Zeitung Heute : Der Lichtblick

Die ganze Welt zeigt sich solidarisch mit den Menschen in Tibet. Was ist es, das dieses Volk so faszinierend macht?

Martin Gehlen

Weltweite Sympathie begleiten den blutigen Aufstand der Tibeter gegen Chinas Herrschaft – eine Aufmerksamkeit, die das kleine Himalaya-Volk vor allem einem Mann verdankt, dem Dalai Lama, seinem religiösen Oberhaupt. Seit er 1989 den Friedensnobelpreis erhielt, wird der 1959 ins indische Exil geflohene Mann bei seinen internationalen Reisen wie ein Popstar empfangen und wie eine gottgleiche Gestalt verehrt. Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt zeigen sich gern an seiner Seite – trotz deutlicher Warnungen aus Peking. Im September 2007 empfing Angela Merkel als erste deutsche Regierungschefin den Dalai Lama im Kanzleramt und zog sich den Zorn Chinas zu. Auch US-Präsident George W. Bush und der frühere französische Präsident Jacques Chirac ließen sich mit dem wohl bekanntesten Mönch der Welt ablichten. Der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel gehört zu seinen persönlichen Freunden, ebenso wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch oder der frühere Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, der aus den Händen des buddhistischen Oberhauptes sogar den Preis „Licht der Wahrheit" erhielt. Hollywood verehrt den sanften Gottesmann in Sandalen und rot-oranger Kleidung seit Jahrzehnten und widmete seinem Sechs-Millionen-Volk mit „Kundun“ und „Sieben Tage in Tibet“ zwei große Kinofilme. Stars wie der Schauspieler Richard Gere oder der Fotograf Richard Avedon meditieren in buddhistischen Himalaya-Klöstern und sammeln weltweit für ein unabhängiges Tibet.

Das ungleiche Paar Roland Koch und Dalai Lama trafen sich zum ersten Mal Mitte der 80er Jahre – und schlossen Freundschaft. „Sofort zieht den Gesprächspartner sein Charisma in den Bann, aber auch der persönliche Charme, seine Spiritualität, seine Bescheidenheit, seine Disziplin, das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit, seine ungebrochene Zuversicht und heitere Gelassenheit, sein ansteckendes Lachen“, erinnert sich der CDUPolitiker, der den Tibeter auch in den Hessischen Landtag einlud. Damals schon sprach der Dalai Lama vom „kulturellen Völkermord", Worte die er am Sonntag als Reaktion auf die Unruhen in seiner Heimat wiederholte. Er betonte aber auch die Bedeutung von Güte und Mitgefühl für das menschliche Zusammenleben. „Politik, aber unsere Welt generell“, so lautete das Fazit Kochs, „braucht Vorbilder wie den Dalai Lama“.

Das stete Lächeln ist das Markenzeichen des Friedensnobelpreisträgers. „Wenn Leute lachen, sind sie fähig zu denken“, hat er einmal gesagt. Sich selbst sieht er als einen „einfachen Mann“. Und diese Aura von Bescheidenheit, Güte und Schlichtheit überzeugt viele. In Deutschland ziehen seine Auftritte jedes Mal zehntausende Menschen an – sei es 2003 in die Waldbühne beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin, sei es im letzten Jahr im Hamburger Tennisstadion am Rothenbaum.

Um die Belange der Tibeter zu vertreten, nutzt der weltreisende Mönch vor allem die Macht der Medien. Im Fernsehen ist er mit seinem verschmitzten Lächeln und den lebhaft durch die übergroße Brille funkelnden Augen ein gern gesehener Gast. 40 Bücher hat er veröffentlicht und gilt speziell im Westen als moralische Instanz; als „Gott zum Anfassen“ – so nannte ihn der Spiegel – mit seiner universalen Botschaft von Völkerverständigung, Liebe, Frieden und Toleranz.

In der schwärmerischen Verehrung des Dalai Lama sieht die Tibetologin Nicole Graaf darum primär einen Spiegel westlicher Sehnsüchte und Projektionen: Das Bild von den frommen Tibetern, die Opfer chinesischer Willkürherrschaft geworden seien, komme bei Menschen im Westen, die von einer besseren Welt träumen, gut an, schrieb sie anlässlich der letzten Deutschland-Visite des Dalai Lama. Der „Mythos Tibet“ sei so alt wie die ersten Reiseberichte von dort. Und „der Schriftsteller James Hilton erschuf 1933, in seinem Buch ,Lost Horizon’, das mythische Tal Shangri-la, ein Paradies auf Erden, in dem versteckt zwischen den hohen Gipfeln des Himalajas nur rechtschaffene Menschen unter Führung eines erleuchteten Lamas lebten."

Dennoch: Der Dalai Lama hat trotz aller Rückschläge und Enttäuschungen immer auf friedliche Mittel gesetzt – was auch sein internationales Ansehen erklärt. Konsequent ruft er seine Landsleute auf, nicht mit Gewalt auf die Fremdherrschaft zu reagieren. Der einzige Weg zur Lösung des Konflikts sei der des Dialogs. Auch von der Forderung nach einer totalen Unabhängigkeit Tibets hat er sich inzwischen verabschiedet. Stattdessen bittet er um eine begrenzte Autonomie innerhalb Chinas – und um die Erlaubnis, in seine Heimat zurückkehren zu dürfen.

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