Zeitung Heute : Der leise Lautsprecher

Christian Lindner ist Generalsekretär der FDP, er sorgt für klare Worte und den richtigen Ton. Nun sagte er ein lang vermiedenes Wort. Es heißt: „Fehler“

Von Ordnung hält der Mann viel. Worüber man sich zunächst einmal wundern könnte. Schließlich war man vor nicht allzu langer Zeit mit 31 ja quasi noch jugendlich und fühlte sich derselben eher seltener verpflichtet. Doch bei Christian Lindner ist das jugendlich Revolutionäre wenig ausgeprägt. Zumindest auf den ersten Blick nicht: Als Generalsekretär der FDP trägt er korrekt geschnittene Sakkos, blau mit gelbem Innenfutter. Er lebt, seit Jahren schon, das straff organisierte und strukturierte Leben eines Parteipolitikers. Und er achtet sorgsam darauf, als junger Hoffnungsträger der FDP keinesfalls den Eindruck zu vermitteln, als säge er heimlich am Stuhl seines Parteivorsitzenden. Ordnung muss schon sein.

Manchmal jedoch blitzt ein anderer Christian Lindner auf. Einer, der mehr werden will als der Generalsekretär von Guido Westerwelles Gnaden und der geschickt die Gelegenheiten nutzt, die sich ihm bieten. Dienstagmorgen konnte man ihn sehen, wie er surft zwischen den Leitplanken der Ordnung und den Versuchungen der Rebellion.

Zuerst zur Ordnung: Es geht darum, die auch in der FDP mittlerweile heftig umstrittene Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers zurückzunehmen, ohne den Vizekanzler Westerwelle in der Koalition zu beschädigen. Lindner vollbrachte dieses kleine diplomatische Kunststück beim Treffen des Koalitionsausschusses an diesem Dienstagmorgen. Als FDP-Generalsekretär offerierte er der erstaunten Kanzlerin und dem ebenso überraschten CSU-Chef Horst Seehofer, seine Partei wolle alle reduzierten Mehrwertsteuersätze möglichst rasch überprüfen – auch und zuvorderst die der Hoteliers. Erst für die Steuersubvention eintreten, jetzt sich als Held ihrer Abschaffung aufspielen: Das sorgte zwar erwartungsgemäß für Ärger bei den Partnern der Union, den Lindner auch einsteckte. Dafür allerdings verschaffte es Westerwelle die Chance, aus der Sache, die er selbst einst eingebrockt hatte, nun ohne allzu großen Gesichtsverlust herauszukommen. Kein sichtbarer Verlust für Westerwelle, dafür aber ein Gewinn für Lindner.

Jetzt zur Rebellion: Selbstverständlich hätte Lindners Plan ohne Weiteres funktioniert, auch wenn tags zuvor bereits klar geworden wäre, dass die FDP die Milliardensubvention an Hoteliers, die ihr wieder den Ruf der Klientelpartei eintrug, bedauert. Nur eines klaren Wortes des Eingeständnisses des FDP-Vorsitzenden Westerwelle hätte es bedurft. Doch der verschenkte auch nach zweitägiger Klausurtagung diese Chance. Worauf Lindner sie tags drauf ergriff: Klar und deutlich sagte der Generalsekretär per Interview, was sein Parteichef zuvor versäumt hatte: Die Steuersenkung für Hoteliers war ein „Fehler“.

Sie schätzen ihn in der FDP für solche Sätze. Zumal, wenn er sie in Reden auf Parteitagen kleidet, die randvoll sind von Bekenntnissen zur Freiheit und zum Liberalismus. Und die er dann auch noch ohne jedes Manuskript vorträgt – eine ganze Stunde lang. Mucksmäuschenstill war es beim Bundesparteitag im April in Köln. Nach dem letzten Satz brandete minutenlanger tosender Beifall auf. Und ein altgedienter Liberaler mit Tränen in den Augen seufzte: „Ach, endlich wieder einer, der Bücher liest, ein Intellektueller, an unserer Spitze.“ Nach all dem Stakkato vom „Privat vor Staat“ oder „mehr Netto vom Brutto“, mit dem Guido Westerwelle zwar Wählerstimmen einsammeln, aber das Herz auch vieler Parteifreunde nicht erwärmen konnte. Ein Stratege der Macht der eine. Ein Erklärer des Liberalismus der andere.

Seit Herbst 2009 ist Lindner Generalsekretär der FDP. Ein Posten, der in der Vergangenheit eher als Lautsprecher des Parteichefs Westerwelle eingestuft wurde. Doch Christian Lindner hat sofort klargemacht, dass er nicht Lautsprecher von irgendwem werden will. Keine zwei Monate nach der Bundestagswahl und den ersten Stolpereien der schwarz-gelben Regierung wunderten sich die eigenen Leute, dass Lindner nur selten offensiv die Regierungspolitik von Westerwelle und Co. verteidigte. Im Gegenteil: Als andere FDP-Spitzen noch verbissen eine Milliarden-Steuersenkung ab 2011 verteidigten, fragte Lindner bereits öffentlich, was so schlimm daran sei, die Reform ein paar Jahre zu verschieben, wenn jetzt kein Geld dafür da sei. Zumal die Zahl 2011 ja nicht dem Wahlprogramm der FDP entstamme, sondern dem der CSU.

In den nächsten Monaten wird Lindner ein neues Grundsatzprogramm für seine Partei schreiben. Die Welt wandelt sich, „der Liberalismus muss neue Antworten finden“, sagt er. Schlägt man in seinen Aufsätzen nach, geht es ihm bei der Standortbestimmung mehr um die „Qualität“ der Freiheit statt um ihre „Quantität“. Letztere fand Lindner im Wiesbadener Programm, das der ehemalige Generalsekretär Westerwelle Ende der 90er Jahre erarbeitet hat. Für den neuen General zu viel Individualität, zu wenig Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft. Lindners Thema ist die Frage, wie offene Gesellschaften Freiheit und Chancengerechtigkeit ermöglichen können, ohne auseinanderzufallen. Er nennt es die „Ordnung der Freiheit“.

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