Zeitung Heute : Der letzte Bürger

Konnte man in der DDR denken? Der junge Friedrich Dieckmann besah sich die staatstragende Dummheit und beschloss: Nein! Und fing dann doch damit an Zum 75. Geburtstag des großen Vor- und Nachdenkers der deutschen Einheit.

Erkenntnis ist kein Gruppenlicht. Es ist die Flamme Einzelner. Friedrich Dieckmann, Jahrgang 1937, hat noch immer etwas beinahe Jungenhaftes. Aber das ist vielleicht Tarnung. Foto: Isolde Ohlbaum, laif
Erkenntnis ist kein Gruppenlicht. Es ist die Flamme Einzelner. Friedrich Dieckmann, Jahrgang 1937, hat noch immer etwas beinahe...Foto: Isolde Ohlbaum/laif

Es war seine Schuld. Hätte er diesen Panzer nicht gezeichnet, wäre es wohl nicht passiert. Die Tschechen holten seinen Vater aus dem Zug.

Frühjahr 1945. Sie kamen aus Karlsbad und wollten zurück ins zerbombte Dresden. Vor ein paar Monaten hatten sie ihr nacktes Leben aus dem Feuersturm der Stadt gerettet, sonst nichts. Und nun, im Fast-schon-Frieden, sollte er, Johannes Dieckmann, es noch verlieren, weil sein Junge in Karlsbad einen Panzer gezeichnet hatte, einen Panzer der Roten Armee? – Spionage!, beschlossen die Tschechen. Spione werden erschossen. Wie viel ehrenvoller war doch sein Freund gestorben, Albrecht Mertz von Quirnheim, der Stauffenberg-Mitverschwörer, der die Operation „Walküre“ ausgelöst hatte. Und sein Schwager Wilhelm Dieckmann, auch er ein Mann des 20. Juli.

Dass Kunst lebensgefährlich ist, muss dem Sohn spätestens damals klar geworden sein, mit acht Jahren. Wahrscheinlich hat er schon das Armeefahrzeug mit jener unheimlichen Präzision gezeichnet, mit der er später seine Bücher schreiben würde und die zugleich eine Unerbittlichkeit ist. So lässt er die Einheitsdeutschen nun schon fast 25 Jahre in den Spiegel schauen. Und sie reagieren noch immer wie jedermann morgens im Badezimmer: Nein, das bin nicht ich! Sooo sehe ich nicht aus!

Falten sind nicht schön. Aber ein faltenloses Selbstbild, ein faltenloses Geschichtsbild: Bezeugen sie nicht gewisse geistige Versäumnisse ihrer Inhaber? Wahrscheinlich ist Dieckmann der Auffassung, wer die Furchen schon im Hirn hat, braucht sie nicht noch im Gesicht zu tragen. Es hat etwas sehr Offenes und darin beinahe Jungenhaftes, noch immer. Vielleicht ist das auch nur gute Tarnung.

Dies ist der Versuch, mit Friedrich Dieckmann gemeinsam in den Spiegel der Geschichte zu sehen, seiner eigenen wie der der Nation. Heute wird er 75 Jahre alt. Friedrich Dieckmann, der Vor- und Nachdenker der deutschen Einheit. Kein Dissident, denn ihm fehlte schon die Grundvoraussetzung allen Dissidententums: das Einmal-Dafürgewesensein. Ein Intellektueller, ein Allein-Denker, der westdeutschen Politikern auf Augenhöhe begegnete, von Egon Bahr bis Richard von Weizsäcker, parteienübergreifend. Friedrich Dieckmann, der letzte Bürger mitten in der DDR.

