graue Strähnen schimmern durch. Sie ist klein, ein bisschen rundlich, sie sagt, das komme vom miesen Essen im Knast. Gerda W. sorgt sich um ihre Figur, prüft mit den Fingern immer wieder die Lage ihrer Frisur. Seit zwei Jahren sitzt sie im Frauengefängnis in Luckau, Brandenburg. Sie hat ihren Ehemann getötet. Der Richter verurteilte sie zu fünf Jahren wegen Totschlags. Gerda W. sagt, sie sei es nicht gewesen.

„Ich fand ihn entzückend“

Das Besucherzimmer des Gefängnisses hat keine Fenster, es riecht nach feuchtem Putz, in der Mitte stehen ein Tisch und zwei Stühle. Gerda W. hat ihre Finger ineinander verhakt. Sie sieht sich um, mustert ihre Umgebung mit Verachtung. „Hier ist nichts Nettes“, sagt sie. „Nichts.“ Gerda W. ist anderes gewohnt. Sie war leitende Prokuristin in einem Handelsunternehmen, fuhr Mercedes, besuchte teure Restaurants, reiste. Mailand, New York, Rio – die Namen der Städte klingen jetzt, als seien sie aus der Zeit gefallen. „War doch ein schönes Leben“, sagt sie. Nur ihr Mann passt nicht so recht ins Bild. Wie hat sie sich die Ehe vorgestellt? Gerda W. schweigt. „Ich dachte immer, dazu gehören eine schöne Wohnung und eine ordentliche Arbeit.“

Die Geschichte ihrer Beziehung beginnt in der Nähe des Nollendorfplatzes in Berlin. Dort ist Gerda W. aufgewachsen. Ihr Vater arbeitet als Dreher bei Borsig, die Mutter bleibt zu Hause. Wenn der Vater freitags den Lohn nach Hause bringt, schaut er vorher noch in der Kneipe nebenan vorbei. Danach geht er häufig auf Gerda W.s Mutter los. Manchmal wirft sich die Tochter zwischen die beiden, dann schlägt der Vater auch sie, einmal fliegt sie durch eine Glasscheibe. „Vor meinem Vater musste man Angst haben“, sagt Gerda W.. Der erste Mann in ihrem Leben, nicht gerade ein Glücksfall.

Mit 14 begegnet Gerda W. ihrem zukünftigen Mann auf der Straße. Sie hat lange blonde Haare, sie sagt, sie sei das hübscheste Mädchen des Viertels gewesen. Die beiden sehen sich an. „Ich habe mir eingebildet, er hätte schöne Augen.“ Es klingt, als sei sie sich auch darüber heute nicht mehr so sicher. Damals ist sie einfach verliebt. Sie schmachten sich zwei Jahre lang aus der Ferne an. Wenn sie sich in ihrem Viertel treffen, blickt Gerda W. verlegen zur Seite. Er gibt nicht auf. Als sie 16 wird, küssen sie sich das erste Mal. Gerda W. sagt, da habe sie sich auf ihn „eingelassen“. Wie war sie, die erste große Liebe? Sie schweigt, schaut ihr Gegenüber belustigt an. „Ach, wie niedlich“, antwortet sie. Die guten Zeiten liegen zu lange zurück. Gerda W. mag nicht mehr an den Anfang ihrer Beziehung denken, das Ende überschattet alle romantischen Erinnerungen.

Was hat sie an ihrem Mann angezogen? „Ich fand ihn entzückend. Er sah auch sehr gut aus“, sagt sie. Im nächsten Augenblick meint sie, sie verstehe nicht, warum sie sich ausgerechnet für ihn entschieden habe. Es fällt Gerda W. schwer, klare Worte für ihren Mann zu finden, sie widerspricht sich oft. Nichts ist eindeutig. Mit 20 wird Gerda W. schwanger, sie will das Kind nicht. Sie fürchtet um ihre schlanke Figur und treibt ab. Drei Jahre später heiratet sie. Obwohl Gerda W. nie viel Wert darauf gelegt hat. Sie liebt das weiße Kleid. War da nie Leidenschaft? „Niedlich“, sagt sie wieder nur und lächelt.

Frauen morden seltener und anders als Männer. Stiller. Oft, aber nicht immer, begehen sie Gewalttaten nach langen häuslichen Martyrien. Häufig üben sie die Tat auch nicht selbst aus, sondern geben sie in Auftrag. Eine Studie der Universität Konstanz kommt zu dem Schluss, dass Frauen, die ihre Männer getötet haben, die Tat häufiger als einen Akt der Trennung begehen, während Männer, die ihre Partnerinnen getötet haben, angaben, unbedingt an der Beziehung festhalten zu wollen – so seltsam das klingt. Barbara Kiesling, Autorin des Buches „Einfach weg aus meinem Leben“, schreibt, dass viele Frauen ihr Verbrechen von sich abspalteten, als wäre es nie geschehen.

Im Nachhinein ist es schwer herauszufinden, wann diese Sprachlosigkeit zwischen Gerda W. und ihrem Ehemann einsetzte, es muss lange vor seinem Betrug gewesen sein. Gerda W. sitzt still, schweigt wieder. „Ich wollte eigentlich immer eine gute Ehefrau sein, ihm treu bleiben“, sagt sie. Ihr Mann war gelernter Maurer und später Gebietsreisender. „Vertreter“, sagt sie kurz. Gerda W. steigt beruflich auf, reist bald durch die Welt, verdient mehr als ihr Mann. Er beginnt zu trinken, aber immer nur so viel, dass es keinem Außenstehenden auffällt. Nur sie sieht die leeren Flaschen in der Küche, sie streiten darüber, und dann schlägt er zu. Manchmal ist es bei ihnen so laut, dass die Nachbarn sich beschweren. „Mein Mann war nicht in der Lage, irgendjemanden zu lieben“, sagt Gerda W. Sie versucht, Dinge über ihn zu erfahren, ihn zu verstehen, aber Fragen wehrt er ab. In 36 Jahren Ehe hat er ihr nur einmal etwas zum Geburtstag geschenkt, einen Messinghasen. Sonst heißt es immer: „Das Beste ist, du suchst dir selbst was aus.“

Gerda W., die immer treu bleiben will, beginnt ein Verhältnis mit einem Arzt. „Von da an habe ich erst gelebt, beruflich und privat“, sagt sie. Später kommt noch ihr Chef als Liebhaber hinzu. „Mein Mann wusste davon“, sagt sie. Er habe nichts dagegen gehabt, im Gegenteil, er habe die beiden gemocht. Sie entfernen sich immer mehr, keiner erreicht den anderen noch. Gerda W. versucht es, ab und zu trinkt sie mit ihrem Mann. Es ist die einzige Möglichkeit, mit ihm zu reden. Im Suff treffen sie sich kurz, dann rauschen sie wieder auseinander. Gerda W. geht mit ihren Geliebten ins Theater, spricht über Literatur und Kunst. „Mein Mann war Maurer. Was soll ich dazu noch sagen?“, fragt sie. Sie legt den Finger auf den Mund, als hätte sie etwas laut ausgesprochen, was sich nicht gehört. Im nächsten Augenblick sagt sie: „Mein Mann war mein bester Freund.“ Die Widersprüche bleiben, Gerda W. löst sie nicht auf. Warum hat sie sich nicht getrennt? Schweigen. „Irgendwas war da noch“, sagt sie und nach einer kurzen Pause: „Vielleicht eine Art Pflichtgefühl.“

Sieben gebrochene Rippen

In Wirklichkeit spielt der Ehemann in ihrem Leben nur noch eine Nebenrolle. Er bekommt Geld von ihr, kleidet sich fein, manchmal gehen sie essen. Gerda W. ist immer häufiger abwesend, auf Arbeit oder auf Geschäftsreisen mit ihren Liebhabern. Ihr Mann wird aggressiver, trinkt mehr, verprügelt sie. Einmal schlägt er sie so stark, dass sie mit sieben gebrochenen Rippen ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Sie trägt nur noch langärmlige Pullover, damit niemand die blauen Flecken bemerkt. Nach außen muss der Schein gewahrt werden. Auch ihre Liebhaber sagen nichts dazu, vielleicht wollen sie es auch nicht wissen. Gerda W. bleibt stumm, die Scham ist groß. Gab es gar nichts Schönes in ihrer Ehe? Gerda W. überlegt lange. Doch, die Urlaube, sagt sie, da habe ihr Mann nicht getrunken und sei fast liebenswert gewesen. Zurück in Berlin ist alles wieder wie zuvor. Zweimal will Gerda W. sich scheiden lassen, er beschwört sie, bei ihm zu bleiben, und verspricht sich zu ändern. Sie bleibt. Als sie das letzte Mal die Scheidung einreicht, bekommt ihr Mann die Diagnose Prostatakrebs, sie nimmt den Antrag wieder zurück. Ihre letzte gemeinsame Station ist Hennigsdorf bei Berlin, dorthin ziehen sie 1999. Da ist ihre Ehe schon lange zu Ende. Wenn sie Essen kocht, rührt er es nicht an. Sie schlafen in getrennten Zimmern, unterhalten sich nur, wenn Gerda W. auch trinkt. Sonst versuchen sie, einander nicht zu begegnen. Sie wohnen in einer mondänen Villa mit Loggia, Terrasse und vier Zimmern. Gerda W.s Mann wird immer merkwürdiger, nimmt die Bilder von den Wänden, zerkratzt die Tapeten. Er beschimpft seine Frau, trinkt Schnaps aus Wassergläsern. Gerda W. bemüht sich, so selten wie möglich zu Hause zu sein. Wenn sie kommt, schleicht sie durch den Flur in ihr Zimmer und schließt sich ein. Sie hat Angst. Ihr Mann bleibt Tag und Nacht im Wohnzimmer. Seinen Job hat er inzwischen verloren.

Gerda W. bemüht sich, seine Existenz zu vergessen. „Er war wie eine Art Möbelstück“, sagt sie. Einmal hantiert ihr Mann vor ihren Augen mit Messern, er wolle sich das Leben nehmen, sagt er. Es hat sie nicht besonders gerührt. Die Polizei schaut jetzt ab und zu vorbei, weil Gerda W.s Mann oft laut wird und gewalttätig. Gäste empfangen sie schon lange nicht mehr. Nach einem besonders schweren Ausbruch lässt Gerda W. ihren Mann in die Nervenklinik einweisen, das verzeiht er ihr nicht. Sie sind beide dem Abgrund sehr nahe.

Gerda W. fällt es nicht leicht, den letzten Abend mit ihrem Mann zu beschreiben.

Sie spricht in kurzen Sätzen, die oft im Nirgendwo enden, viele Fragen kann sie nicht beantworten. Sie sitzt dann da, still, die Hände gefaltet, den Blick nach innen gerichtet. Nur das Datum hat sich in ihr Gedächtnis gebrannt. 6.Juli 2001. Ihr Mann sitzt mal wieder im Wohnzimmer, betrinkt sich und ritzt mit einem Messer seine Haut auf. Gerda W. hat oft zugeschaut, wie ihr Mann mit Messern spielt und nie eingegriffen. „Vielleicht war es mir zu dem Zeitpunkt auch schon gleichgültig, ob er sich verletzte“, sagt sie.

Die Polizei glaubt ihr nicht

Gerda W. muss wohl auch getrunken haben in jener Nacht, sie weiß es nicht mehr so genau. Sie sagt, sie sei gegen 22 Uhr mit dem Hund spazieren gegangen. Als sie wiederkommt, ist der Fernseher aus, ihr Mann liegt vor dem Sofa. Tot. „Er war ganz blass und sah so dünn aus“, sagt sie. Gerda W. ruft die Feuerwehr, ihr Mann hat mehrere Stichverletzungen und ist verblutet. Niemand glaubt Gerda W., dass sie mit dem Hund draußen gewesen ist. Es gibt auch keine Zeugen. Gerda W. sagt, man habe sich nur keine Mühe gegeben, sie zu finden. Die Polizei ist überzeugt, sie habe ihren Mann getötet. Gerda W. richtet sich in ihrem Stuhl auf. Bis heute findet sie diesen Vorwurf absurd. Beweise gibt es keine, Indizien. Die Wahrheit kennt nur sie.

Gerda W. schweigt. Ihre Hände spielen an einem goldenen Ring um ihren Hals. Der Ehering. „Nein, den mache ich nicht weg.“ Um ihren Finger passt er nicht mehr. Sie ist ihren Mann nicht los, ein Foto von ihm hängt in ihrer Zelle. Gern betrachtet sie es nicht.

Gerda W. mag mit keinem Mann mehr eng zusammen sein. Von ihrem ehemaligen Chef hat sie sich getrennt. Der Arzt kommt sie nie im Gefängnis besuchen, er soll sie nicht in dieser Umgebung sehen. In ihrer Fantasie zieht sie mit ihm nach Italien. „Da will ich mal enden“, sagt sie. Gerda W. hat sich mit ihrem Schicksal arrangiert: „Ich muss wohl damit leben, dass andere denken, ich bin eine Mörderin.“ Manchmal spricht ihr Mann auch in den Träumen zu ihr. Plötzlich fängt sie an zu weinen, fast lautlos. Gerda W. konnte ihren Mann nicht so bestatten, wie er es wollte – in einer Urne. In der Nacht steht sie nun immer wieder vor seinem Grab, es ist ein schwarzes Loch. Er ruht dort wie ein stiller Vorwurf.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben