Zeitung Heute : Der letzte Atemzug

Kerstin Decker

Es ist, im versöhnlichsten Falle, ein Geschehenlassen. Es widerfährt einfach. Auch dieser Film widerfährt einfach, er läßt geschehen - das ist seine Stärke, diese scheinbare Abwesenheit jeden Eigenwillens. Seine Konzentrationsfähigkeit. Sein Ausharrenkönnen in den Gesichtern - und am Bett des Todkranken. Nein, so haben wir den Tod im Film noch nicht gesehen. Als allgegenwärtigen Mitspieler, als Statisten - natürlich, aber doch nicht als Hauptdarsteller.

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Zu viele flüchtige, halbherzige Tode im Kino! "Walking on Water" durchbricht diese falsche Gewöhnung. Für den Tod braucht man Zeit. Und letzte Atemzüge können Ewigkeiten dauern - "Walking on Water" hat auch die Ewigkeiten. Wir sitzen an Gavins Sterbebett. Wir wissen nicht, wer Gavin war, welchen Beruf er hatte. Aber jetzt ahnt man nicht einmal seine Jugend. Der Tod auf seiner Stirn, um seinen Mund. Der Tod in den Augenhöhlen, in den eingefallenen Wangen. Die Freunde sind um ihn herum. Sie hören Gavin atmen. Sie hören diese Atemzüge beinahe mit Andacht, denn - letzte Minuten sind etwas sehr Ernstes. Aber sind es nicht zu viele letzte Augenblicke? Ungeduld scheint auf in den Gesichtern, Bedrängnis. Es ist nicht auszuhalten.

Die Freunde wollten Gavin zu Hause sterben lassen, nicht im Krankenhaus. Ein Tod in Würde sollte es sein. Warum kann Gavin sich nicht auch daran halten? Tode in Würde dauern niemals so lange. - Tony Ayres Film muß das nicht erklären. Wir sind ja dabei und verstehen einen Pulsschlag lang, dass Charlie, Gavins bester Freund, jetzt aufspringt, die Plastetüte greift und sie Gavin über den Kopf zieht. Damit das endlich aufhört! Die postmoderneren unter den alten Griechen hatten recht. Es ist unnütz, den eigenen Tod zu fürchten. Kein Mensch ist ihm jemals begegnet. Solange es uns gibt, ist der Tod nicht da. Wenn der Tod da ist, gibt es uns nicht mehr. Der Tod ist immer das Problem der Lebendigen. Gavins Tod ist Charlies Problem und das von Bernadette. Wenn Bernadette, des Toten beste Freundin, nun Charlie anschaut, des Toten besten Freund, sieht sie immer die Plastetüte. Was sind das für Bilder in unserem Kopf, die sich nicht löschen lassen? "Walking on Water" macht uns zu Zeugen für Gavins Tod. Leerstellen-Tage. Und die Überlebenden ordnen sich neu um diese Nicht-Mitte. Nein, so alltäglich haben wir den Tod im Kino noch nicht gesehen. Mag sein, das alles leichter geworden ist in der modernen Welt. Das Sterben ist schwerer geworden.

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