Zeitung Heute : Der Lauf des Lebens

Er lief beim ersten Olympischen Fackellauf der Geschichte 1936 in Berlin. Heute, mit 94, ist er wieder dabei

Bednedikt Voigt

In der vergangenen Woche meldeten sich die Beine bei Siegfried Eifrig. Sie wollten etwas von dem 94-Jährigen, das er ihnen nicht mehr geben kann. Nicht nach seinem Schlaganfall, nicht hinter dem Gehwagen, mit dem er zum Friseur rollte. Und trotzdem. „Es juckte so richtig“, erzählt Siegfried Eifrig. Die Beine wollten laufen, und plötzlich hatten sie den Kopf angesteckt. „Ich habe mir gedacht: Jetzt könntest du eigentlich ein bisschen traben.“ Dann aber hat der Kopf weitergedacht, und sich ausgemalt, wie das aussähe: Ein alter Mann, der hinter einer Gehhilfe über den Bürgersteig rennt. Er hat es dann nicht getan.

Siegfried Eifrig ist immer noch ein Läufer, auch wenn er nicht mehr schnell laufen kann. Bis zu dem Schlaganfall vor sechs Wochen rannte er regelmäßig zum Berliner Schlachtensee. „Ein bisschen spazieren, dann laufen, dann wieder spazieren – so wie mir das Spaß gemacht hat.“ Das ist nun vorbei, doch das Laufen, das ihn sein Leben begleitet hat, lässt ihn nicht los. In einem Polo-Shirt mit dem Aufdruck „Real-Marathon Berlin“ sitzt Eifrig an seinem Wohnzimmertisch in Zehlendorf und blättert in einem Fotoalbum. Die Fotos zeigen einen Lauf, für den sich ein halbes Jahrhundert lang niemand interessierte, weil er 1936 anlässlich der Olympischen Spiele der Nationalsozialisten stattgefunden hat. Erst seit 1996, als die Spiele der Neuzeit ihr 100-jähriges Jubiläum feierten, darf Eifrig öfter vor Publikum die Geschichte seines größten Auftritts erzählen. Die Geschichte, wie Siegfried Eifrig beim ersten olympischen Fackellauf der Geschichte die Flamme durch Berlin getragen hat.

Heute wird er dabei sein, wenn das olympische Feuer für einen Tag in die Stadt zurückkehrt. Er wird die Flamme, die aus München kommt und auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Athen ist, am Olympiastadion in Empfang nehmen und auch später bei der Abschlussfeier am Brandenburger Tor zugegen sein. Eigentlich sollte Eifrig auch einige Meter mit der Fackel laufen. Er fand das nicht so gut, hat aber dennoch dafür trainiert. Dann der Schlaganfall – und so bleiben jene 1500 Meter im Herzen Berlins einzigartig, die er vor 68 Jahren im Laufschritt überwand.

„Mein Vorläufer bog aus der Wilhelmstraße in die Linden ein“, erzählt Eifrig. Es war der 1. August 1936. „Auf dem Mittelstreifen vor der russischen Botschaft hat er mir die Fackel übergeben.“ Die Flamme brannte mit Magnesium. „Man hat mir gesagt, dass sie sogar unter Wasser weiterbrennt.“ Das Feuer zischte laut. Hinter einem Begleitfahrzeug rannte der 26-Jährige los. Ganz langsam. „Für 1000 Meter waren fünf Minuten geplant.“ Er trug ein weißes Hemd mit einem Hakenkreuz auf der Brust, seine Begleiter liefen mit dem Vereinsemblem des SC Charlottenburg. Die Gruppe querte die Friedrichstraße, rannte an der Humboldt-Universität vorbei, die damals Friedrich-Wilhelm-Universität hieß. „Die Menschen standen vom Bürgersteig bis zur Hauswand, es waren Hunderttausende.“ Plötzlich Stille. „Vor der Neuen Wache war großräumig abgesperrt.“ Eifrig blieb kurz stehen, senkte die Fackel. „Das war meine Ehrenbezeugung.“ Dann lief er weiter. „Einige Krümel mit Asche fielen mir auf die Haut und ich habe mich ein bisschen verbrannt“, sagt er.

Nach der Schlossbrücke erreichte er schließlich den Lustgarten, wo die Nationalsozialisten eine große Jugendkundgebung organisiert hatten. Hakenkreuzfahnen säumten den Platz zwischen Schloss und Altem Museum. Neben Teilnehmern eines internationalen Jugendlagers stellten sich 28600 Mitglieder der Hitlerjugend und vom Bund Deutscher Mädel auf. Sie alle warteten auf Siegfried Eifrig mit dem Feuer. Propagandaminister Joseph Goebbels redete, doch der herannahende Läufer verstand keines seiner Worte. „Das rauschte einfach so vorbei.“ Das Begleitfahrzeug hatte das Tempo so eingeteilt, dass Siegfried Eifrig zu jenem Zeitpunkt in eine Gasse zwischen den Jugendlichen einschwenkte, als Goebbels seine letzten Worte sprach: „Glüh Flamme, glüh, und verlösche nie.“ Danach entzündete Eifrig mit seiner Fackel die Schalen auf zwei Altären.

Die Nationalsozialisten hatten den erstmals ausgetragenen Fackellauf wie die gesamten Spiele zur Propaganda benutzt. Die Idee zu diesem Lauf wird dem umstrittenen deutschen Sportfunktionär Carl Diem zugeschrieben. „Es gibt aber Hinweise darauf, dass es eine entsprechende Anregung aus dem Propagandaministerium gab, die Diem aufgegriffen hat“, sagt der Sporthistoriker Andreas Höfer.

Beim ersten Fackellauf der Geschichte trugen die Läufer das Feuer in zwölf Tagen über 3050 Kilometer durch sieben Länder. Die Filmemacherin Leni Riefenstahl begleitete den Lauf mit einem Kamerateam. Unterwegs hielt man „Weihestunden“ ab, die oft zu prodeutschen Kundgebungen gerieten. Schon als das Feuer in Olympia in einem Hohlspiegel der Firma Carl Zeiss Jena entzündet wurde, grüßte der deutsche Gesandte in Athen „seinen Führer“, eine Kapelle spielte das „Horst-Wessel-Lied“. In Wien demonstrierten lautstark die österreichischen Faschisten während der Feier, in der Tschechischen Republik musste die Polizei die Flamme eskortieren, weil einige Tschechen versuchten, den Lauf zu stören. Für sie galt der Fackellauf als Symbol für das nationalsozialistische Deutschland. Als das Feuer in Berlin ankam, dichtete der inhaftierte Widerstandskämpfer Anton Haushofer in den Moabiter Sonetten: „Die Fackel flackert. Lodern wird die Welt.“

Es liegt ein Makel über dem Lauf des Siegfried Eifrig. „Hinterher sieht das immer ganz anders aus“, sagt er, „natürlich war das eine Propagandaveranstaltung der Nazis – aber welches Land stellt sich bei Olympischen Spielen nicht dar?“ Aber es waren nun einmal die Nazispiele, und sein Bild ist unglücklicherweise mit ihnen verbunden, obwohl Eifrig nie einer nationalsozialistischen Organisation angehörte. „Ich habe auch nie einen Vorteil durch diesen Lauf gehabt.“ Siegfried Eifrig ist Sportler.

Ausgewählt hatte ihn sein Verein, der SC Charlottenburg. Der Klub war für die Strecke bis zum Lustgarten zuständig. Die Nationalsozialisten hatten sich nur das Recht vorbehalten, den Läufer zu bestimmen, der das Feuer zur Eröffnungsfeier in das Olympiastadion brachte. Die Wahl fiel auf Fritz Schilgen, einen 1500-Meter-Läufer, der arisch aussah und einen besonders eleganten Laufstil hatte.

Trotz des nationalsozialistischen Ursprungs führte das Internationale Olympische Komitee den Fackellauf fort. Die Idee einer Stafette, welche die Völker untereinander und die Antike mit der Moderne verbindet – diese Idee gefiel den Funktionären. In diesem Jahr reist das Feuer und sein Begleittross in zwei Boeing 747 erstmals auf jeden Kontinent. Das soll weltweit das Interesse an den Olympischen Spielen im August in Athen schüren. Sponsoren bezahlen die Weltreise.

Einer – das Hotel für den Begleittross des heutigen Laufes durch Berlin – holte Siegfried Eifrig vergangene Woche zu einem Termin mit Journalisten zu Hause ab. Am Ende saß er noch in einer Ecke der Hotellobby und erzählte dem Hoteldirektor und zwei „Mitarbeitern des Monats“ die Geschichte seines Laufes. Er trug ein graues Jackett und die Vereinsnadel des SC Charlottenburg am Revers. In der Hand hielt er seine Fackel. Er besitzt sie noch, hat sie behalten dürfen wie jeder Läufer damals. 3639 Fackeln hatte die Firma Krupp hergestellt. Auf dem Fackelhalter aus Nirosta-V2A-Stahl ist die Route von Olympia bis Berlin eingraviert. „Meine Fackel soll besonderes gut erhalten sein“, sagt Eifrig. Sie ist nicht abgebrannt, ein 15 Zentimeter langer Stumpf ist übrig. Auf dem Schutzschild für die Hand steht: „Als Dank dem Träger“.

Im Krieg versteckte Siegfried Eifrig seine Fackel in einem Koffer unter einer Kegelbahn. Als er aus britischer Gefangenschaft zurückkehrte, führte sein erster Weg zu dieser Bahn. Er brach die Bretter auf und holte sich seine persönlichen Dinge wieder. Jetzt gibt er die Fackel nicht mehr her. Wenn er sie nicht zu Veranstaltungen mitnimmt, steht sie im Zehlendorfer Wohnzimmer in einer braunen Schrankwand. 4500 Euro würden Sammler für diese Rarität zahlen. Aber die Fackel wird nach seinem Tod nur noch eine Strecke zurücklegen – die ins Sportmuseum auf dem Berliner Olympiagelände.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!