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Harald Olkus

Osram will bis 2005 seinen Produktionsstandort in Wedding schließen. Der Eigentümer der Höfe plant jetzt, das Gewerbezentrum zu erweiternHarald Olkus

Vor dreißig Jahren war der "rote Wedding" noch ein klassischer Arbeiterbezirk. Bei Osram stellten 5000 Beschäftigte Glühbirnen her und auch bei AEG und Schering wurde noch richtig produziert. "Zu Wahlkampfzeiten verteilte die SPD im Hof Flugblätter und sogar Willy Brandt kam zu Osram, denn der Wedding war sein Wahlkreis", erzählt Bürgermeister Hans Nisblé etwas wehmütig. Heute schickt sich der Bezirk Wedding an, im neuen Innenstadtbezirk Mitte aufzugehen, der zum Standort für Dienstleistung, Wissenschaft und Forschung werden will. Die Arbeitslosenrate liegt bei 22 Prozent, 17 000 Bewohner des Bezirks leben von Sozialhilfe.

Und auch die wenigen Industriearbeitsplätze, die es im Bezirk Wedding noch gibt, sind gefährdet. Osram hat angekündigt, den Produktionsstandort an der Seestraße bis 2005 aufzugeben und seine Glühwendeln künftig in Tschechien wickeln zu lassen. Dann fallen auch die letzten 141 Arbeitsplätze weg und in den OsramHöfen wird nur noch der Name an den einstmals großen Industriestandort erinnern.

So weit wollen es die Beteiligten aber nicht kommen lassen. Die verschiedenen Akteure haben dabei ganz unterschiedliche Gründe für ihr Engagement: der Bezirk will, dass wenigstens noch ein Teil der Bewohner seiner traditionellen Beschäftigung nachgehen kann. Der Senat will die vorhandenen Industrieflächen erhalten und gewährleisten, dass Berlin zu einem gewissen Maß auch künftig Produktionsstandort bleibt. Der Eigentümer der OsramHöfe, die Carrée Seestraße GbR, schließlich will den vorhandenen Nutzungsmix erhalten, der das Gewerbezentrum seiner Ansicht nach lebendig und attraktiv macht.

Denn tatsächlich belegt Osram selbst nur noch etwa 6000 Quadratmeter in den gleichnamigen Höfen. Bereits Ende der achtziger Jahre begann der Glühlampenhersteller, sich aus dem Weddinger Standort zurückzuziehen und seine Produktion beim Hauptaktionär Siemens am Nonnendamm zu konzentrieren.

Die Carrée Seestraße GbR, sanierte den Gebäudekomplex schrittweise und vermietete an neue Nutzer. Etwa 85 Prozent der insgesamt 80 000 Quadratmeter sind an rund 60 Unternehmen aus den Bereichen Medizin, Aus- und Weiterbildung, Service, Produktion und Handwerk sowie Groß- und Einzelhandel vermietet. So unterhält das Arbeitsamt Nord dort die Arbeitsvermittlung und ihr Berufs-Informations-Zentrum (BIZ). Das Deutsche Herzzentrum ist mit seiner Krankenpflegeschule und dem Zentralarchiv in die OsramHöfe gezogen und der SOS-Kinderdorf e.V. hat unter dem Dach der OsramHöfe ein Berufsausbildungszentrum aufgebaut, in dem senatsgefördert Köche, Maler und Lackierer sowie Bürokaufleute und Mediengestalter ausgebildet werden. Des Weiteren befinden sich auf dem Gelände Aldi- und Reichelt-Lebensmittelmärkte sowie ein Factory Outlet Center.

Der Eigentümer will jetzt eine verbleibende Restfläche von rund 10 000 Quadratmetern ebenfalls sanieren und vermieten, bevorzugt an Dienstleister. Das Areal ist im Bebauungsplan allerdings immer noch als Industriefläche ausgewiesen. Streng genommen wäre also selbst die vorhandene Mischnutzung nicht erlaubt. Für den weiteren Ausbau will der Eigentümer nun den Bebauungsplan der tatsächlichen Nutzungsstruktur anpassen. Doch beim Bausenat hält man an der Ausweisung als Industriefläche fest und drohte mit einer Veränderungssperre. Eine weitere Öffnung der Höfe in Richtung Dienstleistung und Einzelhandel schade der nahegelegenen Müllerstraße, argumentierte man bei der Senatsbauverwaltung. Diese Sorgen teilt aber nicht einmal der Bezirk, der die Müllerstraße wieder zu einer beliebten Einkaufsstraße machen will. "Wir haben sorgfältig geprüft, ob die OsramHöfe zu einer Konkurrenz für die Müllerstraße werden können", sagt der Finanzstadtrat im Bezirksamt Wedding, Dieter Havlicek. "Wir sind aber nicht dieser Ansicht. Die Kunden, die hier einkaufen, sind nicht aus dem Wedding." Der Bezirk habe sich deshalb einstimmig für eine Weiterentwicklung der OsramHöfe ausgesprochen.

Um auch die Senatsverwaltung zu überzeugen, hatte die THG Immobilien-Verwaltungs-GmbH, die das Gewerbezentrum bewirtschaftet, Staatssekretär Volker Liepelt zu einer Besichtigung des Areals eingeladen. Die Vielfalt in den OsramHöfen sei "beachtlich" und müsse erhalten bleiben, meinte Liepelt. Die Konkurrenz für den Handel in der Müllerstraße könne er nicht beurteilen, er wolle die Öffnung in Richtung Dienstleistung aber unterstützen. "Ein schwieriger Bezirk wie der Wedding braucht ein Highlight wie die OsramHöfe."

Aber auch für den Erhalt des Produktionsstandortes von Osram will sich der Staatssekretär einsetzen. Berlin brauche die Produktion. Neben der Entwicklung von Software müsse auch weiterhin etwas hergestellt werden. Für die vorhandenen Arbeitskräfte müssten dementsprechend Arbeitsplätze in der Massenfertigung angeboten werden. Nun will die Senatsverwaltung mit Osram reden, ob der Standort Wedding gehalten werden kann. "Wir werden sanft drängen und anbieten, ob wir nicht gemeinsam etwas tun können", meinte Liepelt. Es sei wichtiger, vorhandene Arbeitsplätze im ersten Arbeitsmarkt zu sichern, als lokale Beschäftigungsbündnisse im zweiten Arbeitsmarkt zu unterstützen.

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