Ein diffuses Dämmerlicht webt in dem großen Berliner Zimmer, dabei ist es sehr sonnig draußen. Man darf sich die Lichtverhältnisse von keinem Außen vorschreiben lassen. Er hat es immer so gehalten, auch das ist historische Erfahrung. In der DDR dachten viele, es werde Tag, als es längst schon Nacht war. Wahre Helligkeit, weiß Dieckmann, kommt von innen. Das Licht der Erkenntnis ist keine Gruppenleuchte, es ist eine Flamme Einzelner. Wenn die Sonne spätnachmittags seine Fenster umspielt, lässt er einfach die Rollos runter. Sein Schreibtisch steht in sicherer Fensterdistanz, der Blick prallt gegen die Wand. Auch das ist Realismus. Heute glaubt man, Wände kommen grundsätzlich mit Türen zur Welt, aber wer durch eine Wand will, muss auch die Tür erschaffen, die hindurchführt. Das hat er oft getan.

Manche Bilder vergehen nicht. Das erste, das ganz ruhig dasteht nach dem Februar-Feuersturm von Dresden, ist das Bild des Vaters, als es schon Morgen wurde und die Familie in der Villa seines Onkels, eines Kaffeerösterei-Besitzers, Zuflucht fand: „Ich sehe ihn noch, wie er sich hinlegte, er sah mich an und sagte: ‚Ja, so ist das nun, mein Junge!’“ Eine der Sachlage höchst inadäquate Auskunft, sollte man meinen, zumal zu einem Weltanfänger gesprochen, der soeben einem Weltuntergang beigewohnt hatte.

„So ist das nun, mein Junge!“ In dem „so“ lagen die abertausend zersplitterten Wirklichkeits-Bruchstücke, die sich nie mehr zu einem erklärenden Bild fügen ließen. Oder doch? Wie also ist das, war das – wie genau? Friedrich Dieckmann würde nie aufhören können, sich diese Frage zu stellen. Es ist zum Beispiel nicht so, erklärt er, und wird nie müde, es zu wiederholen, dass die Sowjetunion ein Interesse hatte, die DDR zu gründen. Ja, sie hatte sogar einen entschiedenen Widerwillen dagegen. „Erst nach der äußerst knappen Wahl Adenauers zum Bundeskanzler gab Stalin grünes Licht“, sagt er.

Es gibt Dinge, die sich dem kollektiven Gedächtnis dieses Landes gleichsam spiegelverkehrt eingeschrieben haben. Das kürzeste und doch umfassendste Buch zum Thema „Wie wir wurden, was wir sind“ ist vielleicht Dieckmanns „Deutsche Daten oder Der lange Weg zum Frieden“.

Friedrich Dieckmann, der Historiker. Wer nach seinem Lehrstuhl fragt, ist schon auf der falschen Spur. Es gibt keine Professuren für Selbst- und Welterkenntnis. Denn das Entscheidende im Leben eines Menschen ist niemals die Berufung, sondern die Selbstberufung. An Friedrich Dieckmann lässt sich ermessen, was es heißt, ein Selbstberufener zu sein. Man kann versuchen, diesen Ruf zu überhören; es vereinfacht das Leben. In der DDR war es derart selbstbeschwert doppelt unbequem, denn der Sozialismus konstituierte sich über Aufträge. Es gab Klassenaufträge, Parteiaufträge. Nur Selbstbeauftragungen kannte er nicht und misstraute ihnen sehr.

Sein Vater Johannes Dieckmann, der spätere Volkskammerpräsident der DDR, hat jenen Tag im Frühjahr 1945 an der böhmischen Grenze überlebt. „In letzter Minute“, sagt der Sohn, „rettete ihn ein Kommandant der Roten Armee.“ War das ein Vorzeichen? Würde, sagen wir, Konrad Adenauer einem Russen sein Leben verdankt haben, wäre er Konrad Adenauer geworden? Andererseits hätte Johannes Dieckmann doch jetzt gehen können wie so viele andere auch. Der Wahlkämpfer Gustav Stresemanns, Offizier im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, Landtagsabgeordneter der Weimarer Republik, zuletzt Geschäftsführer mehrerer sächsischer Kohlewirtschaftsverbände hätte mit seiner Familie die allzu riskant besetzte Zone verlassen und zurückkehren können in seine Heimat, an die Nordsee, wo das Pfarrhaus seiner Kindheit stand.

