Zeitung Heute : Der letzte Tropfen

In Berlin fand am Dienstag eine Wasserkonferenz des Auswärtigen Amtes statt. Was passiert, wenn das Wasser auf der Welt immer knapper wird?

Dagmar Dehmer Hans Monath
206889_1_xio-image-47f273eddd9eb.heprodimagesgrafics82220080402s2_welt-wassermangel2sp.jpg

Für Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist „das Thema Wasser längst in der Außenpolitik angekommen“. Das sagte er bei der Eröffnung einer Wasserkonferenz mit fünf zentralasiatischen Staaten am Dienstag. Wo Wasser knapp werde, drohten Konflikte und Destabilisierung. Schon jetzt leiden nach einer UN-Schätzung rund 1,5 Milliarden Menschen unter Wassermangel. Bis 2030 könnten es doppelt so viele sein. Gründe dafür sind der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum. Vor allem drei Weltregionen sind Brennpunkte des Wassermangels: die Sahelzone, das Horn von Afrika und der Süden Afrikas sowie der Nahe Osten und Zentralasien. Nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC werden bis 2050 Indien, China und große Teile Südamerikas dazukommen.

Der Wissenschaftliche Beirat „Globale Umweltveränderungen“ der Bundesregierung (WBGU) hat in einem Gutachten über die Folgen des Klimawandels für Frieden und Sicherheit davor gewarnt, dass „Wasserstress“ zu einer Verschärfung von Konflikten und einer Destabilisierung ganzer Regionen führen kann. Dieser Einschätzung hat sich der EU-Außenbeauftragte Javier Solana angeschlossen. Am Dienstag wies die Chefin seines Frühwarnsystems, Helga Schmid, darauf hin, dass Wassermangel schon heute Folgen für die Sicherheit hat und sich diese durch den Klimawandel weiter verschärfen dürften. „Ohne die Verminderung der Treibhausgasemissionen und eine regionale Anpassung an den Klimawandel werden die Instrumente zum Konfliktmanagement stumpf“, sagte Schmid. Sie wies darauf hin, dass die Türkei und Syrien 1998 kurz vor einem Krieg standen, weil die Türkei dem Nachbarland vorwarf, die Kurdenrebellen von der PKK zu unterstützen. Deshalb drohte Ankara damit, die Wasserversorgung über die Flüsse Euphrat und Tigris zu unterbrechen, was in sämtlichen Nachbarländern Besorgnis auslöste. Auch eine Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt sei ohne effizientes gemeinsames Wassermanagement kaum denkbar. Das zeige auch das Gipfeldokument aus Annapolis, wo die Konfliktparteien unter der Moderation des amerikanischen Präsidenten verhandelt hatten. Sie wies aber auch darauf hin, dass selbst während der Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern in den vergangenen 15 Jahren ohne Unterbrechung über die grenzüberschreitende Wasserzuteilung verhandelt worden ist, wenn auch nicht immer erfolgreich. Aber: „So wichtig ist das Thema genommen worden“, sagte Schmid.

Unter deutscher Ratspräsidentschaft hat die EU im vergangenen Jahr eine Zentralasienstrategie verabschiedet. Neben den Öl- und Gasreserven der Region sieht die EU offenbar die strategische Bedeutung der Region. Sie grenzt an Afghanistan und die EU fürchtet die Bedrohung durch islamistische Bestrebungen sowie Drogen- und Waffenhandel. Daneben will die EU die Region nicht allein den Interessen von US-Ölfirmen überlassen, die dort mit Russlands Einfluss und seit neuestem auch mit chinesischem Einfluss und Begehrlichkeiten kämpfen.

Die Wasserkonferenz im Auswärtigen Amt ist ein erster konkreter Beitrag zu dieser Strategie. Und weil die fünf zentralasiatischen Staaten mit dem Austrocknen des Aralsees eine eindrucksvolle Wasserkatastrophe vor der Haustür haben, gibt es in Usbekistan, Kasachstan, Turkmenistan, Kirgistan und Tadschikistan ein Interesse daran, von den europäischen Erfahrungen im grenzüberschreitenden Wassermanagement zu lernen. Denn dass sie ein Problem haben, können sie nicht mehr ignorieren.

Die Gletscher des Pamir und Tuan Shan sind in den vergangenen Jahren um 25 Prozent abgeschmolzen – und der Prozess beschleunigt sich. Schon heute verfügt die Region über zu wenig Wasser und kooperiert zu wenig bei der Verteilung der Ressourcen. Der EU-Sonderbeauftragte für die Region, Pierre Morel, konstatierte in Berlin zu viele zu große Staudammprojekte mit großem Konfliktpotenzial für die Region. Er warb in Berlin für „kleinere Projekte“ zur Stromversorgung und eine bessere regionale Zusammenarbeit.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben