Zeitung Heute : Der letzte Todespilot

Er ist der einzige 9/11-Attentäter, an den Amerikas Justiz sich noch halten kann: Zacarias Moussaoui

Christoph Marschall[Washington]

So banal sieht das Böse aus. Entspannt sitzt der Mann mit dem dichten schwarzen Vollbart und dem weißen Häkelmützchen da, die rechte Hand ruht auf der Armlehne. Er mustert den Raum oder schaut stier vor sich hin, das Kinn in die linke Hand gestützt, er streicht sich durch den Bart und kratzt die Innenseite des Oberschenkels. Auf einem Tischchen liegen griffbereit ein gelber Notizblock und ein Stift. Wenn er sitzt, könnte das graugrüne Hemd, das sich über seinen Bauch spannt, als Kaftan durchgehen. Nur wenn er den Gerichtssaal verlässt, sind auf dem Rücken die weißen Großbuchstaben zu lesen: Prisoner. Häftling.

Amerika hält Zacarias Moussaoui für den 20. Hijacker: einen weiteren potenziellen Todespiloten, der in den Terrorangriff vom 11. September 2001 verwickelt war und nur deshalb nicht zum Flugzeugentführer und Massenmörder wurde, weil das FBI ihn knapp drei Wochen vorher, am 16. August, in Minnesota verhaftet hatte – wegen Verstoßes gegen Aufenthaltsbestimmungen. Moussaoui, heute 37 Jahre alt, gebürtiger Marokkaner mit französischem Pass, war einem Fluglehrer aufgefallen, der Piloten am Simulator für zivile Jets schult.

Hätte Moussaoui damals ausgepackt, statt das FBI mit Lügen auf falsche Fährten zu schicken, verkündet die Anklage, hätte der Tod von fast 3000 Menschen verhindert werden können. Das FBI nennt ihn einen „treuen Al-Qaida-Soldaten“. Das Geld für sein Leben in den USA habe er von Ramzi Binalshibb aus Deutschland bekommen, dem Zahlmeister der Attentäter.

Die Front des Bezirksgerichts von Alexandria, das wenige Meilen südlich von Washington liegt, haben Steinhauer mit einer Schildkröte und mehreren flinken Hasen verziert. „Justice delayed justice denied“ steht darunter: Verzögerte Justiz gleicht verweigerter Gerechtigkeit. Viereinhalb Jahre hat es gedauert, bis der Prozess „United States v. Zacarias Moussaoui, Criminal No. 01-455-A“ vor einer Woche begann. Er ist der einzige lebende Angeklagte in den USA für einen Terrorangriff, der die Stimmung im Land völlig verändert hat und die Weltmacht in zwei Kriege ziehen ließ, Afghanistan und Irak. Die 19 tatsächlichen Attentäter kann man vor kein irdisches Gericht mehr stellen, sie sind verbrannt in den drei Flugzeugen, die sie in das World Trade Center und das Pentagon steuerten, und dem vierten, das bei der Gegenwehr mutiger Passagiere abgestürzt ist.

In seiner Sehnsucht nach Sühne kann sich Amerika nun nur noch an Zacarias Moussaoui halten. Angehörige der Opfer sind für den Prozess angereist. Im achten Stock des Bezirksgerichts ist ein Raum für sie reserviert. Sie wechseln sich auf den Plätzen im Gerichtssaal ab, die mit „F“ für „family“ gekennzeichnet sind. Sie wollen am Ende ein Todesurteil hören. An zwei Tagen war auch Moussaouis Mutter im Gerichtssaal, auf einem „D“-Platz (Defense, Verteidigung), und Amerika sah das Drama der anderen Seite: Der Angeklagte würdigte sie keines Blickes.

Das Gericht hat seinen Sitz im Büroviertel der Kleinstadt Alexandria. Rundherum sind die Straßen abgesperrt, Sondereinheiten mit Maschinenpistolen bewachen die Gegend. 90 Minuten vor Verhandlungsbeginn werden die Türen geöffnet. Nur jene 15 Bürger oder Reporter, die die Sicherheitskontrolle am Eingang als Erste passieren und mit Glück einen Fahrstuhl erwischen, der ohne Halt in den 7. Stock fährt, haben eine Chance, einen schwarzen Aufkleber zu ergattern: den Tagespass für die wenigen Plätze in Gerichtssaal 700, die nicht für US-Marshalls, Gerichtszeichner, Angehörige oder Verteidigung reserviert sind. Die anderen müssen sich mit einem roten begnügen und können die Verhandlung gegenüber, in Saal 701, auf Monitoren verfolgen. Das Mienenspiel der Beteiligten ist da schwer zu sehen, die Geschworenenbank gar nicht.

Gespräche sind untersagt im 7. Stock. Auch Handys, Kameras und Tageszeitungen. Die Geschworenen sollen ihr Urteil allein auf Grund der Informationen im Verfahren treffen und stehen deshalb unter Nachrichtensperre. Zuschauer dürfen nur Papier und Stift dabei haben, alles andere wandert bei der letzten Kontrolle in einen Abfalleimer.

Doch dann hat die Hektik ein Ende. Im hohen Saal herrscht würdige Ruhe. Die Wände sind mit braunem Holz getäfelt, eine hüfthohe Barriere teilt den Raum in einen kleineren Bereich für die Zuschauer und einen größeren für das Verfahren. Ganz vorn thront leicht erhöht das breite Richterpult. Auf halber Höhe links der Zeugenstand, rechts an der Wand zwei Bänke für die Geschworenen. Ganz links sitzt der Angeklagte.

