Zeitung Heute : Der Leistungsvererber

Vom feschesten Hengst im Land bleiben 1700 Nachkommen und ein Ehrengrab

Stefan Jacobs[Neustadt (Dosse)]

Er war der Hugh Hefner unter den Hengsten. Ein Playboy. Medienwirksam und weithin prominent, wirtschaftlich erfolgreich, potent bis ins hohe Alter. Und eitel. „Der wusste schon, dass er ein Hübscher war“, hatte die Bäckerin erzählt. Und dass sie gleich ihre Tochter angerufen hat, als sich am Montag vergangener Woche die Nachricht in Neustadt an der Dosse verbreitete: „Mensch, Kolibri ist gestorben!“ Die Bäckerin hat keine besondere Beziehung zu Pferden, soweit das in Neustadt im Westhavelland geht, wo König Friedrich Wilhelm II. 1788 ein Gestüt gründen ließ und heute 4000 Menschen und 350 Pferde leben. Sie weiß, dass Kolibri der Star im Stall war, ja, der berühmteste Zuchthengst der ostdeutschen Länder. „Aber das Leben geht weiter“, hat sie gesagt. 25 Jahre seien doch ein schönes Alter für ein Pferd. Wie 100 Menschenjahre.

Das sagt Uwe Müller auch, aber bei ihm klingt es anders als bei der Bäckerin. Nicht so fest und nicht so trocken. Müller ist verantwortlich für die Hengsthaltung im Brandenburgischen Haupt- und Landgestüt, wo Kolibri heute feierlich begraben werden soll. Der Landstallmeister wird reden; wahrscheinlich auch ein paar Pferdezuchtverbandsfunktionäre.

Anschließend wird die Urne mit Kolibris sterblichen Überresten nahe der schon vor drei Jahren errichteten Kolibri-Statue im Hof des Gestüts beigesetzt werden. Dann geht das Leben auch für Uwe Müller und seine Kollegen weiter. Einige von Kolibris rund 1700 Nachkommen stehen ja im eigenen Stall. Die Fachpresse würdigte den Schimmel zu seinem 25. Geburtstag im März als einen der „besten Leistungsvererber der Bundesrepublik“. Das ist ein Riesenkompliment.

Über die Leistungsvererbung spricht Uwe Müller nicht so gern, weil manche Leute die Pferdezucht per Reagenzglas moralisch fragwürdig finden. Aber so läuft das Geschäft – überall. Mit 1000 Euro „Decktaxe“ ist Kolibris Erbgut das teuerste in der aktuellen Liste der Neustädter „Hengstverteilung“. Die Investition kann sich lohnen: Katango, ein Sohn von Kolibri, war bei Olympia in Sydney dabei, und auf deutschen Turnierplätzen haben seine Nachkommen weit über eine Million Euro Gewinnsumme erreicht. Wobei Sport- und Schönheitswettbewerbe bei Pferden oft zusammengehören. Als Kolibris einziger Makel galt seine gerade Kruppe, also der flache Hintern.

In den vergangenen Tagen hat Uwe Müller vor allem an Kolibris ideellen Wert gedacht. „Er war schon eine Persönlichkeit mit sehr starkem Charakter.“ Kein Dickkopf, aber ein stolzer Schönling, der den Pfleger spüren ließ, ob er ihn mochte oder nicht. Müller hat mehr als die Hälfte seiner 49 Lebensjahre auf dem Gestüt verbracht. Einen guten Teil davon zwar im Büro, aber nach so langer Zeit wussten sowohl Müller als auch Kolibri, was sie aneinander hatten. Es sei wie bei einem Menschen gewesen, den man lieb gewonnen hat, sagt Müller, um hinzuzufügen, dass Mensch und Tier natürlich doch irgendwie unterschiedliche Kategorien sind. Die Lesebrille biegt sich zwischen seinen Händen, sein Blick wandert über die golden gerahmten Gemälde an den Wänden: dunkle Warmblüter in Öl vor weitem Hügelland. Die Farben sind nicht satt wie im Marlboro-Land, sondern pastell wie Brandenburg im Allgemeinen und Müllers Stimmung im Besonderen. Er war dabei, als Kolibri Krämpfe bekam und der Tierarzt sagte, bei dem Alter kann man nichts machen.

Kolibri starb an einer Kolik. Das Namensschild an seiner Box im Hengststall ist schon abgeschraubt. Er hat sich wohl nicht sehr gequält, sagt ein älterer Pfleger, der gerade mit einem Reisigbesen den Stall fegt. Ja, auch für ihn war Kolibri ein ganz Besonderer: „Er kommt aus Mecklenburg, ich komme aus Mecklenburg. Ich kannte ja noch seine Mutter.“ Kolibri wurde 1979 in der LPG Rotes Banner in Trinwillershagen bei Rostock geboren. Ein Ossi mit Erfolgsbiografie.

Kolibris Beerdigung ist für Müller die erste während seiner 27 Jahre auf dem Gestüt. Die Einäscherung wäre unbezahlbar, und eine Erdbestattung verbietet das Veterinäramt. Also hat er Kolibri beim Abschied ein paar Mähnenhaare abgeschnitten und in die Urne gelegt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!