Zeitung Heute : Der letzte Sieg der Indianer

Es ist ein mythisches Datum in der Geschichte der Vereinigten Staaten – wie der 11. September. An einem heißen Sommertag 1876 schlugen die Sioux am Little Bighorn ein Kavallerieregiment. Trotzdem besiegelte dieser 25. Juni ihr Schicksal – und beschäftigt die Amerikaner bis heute.

Andreas Austilat

Major Marcus Reno trug seit seinem 17. Lebensjahr die Uniform der Armee der Vereinigten Staaten. Jetzt war er 43, hatte in den großen Schlachten des Bürgerkriegs gekämpft, in Antietam und Gettysburg, er hatte Südstaatler in ihren grauen Uniformen auf sich zustürmen sehen, mit lautem Hurra und dem Bajonett voran, und er war für seine Tapferkeit ausgezeichnet worden. Doch was an diesem 25. Juni 1876 auf ihn zukam, so etwas hatte er noch nie gesehen. Reno sollte an diesem Tag Geschichte schreiben – wenngleich es für ihn keine gute wurde. Aber noch 130 Jahre später würden sie die Erde Montanas umgraben und nach Spuren suchen, um zu begreifen, wie geschehen konnte, was geschah. Und selbst im fernen Europa würde der Name Sioux ein Begriff sein, und sei es, weil er auf deutschen Schuhen steht.

Hunderte Sioux, wild, die nackten Körper bemalt mit Blut und Asche, einer war in ein Bärenfell gehüllt, ein anderer trug ein Horn auf dem Kopf, lang ausgestreckt lagen sie auf ihren Pferden oder hingen an der Seite wie festgewachsen. Und sie alle schossen und schrien auf eine Weise, dass es einem das Herz zusammenzog.

Die spitzen Zelte waren nur noch ein paar hundert Meter entfernt. Ein gewaltiges Lager, und viele, die dabei waren, berichteten später, sie hätten nie ein größeres Indianerdorf gesehen. Sioux, Cheyenne, Arapaho, wohl an die 7000 Menschen. Warum es so viele waren? Vielleicht, weil sie ahnten, dass sie hier am Little Bighorn-Fluss zum letzten Mal zur Bisonjagd zusammenkämen.

Reno musste die Attacke abbrechen. Der Trompeter gab Signal zum Absitzen. Immer drei Mann traten vor, der vierte hielt die Pferde. Was in so einem Fall zu tun war, stand in jedem Militärhandbuch: Auf die Feuerkraft kommt es an. Ausgerüstet war die Truppe mit dem Springfield-Karabiner Modell ’73, Reichweite etwa 800 Meter. Laden, schießen, Patrone auswerfen, laden. Gut ausgebildete Soldaten schafften das bis zu sieben Mal in der Minute. Eine Schützenlinie konnte einen Gegner stoppen, der drei oder vier Mal stärker war. In der Theorie wenigstens. Ein Gefreiter, der zusammen mit rund 100 anderen in der Linie stand, sagte später, die feindlichen Kugeln seien so dicht um ihn herum in den Boden eingeschlagen, dass ihm der Sand in die Augen spritzte und er nichts mehr sehen konnte.

Johnson Holy Rock, ein Sioux vom Stamm der Oglala, erzählte, wie sein Vater den Angriff erlebte. Der war damals noch ein Kind und saß gerade beim Essen, als er draußen den Hufschlag galoppierender Pferde hörte. Neugierig trat er vor das Zelt und sah Soldaten, die direkt auf das Dorf zuritten. Frauen und Kinder rannten schreiend in die andere Richtung. Kugeln durchlöcherten das Zelt, trafen Holy Rocks Vater in die Schulter. Und von überall her kamen Krieger und schossen nun ihrerseits auf die Soldaten.

Keine 15 Minuten konnte sich Renos Linie halten. Überstürzt zog sich die Truppe in ein Pappelwäldchen am Flussufer zurück. Major Reno hatte seinen Hut verloren und sich ein Taschentuch um den Kopf gebunden. Seine Uniform war mit Blut bespritzt, es war das Blut eines Mannes, der direkt neben ihm in den Kopf getroffen wurde. Mehrmals innerhalb weniger Minuten gab Reno Signal zum Auf- und zum Absitzen, dann die Order zum Stellungswechsel. Und der geriet zur wilden Flucht. Es gab keine Nachhut, keinen Flankenschutz, nichts war mehr wie im Militärhandbuch. Wer den Befehl nicht mitbekam, kein Pferd mehr hatte oder verwundet war, hatte keine Chance. Es war wie bei der Kaninchenjagd, sagte Black Elk, ein schmächtiger 13-jähriger Oglala, der an diesem Tag das erste Mal in seinem Leben einem Menschen die Kopfhaut abzog. Die Soldaten stürzten sich in den Fluss. Verfolgt, bedrängt, beschossen kletterten sie am anderen Ufer den Steilhang hoch, um sich in den Felsen neu zu verschanzen.

Renos Vorgesetzter, Colonel George Armstrong Custer, bekam davon nichts mit. Für ihn lief alles nach Plan. „Centennial-Kampagne“ hatten sie das Unternehmen zu Ehren des 100. Geburtstages der USA getauft. Drei Armeen sollten aus verschiedenen Richtungen ins Indianergebiet vordringen und eine Anordnung durchsetzen, die vor einem Jahr getroffen wurde: Alle noch immer durch Montana und Dakota streifenden Stämme hätten sich bis zum 31. Januar 1876 in den Reservationen einfinden sollen. Die Zeit der Bisonjagd war vorbei, für Nomaden in den USA kein Platz mehr. Die Indianer hatten ihren Status als unabhängige Völker verloren, sie waren per Dekret zu Mündeln Washingtons geworden. Land, das ihnen Jahre zuvor versprochen wurde, sollten sie hergeben, Rechte die sie ausgehandelt hatten, waren nun Geschichte.

George Armstrong Custer war 36 Jahre alt. Die Militärakademie in West Point hatte er als Letzter seiner Klasse abgeschlossen. Aber wegen seiner außergewöhnlichen Tapferkeit war er im Bürgerkrieg mit 23 Jahren zum jüngsten General der US-Militärgeschichte aufgestiegen. Und selbst wenn er in der Nachkriegsarmee nur noch Colonel war, durfte er den Titel General führen. Die Indianer nannten Custer wegen seiner blonden Locken Longhair. Statt in Uniform trat er gern in einem Wildlederanzug auf. Mit 32 Jahren schrieb er schon seine Memoiren: „Mein Leben in den Plains“. Ein wenig hochtrabend, denn die Plains, jene gewaltige Grassteppe zwischen Missouri und Rocky Mountains, kannte Custer da erst seit fünf Jahren.

Manche seiner Offiziere trugen wie ihr Idol Wildlederanzüge. Aber es gab auch einen, der über seinen Vorgesetzten sagte, er habe selten solch einen Schaumschläger erlebt. Custers Drang, „um jeden Preis die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken“, hätte ihn fast dieses Kommando gekostet. Denn er war mit seinem Getöse zu einer Art Kronzeuge aufgestiegen, in einer Affäre, die den Präsidenten belastete. Es gab sogar Stimmen, die glaubten, Custer strebe selbst nach dem höchsten Amt. Hatte er nicht zu seinen indianischen Spähern gesagt, ein Sieg würde ihn zum „großen Weißen Vater machen“ – gemeinhin eine indianische Umschreibung für den Präsidenten? Hatte er nicht darauf bestanden, dass ihn ein Journalist begleitete? Und wenn er sich beeilte, käme die Siegesmeldung nicht gerade rechtzeitig zum Nominierungsparteitag der Demokraten?

Custers 7. US-Kavallerie bildete mit ihren 600 Mann nur das Vorauskommando der aus dem Osten auf das Indianerterritorium vorrückenden Armee. Eigentlich hätte er auf die Fußtruppen warten sollen. Aber er glaubte fest, sein Regiment könne jeden indianischen Gegner schlagen. Custer teilte die Truppe. Major Reno griff das Lager von der einen Seite an, eine Reserve blieb zurück, und er würde von der anderen Seite kommen. Mit dieser Taktik hatte er vor acht Jahren schon einmal ein Indianerdorf dem Erdboden gleichgemacht.

Unten im Dorf machte sich Crazy Horse bereit. Crazy Horse war ein Oglala-Lakota oder eben Sioux, wie die Weißen sagten. Die Sioux waren ein sehr mobiles Volk, gewohnt, die Lederzelte einzurollen und kreuz und quer durch die Plains zu ziehen. Das Pferd hatte sie zu den Herrschern der Grassteppe gemacht. Dabei hatten sie für dieses Tier nicht einmal einen Namen. Erst seit etwa 1740 war sunka wakan, der unbegreifliche Hund, den Sioux bekannt. Und dieser unbegreifliche Hund hatte ihre Kultur revolutioniert, machte die nomadischen Jäger den Landwirtschaft treibenden indianischen Völkern überlegen.

