Zeitung Heute : Der Lette-Verein bietet eine schulische Berufsausbildung

Roland Koch

Geschäftig wuseln die Schüler in weißen Kitteln durch den Raum. Fleißige Hände schleifen Metall, das anschließend mit chemischen Substanzen beträufelt und unter einem mächtigen Elektronenmikroskop analysiert wird. Hinter einer anderen Tür fertigen junge Talente Modeentwürfe an oder gestalten am Computer die Signets für Briefbögen, Plakate oder gar ein komplettes Corporate Design für Firmen. Währenddessen bereiten in der Großküche angehende Hauswirtschafter das Mittagessen für eine gesamte Schule zu: Im Jahr 1866 gründete Wilhelm Adolf Lette in Berlin den "Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts", der sich inzwischen unter dem Namen "Lette-Verein" zu einer Ausbildungsstätte mit drei Berufsfachschulen gemausert hat - und die bietet längst nicht mehr ausschließlich Frauen eine schulische Berufsausbildung.

"Unser Ausbildungsangebot lässt sich im Groben in drei Bereiche gliedern", erzählt Gabriele Post, die Direktorin der Stiftung Lette-Verein. "Im künstlerisch-kreativen Bereich bieten wir Fotografie, Grafik und Mode. An der Technischen Berufsfachschule werden etwa Assistenten für Elektronik und Datentechnik, medizinisch-technische und pharmazeutisch-technische Assistenten oder Metallografen ausgebildet. Und mit die älteste Abteilung ist nach wie vor die Hauswirtschaft." Besonderes Merkmal aller Ausbildungsgänge: Die späteren Arbeitsmarktchancen sind gut bis sehr gut.

Botschaften wollen repräsentieren

Die Absolventen der Hauswirtschaft beispielsweise profitieren von der Hauptstadtfunktion Berlins. "Viele Botschaften, Unternehmen oder Verbände suchen qualifiziertes Personal, das repräsentative Haushalte leiten kann", berichtet Monika Thamm, die Schulleiterin der Hauswirtschaftlichen Berufsfachschule. Neben den bisherigen Arbeitgebern wie Hotels, Kliniken oder Sanatorien sind damit weitere Arbeitgeber auf den Berliner Markt gekommen. Deren Nachfrage nach solide ausgebildetem Personal soll von der Schule gedeckt werden. Wer später in einer leitenden Position tätig werden will, kann im Anschluss an die dreijährige Ausbildung eine zweijährige Fachschulzeit absolvieren - und den Titel "Hauswirtschaftliche / r Betriebsleiter / in" erlangen.

Spitzenreiter bei den Jobangeboten dürfte aber derzeit die Metallografie sein. Für die sechs Absolventen hingen für den kaum bekannten Beruf in diesem Jahr 26 Stellenangebote am Pinnbrett des Fachbereichs aus. Sie werden von den Lehrern aus den einschlägigen Zeitungen gesammelt. "Die geringe Bekanntheit der Metallografie können wir uns auch nicht richtig erklären", sagt Volkmar Dietl, der Abteilungsleiter Metallografie und Werkstoffanalyse. "Der Beruf ist interessant und die Firmen zahlen anständige Gehälter." Nach einigen Berufsjahren seien in führenden Positionen immerhin Jahresbruttogehälter von 80 000 bis 100 000 Mark erreichbar.

Metallografen analysieren und entwickeln Werkstoffe, sind mit Qualitätssicherung oder Schadensanalyse beschäftigt. Sie arbeiten in der Automobil- oder Flugzeugindustrie und sogar in der Medizintechnik. Hier entwickeln sie beispielsweise das Material für künstliche Hüftgelenke oder Herzschrittmacher. Nach Unfällen analysieren sie die Schadensursache, das heißt sie überprüfen, ob ein Materialfehler den Unfall auslöste. Oder sie kontrollieren in der Industrie während der Produktion, ob die erwünschte Materialqualität erreicht wird.

Fachhochschulreife inbegriffen

Obwohl die Ausbildung zu Metallografen ursprünglich für Frauen gedacht war, ist deren Anteil an den Schülern heute sehr gering", sagt Abteilungsleiter Volkmar Dietl. "Auch hier würden wir uns über eine größere Nachfrage freuen." Künftig sollen deshalb verstärkt Abiturienten angesprochen werden, für die sich die Ausbildungszeit auf zwei Jahre verkürzt.

Im künstlerischen Bereich der Lette-Ausbildung bestehen unter anderem für Grafikdesigner gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Sie arbeiten in Werbeagenturen, Designbüros oder sind in die Marketingprozesse von Unternehmen eingegliedert - dort gestalten sie Briefpapier, Anzeigen oder Firmenlogos. "Allerdings müssen sich die Bewerber auch einer künstlerischen Aufnahmeprüfung unterziehen, denn die Bewerberzahlen sind sehr hoch", berichtet Udo Ropohl, der Fachbereichsleiter Grafikdesign. "Und im Berufsleben müssen sie später belastbar sein, denn in den entsprechenden Jobs werden hohe Anforderungen nicht nur an das fachliche Know-how, sondern auch an Tugenden wie Einsatzwillen oder Stressresistenz gestellt."

Mit der dreijährigen Ausbildung an den privaten Berufsfachschulen werden überwiegend Haupt- und Realschüler angesprochen, letztere erlangen mit dem Abschluss die Fachhochschulreife. Das Schulgeld beträgt - je nach Ausbildungsrichtung - 50 bis 100 Mark monatlich. Obwohl die Ausbildungen im wesentlichen an der Schule stattfinden, wird großer Wert auf Praxisnähe gelegt. "Deshalb unterrichten viele Lehrkräfte nur in Teilzeit und arbeiten zusätzlich in Betrieben", erläutert die Direktorin. "Auch Praktika sind in allen Ausbildungsgängen obligatorisch. Und manchmal haben wir sogar Auftragsarbeiten von Unternehmen."Lette-Verein Berlin, Stiftung des öffentlichen Rechts, Viktoria-Luise-Platz 6, 10777 Berlin-Schöneberg, Tel: 219 94 -0.

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