Richterin Leonie Brinkema, Ende 50, wirkt mit ihrem rundlichen Gesicht und den dunkelgrauen, zum Dutt gesteckten Haaren wie eine gütige Lehrerin. Aber sie kann resolut sein. Im Vorverfahren hatte Moussaoui wütend darauf bestanden, sich selbst zu verteidigen. Als offensichtlich wurde, dass er das nicht vermag, hat sie Pflichtverteidiger bestellt. Bei der ersten Runde im Hauptverfahren besteht er abermals darauf, sich selbst zu vertreten. Doch sie stoppt ihn, ohne die Stimme zu erheben: „Ach nein, das hatten wir doch schon.“ Und am Ende der ersten Woche, als die Jury den Saal bereits verlassen hat, eröffnet sie dem Staatsanwalt unverblümt, er werde die beantragte Todesstrafe wohl kaum erreichen, wenn er allein auf das Argument baue, Moussaoui habe von den 9/11-Plänen gewusst, aber geschwiegen. „Mir ist kein Fall bekannt, wo ein Todesurteil verhängt wurde, nur weil jemand ein Verbrechen nicht verhindert hat.“

Giftspritze oder lebenslänglich – darum geht es. Im April 2005 hatte Moussaoui sich in allen Punkten schuldig erklärt; später widerrief er allerdings, das Geständnis sei erzwungen worden. Die Anklage hat zwar noch keinen direkten Kontakt zwischen ihm und den 9/11-Attentätern nachweisen können, aber auch so wirkt das Belastungsmaterial erdrückend.

Am Donnerstag treten zwei Fluglehrer und ein FBI-Agent als Zeugen auf. Kassam Nazir, ein junger Pakistani, gut aussehend, Typ Playboy, beschreibt Moussaoui als unbegabten Schüler: eifrig, aber auch nach 55 Stunden auf einer einmotorigen Cessna nicht fähig, allein zu fliegen, geschweige denn den Privatpilotenschein zu bestehen. Ja, man habe auch über den Islam gesprochen, und Moussaoui habe ihn ermahnt, zu beten, die Moschee zu besuchen und sich von amerikanischen Mädchen fern zu halten – gute Muslime würden im Paradies mit Jungfrauen belohnt.

Clarence Prevost, 68, jener PanAm-Fluglehrer, dessen Hinweis letztlich zur Festnahme führte, ein fast zwei Meter großer Mann, ehemaliger Navy-Pilot, fand es dann komisch, dass ein Araber mit nur 55 Flugstunden und ohne Pilotenschein sein Training am Flugsimulator für den Jumbo mitmachen wollte. Als er erfuhr, dass Moussaoui die fälligen 8300 Dollar bar in lauter Hunderter-Noten bezahlt hatte, hatte er seinen Boss gedrängt, das FBI einzuschalten. Geduldig lassen sich Anklage und Verteidigung Pilotenkarrieren erklären: Flugstunden, Jettypen, Schulungen. Auf Monitoren, die alle Prozessbeteiligten vor sich haben, werden Schriftstücke gezeigt, die als Beweise dienen. In seinen E-Mails an die Fluglehrer hatte Moussaoui geschrieben, es sei sein Traum, einmal einen dieser Riesenvögel zu fliegen – wenn nicht in echt, dann wenigstens am Simulator –, und um Schulung auf einer Boeing-747 inklusive Navigation von New York-JFK nach London-Heathrow gebeten.

Als der Ankläger den Satz vorliest „After all, this is America, everything is possible“, lacht der Angeklagte.

Die Verteidigung will Moussaoui als Möchtegern-Terroristen darstellen, dem das Talent fehle. Man dürfe ihn nicht als „Rache-Ersatz für 9/11“ hinrichten, hat Anwalt Edward MacMahon im Eröffnungsplädoyer gesagt. Hätte der Angeklagte nach der abgebrochenen Schulung einen Passagierjet fliegen können, fragt er den Fluglehrer? „Nein“, sagt Clarence Prevost, fügt aber dann hinzu: „Doch wenn er die gewünschte Schulung bekommen hätte…“ Der Verteidiger unterbricht: „Das habe ich nicht gefragt“ und ruft „Einspruch!“, als die Anklage nachhaken will. Richterin Brinkema lässt die Frage zu.

Moderne Großflugzeuge sind so weit automatisiert, erläutert Prevost, dass selbst ein Moussaoui sie nach ausreichender Schulung steuern könnte.

Nicht wieder erkannt habe sie ihren Sohn, erzählt die Mutter der Fernseh-Korrespondentin von Al Arabija: so aufgedunsen und fatalistisch. Sie versteht nicht, dass er gestanden hat. Für sie ist er ein Opfer des Lebens im Westen: Alkohol und Drogen, bis er den Weg in die Moschee fand.

Bradley Burlingame aus Los Angeles, der einen Bruder an 9/11 verlor, sagt in einer Verhandlungspause draußen: „Ich bin manchmal in Versuchung, über die Barriere zu springen und ihm an die Gurgel zu gehen.“

Zacarias Moussaoui stößt beim Verlassen des Saals eine Verwünschung aus: „Gott verdamme Amerika!“

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