Im Blick des Sohnes stehen jetzt Tadel und Milde zugleich: Wie viel unzulässige Voraussetzung liegt schon in der Frage nach dem Weggehen, und das im Frühjahr ’45! Wer Geschichte vom Resultat her betrachtet, wird sie immer verfehlen. Der vormalige Panzerzeichner kann das Frühjahr 1945 sehr schön beschreiben: Weniger Zeit, mehr Raum sei es gewesen. Das eine gab es nicht mehr, das andere noch nicht. Es war eine Geisterstunde der Geschichte.

Solche Stunden gilt es zu beschriften, wenn möglich von eigener Hand, und so las der Junge schon im Juni 1945 am Gartenzaun der Dresdener Kaffeeröster-Villa, in der jetzt auch sie wohnten: „Deutsche Demokratische Partei“. Besser konnten die Liberalen doch gar nicht heißen. Und was, sagte sich der Vater und einstige Wahlkämpfer Stresemanns, was sollte man bei klarem Verstand in der neuen Zeit sonst werden als Liberaler.

Der Sohn zeichnete immer noch. Und noch immer politisch. Jetzt entwarf er Wahlplakate für die Freiheitlichen in der sowjetischen Besatzungszone. Kunst ist Waffe! Ich bin Liberaldemokrat, ich kann sagen, was ich will, erfuhren seine Mitschüler. Die Mehrheit der SED bei der Wahl 1946 in Sachsen war hauchdünn gewesen.

Und das Ziel war klar, es war die deutsche Einheit. Johannes Dieckmann konnte kein anderes denken. Bürgerliches, christliches Leben musste überall möglich sein. Christlich war es, nicht wegzulaufen, sondern auf dem Platz auszuharren, auf den Gott ihn gestellt hatte. Also in Dresden. Christlich war es auch gewesen, sich noch im März 1933 den Nazihorden entgegenzustellen, die im sächsischen Landtag Jagd auf kommunistische Abgeordnete machten. Damals hatte ihn ein Pförtner gerettet. 1961 in Marburg als die Junge Union „Dieckmann raus! Hängt ihn auf!“ schrie und ihrem Zug einen Sarg vorantrug, rettete ihn zuletzt die bundesdeutsche Polizei. Johannes Dieckmann, nun Volkskammerpräsident der DDR, hatte auf Einladung liberaler Studenten über Chancen der deutschen Vereinigung gesprochen. Die Meute wollte es nicht hören.

Die Mitte des großen Zimmers füllt stumm, dunkel und vorwurfsvoll ein schwarzer Flügel: Du könntest Musik machen! – Kann ich nicht!, antwortet sein Besitzer fast täglich und legt noch mehr Bücher auf den heruntergeklappten Deckel. Später, wenn die beiden neuen fertig sind – eins über seinen Freund, den Theaterregisseur Adolf Dresen, Vater von Andreas Dresen, und eins über Pöppelmann, den Dresdner Barockbaumeister – wird er wieder spielen, vielleicht.

1949 hörte der 13-Jährige im zerstörten Dresden zum ersten Mal den „Tannhäuser“. Was für die etwas Jüngeren der Rock ’n’ Roll wurde, wurde für Friedrich Dieckmann Richard Wagner. Das war nicht bloß Musik, das war eine Verwandlung der ganzen Existenz.

Der Rock ’n’ Roll war neu, war unschuldig. Wagner nicht. Aber kann Musik überhaupt schuldig werden? Und wenn diese Musik schuldig geworden wäre, wie konnte ein Kommunist – Karl von Appen, der aus Hitlers Konzentrationslagern kam – das Bühnenbild zu diesem „Tannhäuser“ machen? Über Appen, Brechts Bühnenbildner, würde er bald ein Buch schreiben, das ihn schließlich als Dramaturg ans Berliner Ensemble führte.

Wahrscheinlich kommt es auf den Resonanzraum an, in dem man Dingen, auch Worten zum ersten Mal begegnet. Sogar „das Reich“ war für Friedrich Dieckmann kein Wort, das man sofort wieder ausspuckte. Er sieht seinen Vater vor einer riesigen Menschenmenge sprechen, es ist eine Rede zum Reformationstag 1946, er spricht im Dresdner Hygienemuseum, weil die Kirchen keine Dächer mehr haben. Deutet das auf einstürzende Himmel? „Aber das Reich muss uns doch bleiben“, hörte der Sohn den Vater sagen.

Das Reich Gottes? Das deutsche Reich? Welches? Es klang nach etwas sehr Wertvollem und Bedrohtem zugleich. Wahrscheinlich hat er seine schönen klugen Bücher über Goethe und Schiller, über Wagner und Schubert mitten in diesen einen Satz hineingeschrieben. Es sind Vergewisserungen dessen, was bleiben muss. Es sind Erkundigungen bei Zeitgenossen, anders kann er sie nicht empfinden. Wo das Vergessen übermächtig wird, endet menschliche Kultur. Sie ist vor allem ein großes Weitergeben.

Konnte man in der DDR denken? Der 18-Jährige besah sich die staatstragende Dummheit und beschloss: Nein! Er studierte Physik, wenn auch nur, weil der Klassenkampf in der Physik noch nicht eingeführt war. Aber im Oktober 1955 hörte er in Leipzig einen Vortrag, der handelte von der Universität, vom Denken und von der Freiheit. Handelte er nicht auch von ihm? Er schrieb dem Referenten einen langen Brief, wie man das manchmal macht, wenn ein vollkommen Fremder mehr vom eigenen Ich zu wissen scheint als man selbst. „Mich traf der Blitzschlag der Persönlichkeit“, sagt Dieckmann. Es war Ernst Bloch.

Bloch und Wagner, zwei Lebenseröffner. Drei Seiten über den deutsch-deutschen „Tannhäuser“ 1965 in Bayreuth, hatte der Kulturredakteur der „Sächsischen Zeitung“ gesagt und sich geweigert, die gelieferten 30 zu drucken. „Sinn und Form“, die legendäre Zeitschrift nahm die Originallänge. Sie hatte einen Hauptautor gefunden. Die Unfähigkeit aufzuhören, ist unentbehrlich für jeden, der, fest angestellt nur bei sich selbst, seine Existenz auf nichts als Papier zu gründen gedenkt.

Von Friedrich Dieckmann kann man lernen, was geistige Noblesse ist, die Fähigkeit, noch der gegnerischen Position gerecht zu werden. Zwei Diktaturen auf deutschem Boden? Bei dieser Auskunft hören die meisten zu denken auf, er fängt hier erst an: „Dieser plebejische Absolutismus“ der DDR war „von dem mörderischen Pöbelregime der Nazis so weit entfernt wie von dem Pluralismus westlicher Konsumgesellschaften“, sagt er.

Irgendwann begann die Staatssicherheit, ihn zu beobachten. Er hatte ein „in verbrecherischer Absicht“ gegen die DDR gerichtetes Pamphlet vervielfältigt – nämlich die Marx-Kritik seines Freundes Dresen. Der Intellektuelle als Umstürzler. „Aber ich habe sie doch nur abtippen lassen, um sie besser lesen zu können“, bekennt der Vervielfältiger. Das sind die revolutionären Antriebe derer, die um einen zu kürzenden Satz notfalls wie um ihr Leben kämpfen.

Die meisten Fronten sind falsche, noch heute. Frontmänner stehen im Licht, auch dem der Aufmerksamkeit, ihre Konturen sind scheinbar schärfer, weil simpler. Wen stört es da, dass fast jede Front schon das Grab einer Wahrheit ist? Nicht, dass die immer in der Mitte läge. Aber eine entschiedene Neigung zum Opportunen, lernt man bei Friedrich Dieckmann, besitzt sie schon.

Was fehlt diesem Allein-Denker? Vielleicht die Fähigkeit, auch nur einen einzigen richtig ungerechten Satz zu bilden. Und natürlich die Bereitschaft, aus einem 30-Seiten-Text einen Drei-Seiten-Text zu machen. Noch immer.

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