Als Crazy Horse um 1840 geboren wurde, erreichte diese Kultur ihre Blüte, um kurz darauf mächtig unter Druck zu geraten. Wird das Wild vertrieben, geraten nomadische Jäger schnell in Schwierigkeiten. Crazy Horse erlebte, wie Holzfäller, Goldsucher, Planwagen und Eisenbahnarbeiter die Jagd immer schwerer machten. Für sein Gefühl war eindeutig zu viel Verkehr in den einst menschenleeren Plains.

Er beschloss, keinerlei Verhandlungen zu führen, sich von den Weißen fern zu halten. Weshalb es von ihm kein Bild gibt, man auch nicht viel über ihn weiß. Was man weiß, ist, dass er sein halbes Leben lang in Black Buffalo Woman verliebt war, die dann doch einen anderen zum Mann nahm, und dass dieser andere Crazy Horse ins Gesicht schoss, weil der nicht aufhörte, um ihr Zelt zu streichen. Crazy Horse muss also eine deutliche Narbe im Gesicht gehabt haben. Man weiß, dass er zum Schießen immer vom Pferd abstieg, was seine Treffsicherheit enorm erhöhte. Und dass er am Rosebud-Fluss General Crook entgegentrat, der seine Armee von Süden heranführte. Auch Crook glaubte, dass Indianer keine ausdauernden Kämpfer waren. Er täuschte sich: In einem sechsstündigen Gefecht wurde er zurückgeschlagen und schied damit aus der Centennial-Kampagne aus. Das war eine Woche, bevor Custer am Little Bighorn auftauchte.

Crazy Horse war nicht einmal Häuptling. Überhaupt wird die Funktion des Häuptlings überschätzt. Anführer konnte bei den Sioux auch jemand sein, dem einfach nur viele folgten. Und es gab eine Menge Sioux, die Crazy Horse folgten, als der sich entschied, Custer jetzt in den Rücken zu fallen.

Genau zehn Tage später, am Abend des 5. Juli 1876, näherte sich der Raddampfer „Far West“ dem Städtchen Bismarck am Ufer des Missouri. Gegenüber lag Fort Abraham Lincoln. Von hier war Custers Regiment im Mai aufgebrochen. Es war gegen 23 Uhr, und der Ort wirkte nicht nur wegen der späten Stunde verschlafener als sonst. Am Tag zuvor hatten die 2000 Einwohner den 100. Jahrestag ihrer Nation gefeiert.

Die „Far West“ war das Versorgungsschiff der Armee. Jetzt kam sie aus dem Einsatzgebiet zurück, die Flagge auf halbmast, und der Dampfer hatte noch nicht festgemacht, da sprangen die ersten schon an Land. „Tot“, rief einer, „sie sind tot.“ Clement A. Lounsberry, Herausgeber und einziger Redakteur der „Bismarck Tribune“ sowie Korrespondent des „New York Herald“, gehörte zu denen, die die Situation am schnellsten erfassten. Er holte Mr. Carnahan aus dem Bett, den Telegrafisten. Der setzte sich an seinen Ticker, und diesen Platz sollte er für die nächsten 24 Stunden nicht mehr räumen.

Wort für Wort gab er für Lounsberry die ungeheuerliche Geschichte nach New York durch. Und wenn Lounsberry unterbrechen musste, um Einzelheiten in Erfahrung zu bringen, dann gab er Kapitel aus dem Neuen Testament ein, damit bloß kein anderer die Leitung blockierte. 3000 Dollar kostete die Übertragung, viel Geld, wenn man bedenkt, dass ein Soldat damals 13 Dollar im Monat verdiente. Doch Lounsberry wusste, diese Geschichte ist jeden Cent wert.

„Massakriert“, lautete anderntags die Schlagzeile der „Bismarck Tribune“, „General Custer und 261 Mann unter den Opfern“. Was bedeutete, dass nicht alle tot waren. Renos Kompanie hatte sich drei Tage in den Felsen verteidigt, dann beobachteten sie, wie die Indianer ihr Lager räumten und das Tal verließen. Renos Karriere war trotzdem ruiniert. Viele hielten ihn für den Mann, der Custer im Stich gelassen hatte.Später wurde er wegen Trunkenheit und ungebührlichen Benehmens entlassen. Custer und alle, die mit ihm geritten waren, seine Brüder Tom und Boston, sein Schwager, sein Neffe, der Reporter, übrigens auch 40 Deutsche, manche gerade erst eingewandert, sie lagen tot, geplündert und verstümmelt im Gelände.

Eine unglaubliche Niederlage. 1876 war auch das Jahr der Jahrhundertausstellung, die von der Leistungsfähigkeit einer erwachenden Industrienation kündete. Die drohende Spaltung in Nord und Süd war nach dem Bürgerkrieg überwunden, Ost und West verband eine durchgehende Bahnlinie. Und die Indianer waren doch nur noch eine Randerscheinung, für die eine Lösung gefunden werden musste.

