Zeitung Heute : Der liebe Frieden

Plötzlich sind sie wieder da: Millionen demonstrieren in aller Welt gegen den Krieg, als hätte es die Protestflaute der 90er Jahre nie gegeben. Aber es sind nicht mehr die Gleichen wie einst. Nicht mehr so dogmatisch, und manchmal haben sie auch anderes zu tun. Typologie einer Bewegung.

Thomas Loy

Neulich in Ebersberg. Ein Städtchen bei München mit viel Wald und einer Arbeitslosigkeit unter vier Prozent. Ebersberg, Rathaus. Ein Trupp Inspekteure in weißen UN-Kitteln dringt in die Büroräume ein und sucht nach waffenfähigem Material. Von Bleistiften werden Proben abgeschabt. Es besteht der dringende Verdacht, auf Graphit zu stoßen, einen Stoff, aus dem Bomben gemacht werden können – oder eben Bleistifte.

Eine Farce als Protestaktion der „Bürgerinnen gegen den Krieg im Landkreis Ebersberg“. Jahrelang hatte hier Ruhe geherrscht. „Alles war eingeschlafen in den 90er Jahren“, sagt Aktivist Peter Gebel. Dann kam der Kosovo-Krieg, und einige Ebersberger konnten die Ruhe nicht länger ertragen. Sie gingen auf die Straße, sie organisierten Aktionen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, erfüllten sie damit eine der Kategorien, die Soziologen für „Neue soziale Bewegung“ aufgestellt haben: Protest als Mittel.

Bei den Worten „Neue soziale Bewegung“ bekommen die Augen vieler Alt-Linker einen wehmütigen Glanz. Studentenbewegung, Umweltbewegung, Friedensbewegung. Ihre große Zeit waren die 70er und 80er Jahre. Dann ging der Kalte Krieg zu Ende. Kaum jemand hatte noch Lust, auf Demos zu gehen oder Nistplätze für den Turmfalken zu retten. Sieht man einmal von den Demonstrationen beim Golfkrieg 1991 ab, ostermarschierten die Reste der Friedensbewegung zeitweilig unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle.

Bis zum 15. Februar: Eine halbe Million Menschen protestieren in Berlin gegen einen Irak-Krieg. Es sind so viele wie vor mehr als 20 Jahren bei der Bonner Hofgarten-Demonstration gegen die Nachrüstung. In nahezu jeder Stadt gibt es seit Wochen Montagsdemonstrationen, Friedensgebete, Mahnwachen, Schweigemärsche oder Lichterketten – die längste vor zwei Tagen in Berlin. Was ist passiert? Ist sie wiederauferstanden, die totgeglaubte Friedensbewegung? Ist es vielleicht eine ganz neue Antikriegsbewegung, womöglich kraftvoller und überzeugender als die alten Make-love-not-war-Totalverweigerer? Oder gehen die Hunderttausende nur gegen diesen speziellen Krieg auf die Straße, und danach ist wieder Ruhe?

Erste Instanz für solche Fragen ist Dieter Rucht, „Bewegungsforscher“ am Wissenschaftszentrum Berlin. Früher hat er selber demonstriert, gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomkraft und Aufrüstung, heute analysiert der 56-jährige Soziologieprofessor lieber die Protestmärsche anderer.

Die alten Kämpen?

Am 15. Februar ließ Rucht 1430 Fragebögen verteilen. Rund die Hälfte kam zurück. Es waren hauptsächlich Abiturienten und Akademiker, die da auf die Straße gegangen waren. 64 Prozent stuften sich als „links“ ein, 19 Prozent sogar als „sehr links“. Zwei Drittel schenken Bürgerinitiativen und sozialen Bewegungen ihr Vertrauen, nur drei Prozent den Parteien. Und: 76 Prozent bekennen sich zum Glauben, „dass Kriege immer falsch seien“. Sieht also ganz nach der alten Friedensbewegung aus. Oder?

Ruchts Bewertung bleibt zurückhaltend: Nach dem Ende der Irak-Krise werde die Bewegung wieder auf einen harten Kern zusammenschmelzen – „ein paar hundert, vielleicht auch ein paar tausend Aktivisten“. Aber dieser harte Kern ist zäh, hat die friedenspolitische Dürreperiode der 90er Jahre fast unbeschadet überstanden. Einige der alten Kämpen mischen jetzt wieder mit, und doch hat sich sehr viel geändert. Hinzugekommen sind die Globalisierungskritiker von Attac und viele spontan gebildete Antikriegsgruppen. Zur Demonstration am 15. Februar hatten neben den Leuten von Attac und Friedensbewegten auch Menschenrechtler, Ökofundis, Exiliraker, Christen, Moslems, Gewerkschafter, Künstler, Schriftsteller, Marxisten, Sozialisten und Bündnisgrüne aufgerufen. Sogar Dr. Motte von der Love Parade wollte nicht abseits stehen. Eine bunte Truppe gegen den Krieg. Wer gehört da nun zum Kern der Bewegung?

