Zeitung Heute : Der letzte Umzug

Der Gang ins Seniorenheim ist ein Einschnitt. Familien schieben das Gespräch oft jahrelang hinaus: Aus Angst, Scham oder schlechtem Gewissen. Dabei kann eine frühe Vorbereitung allen Beteiligten helfen Wer frühzeitig plant, kann mehr selbst entscheiden.

Neue Horizonte. Mit dem Umzug aus der eigenen Wohnung in ein Pflegeheim beginnt ein neuer Lebensabschnitt – meist ist es der letzte. Der Schritt ist für die ganze Familie ein tiefer Einschnitt. Foto: Mauritius Images
Neue Horizonte. Mit dem Umzug aus der eigenen Wohnung in ein Pflegeheim beginnt ein neuer Lebensabschnitt – meist ist es der...Foto: mauritius images

Die Scheibe auf dem Plattenspieler dreht sich, und Regina Rauscher legt los: „Veronika, der Lenz ist da, die Vögel singen tralala“. Am Nachmittag singt die 79-Jährige gerne mal „ein, zwei Liedchen“. Dieses hier passe zwar nicht zur Jahreszeit, sei aber im Moment ihr Favorit.

Ihr schmales Handgelenk hebt den Arm des Plattenspielers an, schiebt das Vinyl in die Hülle zurück und stellt sie ins Regal – zu den etwa 200 anderen Langspielplatten. In ihrem hellen Zimmer in einem Berliner Altenheim fühlt sich die ehemalige Lehrerin mittlerweile zu Hause, „auch wenn meine Wohnfläche sich hier ziemlich verkleinert hat“. Regina Rauscher heißt eigentlich anders, dass sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat mit „dieser ganzen Umzugssache“ zu tun.

Vor zwei Jahren musste ihr Sohn beruflich ins Ausland gehen. Vorher hatte er sie jeden Abend in ihrer Wohnung besucht, eingekauft und sie regelmäßig zum Arzt gefahren. „Wir mussten damals unter großem Zeitdruck ein Heim für mich finden, das war für uns beide ziemlich traurig und sehr nervenaufreibend.“

Mutter und Sohn ging es damit wie vielen anderen Familien, in denen das Thema Alten- oder Pflegeheim unausweichlich wird: „Ich weiß, dass mein Sohn ein schlechtes Gewissen hatte und immer noch hat, weil ich mein gewohntes Umfeld aufgeben musste.“ Heinz Drenkberg, der Vorstandsvorsitzende des Vereins „Biva“, kennt diese Probleme. „Biva“ ist die Abkürzung für die Bundesinteressenvertretung der Nutzerinnen und Nutzer von Wohn- und Betreuungsangeboten im Alter und bei Behinderung. „Es fällt vielen Eltern und ihren Kindern schwer, über das Thema Alten- oder Pflegeheim zu sprechen.“

Denn die Kinder oder jüngeren Verwandten wollten vermeiden, dass sich die Eltern, Tanten oder Großmütter abgeschoben fühlten. „Und viele Senioren sind davon überzeugt, dass sie noch lange in der eigenen Wohnung leben können.“ Doch wie schneidet man das Thema an, ohne die älteren Verwandten zu verletzen? „Es kann zum Beispiel ein guter Anfang sein, wenn man gemeinsam im Internet nach möglichen Angeboten sucht“, rät Drenkberg.

Helfen könne aber auch dieser Gedanke: „Meist gehen alte Menschen erst ins Heim, wenn es gar nicht mehr anders geht.“ Wer sich früher mit diesem Schritt beschäftigt, hat hingegen viel mehr Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten. „Wobei die Auswahl natürlich auch von der finanziellen Situation abhängt.“ Damit die eigenen Vorstellungen von einem idealen Heim auch im Fall einer Erkrankung berücksichtigt werden, rät Heinz Drenkberg dazu, eine Vorsorgevollmacht aufzusetzen und sich damit an einen Verwandten zu wenden, dem man vertraut.

Die Biva selbst arbeitet seit vielen Jahren am sogenannten Heimverzeichnis, das online unter www.heimverzeichnis.de abrufbar ist und vom Bundesministerium für Verbraucherschutz gefördert wird. Auf dieser Seite werden Alten- und Pflegeheime aufgelistet, die von Heinz Drenkberg und seine Mitstreitern den „Grünen Haken“ bekommen haben, das bundesweit einzige Siegel für Lebensqualität im Alter. Zu den weichen Faktoren, nach denen der Biva die Heime bewertet, gehört etwa, ob die Bewohner aufstehen können, wann sie wollen oder ihr Zimmer so möblieren dürfen, wie es ihnen gefällt. Und auch, ob auf spezielle Wünsche Rücksicht genommen wird. So wie im Fall einer Bewohnerin, die ausdrücklich nur von Pflegerinnen gewaschen werden wollte – weil sie im Krieg vergewaltigt worden war.

Heinz Drenkberg selbst hat in den vergangenen Jahren mehr als 100 Heime begutachtet. So viele Einrichtungen hat sich Regina Rauscher vor zwei Jahren natürlich nicht angesehen. „Aber zwei Dutzend sind es schon gewesen.“ Zum Teil ist sie mit ihrem Sohn auf Besichtigungstour gegangen, manchmal mit einer Freundin.

„In meinem alten Kiez habe ich zwar eine Woche in einem Heim zur Probe gewohnt, aber das hat mir gar nicht gefallen“, erinnert sie sich. Nun lebt sie weit weg von ihren alten Freundinnen. „Die Anfangszeit hier war ziemlich hart, ich habe mich sehr einsam gefühlt und meistens alleine in meinem Zimmer gesessen.“

Inzwischen hat Regina Rauscher aber auch unter ihren Mitbewohnern neue Freunde gefunden, genießt die Bridge-Nachmittage, das Schwimmbad und die Möglichkeit, schnell unter Menschen zu sein, sich genauso schnell aber wieder zurückziehen zu können. „Eigentlich lebe ich heute viel unabhängiger als früher“, sagt sie und zieht sich eine Strickjacke über die rote Seidenbluse. Gleich gibt es Kuchen in der Cafeteria.

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