Für die Zeitgenossen war der Untergang Custers, was für spätere Generationen der japanische Überfall auf Pearl Harbour oder die Anschläge vom 11. September 2001 bedeutete. Das Schlachtfeld in Montana ist inzwischen ein nationales Mahnmal, in dem nach über 100 Jahren erbitterter Diskussion seit 2003 auch der toten Indianer gedacht wird. Jedes Jahr wird das Geschehen dort nachgestellt. Die Zahl der Bücher, die über die Schlacht am Little Bighorn erschienen, ist längst unüberschaubar. Der erste Film kam 1909 in die Kinos, in Dutzenden weiteren spielten Schauspieler wie Ronald Reagan oder Errol Flynn den Custer. Und Oliver Stone hat gerade erst ein Drehbuch zum Thema gekauft.

„Wird das der Anfang sein oder das Ende“, schrieb Lounsberry in seinem Artikel von 1876. Für die Indianer wurde es das Ende ihrer bisherigen Lebensform. Verfolgt und ausgehungert ergab sich eine Sioux-Gruppe nach der anderen. Auch Crazy Horse stellte sich. Als er ein Jahr nach der Schlacht verhaftet werden sollte, leistete er erneut Widerstand. Ein Soldat tötete ihn mit dem Bajonett.

Sitting Bull, ein anderer bei seinem Volk hoch angesehener Sioux, zog mit seinen Leuten über die Grenze nach Kanada. Sitting Bull hatte am Bighorn gelagert, wenn auch nicht gekämpft, dafür war er wohl schon zu alt. Jetzt bat er in Kanada um Asyl und hätte es mit diplomatischem Geschick beinahe bekommen. Er wurde dann doch ausgewiesen und machte eine kleine Karriere als Zirkusattraktion. William Cody, der als Buffalo Bill berühmt wurde, heuerte ihn für 50 Dollar die Woche für seine Wild-West-Show an. Andere Sioux gingen den gleichen Weg, denn nur im Zirkus durften sie noch Indianer sein. Sie alle trugen dazu bei, dass sich das Bild vom Indianer, das sich schon nach der Schlacht am Bighorn komplett gewandelt hatte, verfestigte. Eigentlich waren es nur die Präriestämme, die Federhauben trugen, in spitzen Zelten wohnten und Büffel jagten. Dieses Bild wurde nun auf alle Indianer übertragen.

Auch in Deutschland wurde Sitting Bull berühmt. Der Journalist Rudolf Cronau traf ihn 1881 und brachte das Schicksal der Sioux den Lesern der Zeitschrift „Gartenlaube“ näher. Die Begeisterung der Deutschen für die edlen Wilden sollte die nächsten 100 Jahre anhalten. Patty Frank, ein aus Wien stammender Artist, der eigentlich Ernst Tobis hieß, schrieb ein Buch über die Schlacht am Little Bighorn. In Radebeul bei Dresden ließ er sich 1926 ein Blockhaus bauen, in der sich noch heute das Karl-May-Museum befindet und die Schlacht Thema einer Ausstellung mit vielen Originalstücken ist. Sogar das Lederhemd von Custers Scout können sie dort zeigen.

Nach Patty Frank fanden die Nazis Gefallen an den roten Brüdern, ihrem Widerstand gegen das „Eindringen einer artfremden Kultur“. Und die DDR hatte zwar ihre Probleme mit Karl Mays Lagerfeuerromantik, dafür hatte sie Liselotte Welskopf-Henrich, die den Sioux mit dem Roman „Die Söhne der großen Bärin“ ein Andenken setzte. Die Filmversion mit Gojko Mitic war einer der größten Kinoerfolge der DDR.

Für Sitting Bull kam all dieser Ruhm zu spät. In Buffalo Bills Wild-West-Shows wurde er regelmäßig ausgepfiffen, so richtig hatte ihm das amerikanische Publikum noch nicht vergeben. 1890 wurde er in einer Reservation von Polizisten in einem Handgemenge getötet. Fast 300 seiner Stammesgenossen wurden des Aufstandes verdächtigt und von Soldaten in einem Ort namens Wounded Knee umstellt. Warum dann ein Schuss fiel, weiß keiner so genau. Doch wenig später waren alle 300 Sioux tot. Gemeinhin wird dieses Massaker als das letzte Gefecht im Indianerkrieg bezeichnet. Geschlagen wurde es von der 7. US-Kavallerie, Custers altem Regiment.

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