Zeitung Heute : Der letzte Schrei

„Mottotage“ sind bei Abiturienten in Mode gekommen: Sie markieren das Ende des Unterrichts

Schlechter Geschmack? Die Abiturienten der Katholischen Schule Liebfrauen (Charlottenburg) im „Bad Taste“-Look. Foto: Marika Schröder
Schlechter Geschmack? Die Abiturienten der Katholischen Schule Liebfrauen (Charlottenburg) im „Bad Taste“-Look. Foto: Marika...

An so manchen Apriltagen werden sich die Berliner Busfahrer gewundert haben. Was um Himmels willen hat diese Horde 18- bis 20-Jähriger in Schlafanzügen, Hawaiihemden und Socken in den Sandalen mit Sonnenschirm, im Superman-Kostüm oder mit Schulranzen und ABC-Schützen-Mütze im Sinn? Bei den älteren Kreisen der Bevölkerung – wenn sie nun nicht gerade Eltern von Abiturienten sind – sind die sogenannten Mottotage weitgehend unbekannt.

Es ist mittlerweile unter den Abiturjahrgängen üblich geworden, die letzte Schulwoche vor Beginn der Abiturprüfungen mit meist vier Tagen, die unter verschiedenen Verkleidungsmottos stehen, ausklingen zu lassen. Umso größer also die Verwunderung in der U-Bahn, wenn jemand im Bademantel mit Puschen und Decke unter den Fahrgästen ist.

Manch einer, der in einem bestimmten Teil der Stadt wohnt, denkt lieber zweimal darüber nach, ob er sich so weit von der Karnevalszeit entfernt (die in Berlin ja sowieso eher übergangen wird) verkleidet in den Bus wagt und zieht sich womöglich erst in der Schule um. Die Reaktionen der Schulleitungen sind unterschiedlich. Meist werden die Mottos, auf die sich die Schüler selbst einigen, per Komitee, für das man sich zuvor melden kann, toleriert, wie an der Katholischen Schule Liebfrauen. Am Canisius-Kolleg wurde allerdings beispielsweise das inoffizielle Motto „Pimps und Bitches“, das sich auch an anderen Schulen in leichter Abwandlung Beliebtheit erfreut, untersagt – auch wenn sich nicht alle Abiturienten daran hielten. Ob „Hippie“, wie dieses Jahr an der Bertha-von-Suttner-Oberschule oder „Helden der Kindheit“ am Canisius-Kolleg – (fast) alles ist erlaubt.

Unter Schülern werden die Mottotage meist zuerst skeptisch, dann aber doch mit Begeisterung aufgenommen. „Es schweißt zusammen, wenn man heraussticht“, sagt Lea Huber, Abiturientin an Liebfrauen. Nur wenige machen nicht mit, denn der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Ob als 20er Jahre Flapper-Girl, im Ganzkörper-Affenkostüm oder als nicht identifizierbares Fantasiewesen mit den ausgefallensten Klamotten, die sich im heimischen Kleiderschrank finden lassen – für jeden ist irgendetwas dabei.

Die Reaktionen der Lehrer reichen meist von Amüsement bis hin zum gut gemeinten: „Wie sehen Sie denn aus?“ Aber das viertägige Spektakel lockert eben nicht nur die Atmosphäre an den meisten Schulen nach dem Klausurenstress auf, sondern erzeugt auch bei den Abiturienten ein Gemeinschaftsgefühl, sodass die letzten Tage an der Schule entspannt und ein wenig verrückt genossen werden können.

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