Die Forscher tappen noch weitgehend im Dunkeln. Eine soziale Bewegung lässt sich zwar theoretisch beschreiben – klassische Merkmale sind der Protest, ein kollektives „Wir-Gefühl“, eine lose Vernetzung und eine gewisse Kontinuität –, aber über ihr komplexes Innenleben gibt es kaum aussagefähige Studien. Bewegungen erscheinen von außen wie eine „amorphe Masse“, sagt Rucht. Beginnt man empirisch hineinzufragen, sei das wie „ein Stochern im Nebel“. Davon nehmen viele Sozialforscher lieber Abstand.

Wir stochern trotzdem mal und testen die Macher des Protests auf ihre Bewegungstauglichkeit: einen Friedensaktivisten, einen Kampagnenmanager und einen geistigen Vordenker, der schon der alten Friedensbewegung zu Diensten war.

Der Aktivist liegt zwischen mehreren Isolierschichten Daunen und Kunstfaser unter der Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz. Zur Kälte kommt erschwerend hinzu, dass gehungert wird. Hungerstreik für den Frieden. Felix Pahl ist Anfang 30 und ein konzentrierter Denker auch nach elf Tagen Fastenzeit. In Cambridge machte er seinen Doktor in Physik. Im vergangenen Jahr tourte er fünf Monate durch die USA, um sich nach einer geeigneten Uni für ein Philosophiestudium umzusehen. Gefunden hat er keine, dafür reifte in ihm die Gewissheit, hier in Europa etwas tun zu müssen.

Pahl trat ins „Antikriegskomitee Prenzlauer Berg“ ein, ein loses Bündnis aus Parteien, linken Gruppen und Einzelpersonen. Trotz verschiedener Anwerbungsversuche blieb er ideologieresistenter Einzelaktivist. Mit linken Systemveränderern verbindet ihn nicht viel. Er ging auf Demonstrationen, blockierte den Zugang zur US-Air-Base in Frankfurt am Main, verteilte Info-Flyer in Berliner U-Bahnen und setzte sich schließlich auf den Alexanderplatz. Felix Pahl ist nicht grundsätzlich gegen militärische Interventionen. Nur eben gegen diesen Irak-Krieg. Pahl wünscht sich, diese Antikriegs-Kampagne möge in eine „neue 68er-Zeit“ münden. Einen solchen gesellschaftlichen Aufbruch würde er gerne mitgestalten.

Ist Felix Pahl ein Prototyp der neuen Friedensbewegung? Individualist, Pragmatiker und gleichzeitig Idealist? Wie definiert er sich? „Ich würde schon die Frage in Frage stellen.“ Definitionen beschränken das Denken. Auf den vielen Demos ist Pahl klar geworden, „wie zersplittert die Linke ist“. Viel zu viele Standpunkte unter dem gemeinsamen Dach des Antikriegskurses. Das klingt nicht unbedingt bewegungsfördernd.

Bewerten wir also den Friedensaktivisten Pahl nach streng soziologischen Kriterien. Protest als Mittel: ja. Kollektives Wir-Gefühl: nein. Vernetzung: ja. Kontinuität: ja.

Der Protestmanager hat seinen Sitz in Verden an der Aller. Dieser Tage bringen die Bauern dort die Gülle auf die Felder. Außer diesem spezifischen Geruch fällt hier nichts Besonders auf. Warum bloß Verden an der Aller? Und dann noch Artilleriestraße 6?

Attac-Mitgründer Christoph Bautz lächelt sanftmütig. Man war eben vor zehn Jahren auf der Suche nach alternativem Leben, und aus Verden waren gerade die britischen Soldaten abgezogen, da gab es Platz. Nicht genug, wie sich bald herausstellen sollte. Inzwischen ist das Attac-Bundesbüro nach Frankfurt am Main umgezogen. Bautz aber blieb in Verden, weil er seine Groß-WG nicht im Stich lassen wollte. Seitdem kümmert sich der 30-Jährige um „Resist“, die Antikriegskampagne von Attac und diversen Friedensgruppen. Die Wahl fiel auf ihn, weil er schon in der Anti-Atom-Bewegung aktiv war. Bautz weiß, wie man Aktivisten so gruppiert, dass sie eine Polizeikette sprengen können. Und wie man danach vor den Richter tritt. Was ihn motiviert, ist vor allem der Erfolg, „wenn statt 1000 plötzlich 3000 Leute an einer Blockade teilnehmen“. Dafür ackert er 60 bis 70 Stunden in der Woche – ehrenamtlich. Wenn die Antikriegs-Kampagne vorbei ist, will sich Bautz wieder um seine eigentlichen Anliegen kümmern: das Anprangern von Steuerflucht und verfehlter Verkehrspolitik.

Legen wir auch an ihn unsere Bewertungskriterien an. Protest als Mittel: ja. Kollektives Wir-Gefühl: nein. Vernetzung: ja. Kontinuität: nein.

Bautz fällt klar durchs Bewegungsraster. Ruht die Hoffnung also auf dem Grandseigneur des deutschen Pazifismus: Horst-Eberhard Richter, Ehrenpräsident von „Ärzte gegen den Atomkrieg“. Richter war schon 1984 in Mutlangen dabei, um gegen die Pershing- II-Raketen zu protestieren. Am 15. Februar, inzwischen 80 Jahre alt, sprach er vor 50000 Menschen in Stuttgart, davor war er in Graz, Wien, Salzburg, Göttingen, Wiesbaden, Mainz, zweimal an der Airbase in Frankfurt. „Bin völlig k.o.“, sagt der schmächtig gewordene Professor für Psychoanalyse. Und: „Ich denke, der Krieg wird bald losgehen.“ Nicht dass er deswegen resigniere – im Gegenteil. Denn die jetzige Bewegung sei anders als die der 80er Jahre: breiter, internationaler, aufgeschlossener, toleranter, mit mehr Pro und weniger Contra. Die alten Veteranen des antiimperialistischen Widerstands ließen sich zwar wieder blicken, hätten aber nichts mehr zu sagen. „Die DKP-Leute kommen heute ohne ihre Fahnen.“ Die Grabenkämpfe um Wortführerschaft und ideologische Ausgrenzung – alles passé, findet er.

Jetzt sitzen ihm vier Schüler gegenüber in seiner Gießener Praxis. Auf ihrer „Jugendzukunftskonferenz“ soll er sprechen. Thema Irak-Konflikt. 150 Schüler würden kommen. „Ach, das ist ja gar nichts“, mokiert sich Richter. Versöhnt ist er erst, als versichert wird, dass außer ihm zwei Frauen auf dem Podium sitzen werden. „Progressiv, sehr schön.“

Die Bestnote

Er wird seine Rede wieder mit einer einfachen Frage beginnen: „Wie alt bist du? 18? In deinem Alter bin ich in den Krieg gezogen…“ Richter erzählt dann von der Ostfront, vom Tod seiner Eltern und landet irgendwann bei Gorbatschow. „Das war damals eine große Hoffnung: Eine andere Welt ist möglich.“ Richter lehnt sich vor, mit Verve in der Stimme. Und sinkt wieder zurück. „Na ja, dann wurde Gorbatschow eben abgesägt.“ Aber wegen solcher Erfahrungen aufhören zu kämpfen? Ein Horst-Eberhard Richter doch nicht. Er war und ist Optimist – und mittlerweile auch Attac-Mitglied.

Weshalb Vordenker Richter auch eine eindeutige Bewertung bekommt. Protest als Mittel: ja. Kollektives Wir-Gefühl: ja. Vernetzung: ja. Kontinuität: ja. Der Altvater der Friedensbewegung ist also noch voll bewegungstauglich, der Nachwuchs nur bedingt. Ein Indiz für das Absterben sozialer Bewegungen?

Dieter Rucht lässt sich seinen Forschungsgegenstand nicht so einfach ausreden. Der Charakter von Bewegungen habe sich verändert – sie seien weniger an soziale Milieus gebunden, bündnisfähiger und thematisch flexibler als früher. Wenn Polizisten, Zahnärzte oder Lehrer demonstrieren, übernähmen sie quasi das Politikmodell der sozialen Bewegung. Rucht hat schon mal darüber nachgedacht, ob wir uns auf dem Weg in eine „Bewegungsgesellschaft“ befinden. Der Bundesregierung hat er gerade ein Gutachten geschrieben – Kernaussage: Das „Protestvolumen“ nimmt seit 1950 kontinuierlich zu.

Wie also steht es um den lieben Frieden? Er steht weiterhin links, aber er ist nicht mehr so marxistisch-dogmatisch unterwandert wie früher. Wer gegen Krieg ist, muss sich nicht mehr schämen, dass er sonst recht zufrieden ist. Für Frieden wird friedlicher gestritten, wenn auch nicht mehr so bewegt. Man hat halt noch anderes zu tun im Leben. Wer sich freimachen kann, wird aber gewiss vorbeischauen: Der nächste Protesttermin ist der Tag X. Kriegsbeginn.

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