Zeitung Heute : Der letzte Stich des Skorpions

Katja Füchsel

Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen den Bus-Entführer Dieter Wurm. Wird er seinen Komplizen verraten?

Nie wieder frei, auf ewig hinter Gittern – in deutschen Gerichtssälen droht diese Strafe nur selten, doch für Dieter Wurm geht es ab morgen um alles. Für den Bankräuber und Bus-Entführer ist der Prozess vor dem Moabiter Kriminalgericht offenbar kein Grund, nervös zu werden. „Er sieht dem Auftakt äußerst gefasst entgegen“, sagt Verteidiger Hubert Rösler. Tagsüber arbeite Wurm in der Buchbinderei des Gefängnisses, abends schreibe er an seiner Autobiografie. Von Lampenfieber keine Spur. Rösler sagt: „Das Prozesserlebnis ist ja für ihn auch nicht ganz neu.“

Was vorsichtig formuliert ist. Tatsächlich hat Wurm, heute 47 Jahre alt, fast die Hälfte seines Lebens in Heimen und Gefängnissen verbracht. Er saß wegen Bankraubs, Sprengstoffdelikten, räuberischer Erpressung und nutzte seine Hafturlaube nicht immer nur zur Erholung: Mal türmte der „Skorpion“, wie er im Knast hieß, dann spazierte er bewaffnet in die nächste Bank. Auch als sich Wurm am 11. April 2003 mit Sonnenbrille und Palästinensertuch maskierte, war er auf Bewährung draußen. Nachdem der Westfale mit einem Komplizen die Commerzbank in der Steglitzer Schloßstraße überfallen hatte, kaperte Wurm einen Doppeldecker der Linie 185. Mit einer Pistole bedrohte er zehn Geiseln und eine Polizistin, nach mehrstündiger Fahrt durch die Stadt wurde er schließlich am Sachsendamm gestoppt.

Das Spezialeinsatzkommando (SEK) rückte an, Wurm forderte über sein Handy unter anderem einen Hubschrauber, Fallschirme und fünf Dosen Cola. Schließlich schoss ein SEK-Beamter dem Entführer in die Schulter, nur Sekunden später stürmten weitere Elite-Polizisten den Bus und befreiten die Geiseln. Wurm wird im Prozess voraussichtlich gestehen. So wie er es bereits im Krankenbett getan hat, nachdem er festgenommen worden war. Weil Wurm damals unter Tabletteneinfluss stand, will Rösler diese Aussagen im Prozess nicht zulassen – allerdings eher aus formalen Gründen. „Ansonsten leugnet Dieter Wurm weder seine Beteiligung am Banküberfall noch die Bus-Entführung“, sagt der Verteidiger. Nur zu seinem Komplizen, den Zeugen aus der Sparkasse beschrieben haben, schweigt sich der Angeklagte bis heute aus. Die Ermittler setzen darauf, dass der „Skorpion“ jetzt im Prozess den Namen des großen Unbekannten preisgibt, um seine eigene Lage zu verbessern.

Nicht nur die Polizei, auch ein psychiatrischer Gutachter hat Wurm in seiner Zelle besucht. Sein Urteil fiel aber nicht gerade schmeichelhaft aus: Wurm sei egozentrisch, rücksichtslos und hege weiterhin kriminelle Neigungen. Verteidiger Rösler lässt das „im Schnellverfahren erstellte Gutachten“ nicht gelten. Bei dem Überfall am 11. April habe es sich um einen „krassen Ausnahmefall“ gehandelt, ansonsten sei Wurm ein „Musterbeispiel für eine erfolgreiche Resozialisation“. Der Staatsanwalt hingegen hält Wurm für gemeingefährlich und will ihn nie wieder in Freiheit wissen. Er hat beantragt, dass Wurm nach Ablauf seiner Haftstrafe weiterhin im Gefängnis bleiben soll.

Dabei hatte es für Wurm im August 2000 so gut ausgesehen. Damals hatte der inzwischen leicht ergraute Häftling als Freigänger eine ABM-Stelle bei der S-Bahn angetreten und war schließlich vom Gericht in die Freiheit entlassen worden. Es ging nicht lange gut, die Schuld suchte Wurm nach der Festnahme bei anderen: „Ein Bewährungshelfer mit 150 Probanden kann keine große Hilfe bieten“, klagte er in einem Leserbrief an den Tagesspiegel. Wurm schreibt viel und oft. Seine Knast-Prosa kann man bis heute auf einer Homepage im Internet studieren (www.knast.net/gitterzeit/wurm.htm). Zwei seiner Beiträge sind sogar preisgekrönt: Für „Der Hänger“ und „Grobi“ erhielt Wurm den Ingeborg-Drewitz-Preis, den Literaturpreis für schreibende Gefangene. Er bekam ihn 1999 während eines Hafturlaubs von Martin Walser überreicht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben