Zeitung Heute : Der Liebeskummer von Dortmund

Er war der Klub der Bodenständigen und der Stolz der Fans. Doch dann sollte bei Borussia plötzlich alles anders sein: neu – und neureich. Jetzt ist der Verein abgestürzt, sportlich und finanziell. Besuch in einer Stadt, die nach ihrer Identität sucht.

Helmut Schümann[Dortm]

In Sichtweite des verrosteten Hochofens gründelt ein Bagger im Erdreich. Daneben tackert sich ein Bohrer in die Tiefe. Aber „tackern“ ist das falsche Wort, „tackern“ suggeriert Geschwindigkeit, „tackern“ erinnert an einen emsigen Specht. Der Bohrer hier auf Phoenix-West im Dortmunder Süden indes scheint eher den Elefanten nachzuahmen, der gemächlich seinen Rüssel ins Wasserloch steckt. Und der Bagger daneben mampft auch nur gemütlich. Gut Ding braucht eben Weile, und das neue Dortmund – nichts Geringeres soll nämlich hier entstehen – baut sich nicht an einem Tag.

Zumal ein paar hundert Meter Luftlinie weiter westlich zu besichtigen wäre, wohin allzu viel Tempo beim Marsch in die Zukunft auch führen kann: in den Kollaps. Ein paar hundert Meter Luftlinie von der Baustelle Phoenix ist der Bauplatz Westfalenstadion fein gesäubert, der Prachtbau gerichtet. Ein Gigant unter den Stadien steht da, trutzig, von acht 62 Meter hohen Pylonen umrahmt, mit 666 Tribünenstufen ein Gebirge, ein Koloss aus 1940 Tonnen Konstruktionsstahl und 24000 Kubikmetern Beton, modern ist der Gigant, und die Südtribüne, auf die 25000 Menschen passen, darf sich als größte Stehplatztribüne Europas feiern – das Zeug zum Wahrzeichen der Stadt hat das Westfalenstadion allemal.

Allein, der dort beheimatete Ballspielverein Borussia Dortmund 09 ist nicht mehr vorzeigbar. Spätestens seit in den vergangenen Wochen die Bosse des Fußballklubs, Präsident Gerd Niebaum und Manager Michael Meier, widerspenstig die wirtschaftliche Bilanz des Geschäftsjahres 03/04 vorlegen mussten, wurde offenkundig, dass ihr Traum, Global Player der Sportunterhaltung zu sein, eine Schimäre war. Borussia Dortmund, zuletzt Deutscher Fußballmeister 2002, börsennotiert seit 2000, Champions- League-Gewinner 1997 und mit diesen jüngeren Eckdaten zumindest verbal die Zukunft des Wirtschaftsfaktors Fußball, steht mit einem Halbjahresminus von 29,8 Millionen Euro extrem dumm da. Ausgerechnet der Klub, dem so gerne die Augen feucht werden bei der Erinnerung an die bodenständige und dreckige, aber ehrliche Vergangenheit, hat sich verirrt in Fantasia und darf nun als Parvenü gelten, der sich überhoben hat. Wenn wenigstens die Borussia noch siegen würde auf dem Rasen. Doch folgt der Sport den Bossen: Platz sieben in der Bundesligatabelle weist die Zwischenbilanz zehn Spieltage vor Saisonschluss aus, die Qualifikation zur Champions League ist verpasst, die zum UEFA-Cup stark gefährdet – ein sportlicher Konkursantrag.

70000 Arbeitsplätze sind weg

Dergleichen kommt vor in einer Branche, in der der Lauf des Balles alle Kalkulationen und Spekulationen binnen 90 Minuten zunichte machen kann – dergleichen aber wiegt schwer in einer Stadt, die sich wie keine zweite in Deutschland mit ihrem Fußball identifiziert, in der der Fußball zur Stadt gehört wie der Karneval zu Köln. Zwar ist die Stadt seit zehn, 15 Jahren um den Strukturwandel bemüht. Und wenn man durch die Straßen läuft, in denen die Menge der baulichen Aktivitäten der Berlins in der Nachwendezeit ähnelt, ist in der Tat sichtlich, dass außer dem stillgelegten Hochofen auf Phoenix und dem weithin sichtbaren „U“ der Unionbrauerei am Hauptbahnhof nichts mehr an die alte Prägung von Stahl und Bier erinnert. Informations- und Kommunikationswirtschaft, Mikrosystemtechnik und Logistik, das sind die Branchen, mit denen Dortmund den Verlust von 70000 Arbeitsplätzen aus der Zeit der Stahlkrise Ende der 90er Jahre zu kompensieren versucht. Wie es aussieht, nicht ohne Erfolg. Aber wer weiß das schon? „Zwei von zehn Leuten, die, die den Startschuss nicht gehört haben, würden wohl Stahl und Bier als Dortmunds Aushängeschilder nennen“, sagt Fritz Eckenga, „und den restlichen acht fällt Borussia zu Dortmund ein und sonst nichts.“

Eckenga ist Kabarettist, eine Ruhrgebietsgröße, ist Hardcore-Fan der ersten Stunde, Dauerkartenbesitzer und Stehplatzverfechter bis zu jenem Tag in der vergangenen Saison, an dem ein Freund an der Schwelle zum 50. Lebensjahr in schönster Ruhrgebietsprosa meinte: „Hömma, Fritz, sollen wir nicht mal sitzen gehen?“ Man könnte also sagen, Eckenga ist keiner jener verklärenden Fans, die der Sozialromantik nachhängen und die Folklore für Realität halten. „Man hat uns eine Luftnummer vorgespielt, und die hat für eine schöne Zeit gereicht“, sagt er. Glorreiche Tage seien das gewesen, mit wunderschönen Auslandsreisen und dem erhabenen Gefühl, dem FC Bayern München einmal sagen zu können, dass der Meister aus Dortmund kommt. Eine strahlende Nacht sei das gewesen, erzählt er, als er im Auge des Tigers, im Münchner „Nachtcafé“, nach dem im Olympiastadion errungenen Sieg der Champions League, einer offensichtlich etwas schnöseligen jungen Dame erklären konnte, dass die Zechen längst dicht sind in Dortmund und dort auch niemand mehr in Höhlen haust. „Du sprichst ja Hochdeutsch“, hatte die junge Dame verwundert gesagt. Er hatte gelacht und war sofort in den angestammten Slang verfallen. Das war es doch, die Borussia hatte stolz gemacht. Die sich daraus ergebende Luftnummer mit dem immer noch größeren Stadion, den immer noch teureren Stars, „war die nötig? Die war nicht nötig, wir hätten auch mit Niederlagen leben können, wir brauchen nicht die Avantgarde des Fußballs zu sein.“

Die Avantgarde des Fußballs? Ein paar Jahre lang durfte Borussia als die Avantgarde des neuen Dortmund angesehen werden. Ein paar Jahre lang hieß von der Borussia lernen siegen lernen. Nun röchelt Borussia, krankt mit ihr die Stadt? Ulrich Andreas Voigt ist Intendant des Konzerthauses, das vor knapp zwei Jahren den Betrieb aufgenommen hat. Beide, Voigt und das Konzerthaus, haben eine kleine Erfolgsgeschichte geschrieben. 300000 Menschen kamen im ersten Jahr zu 265 Veranstaltungen, das Feuilleton hat sehr wohlwollend den Blick nach Dortmund gerichtet. Voigt sagt solche simplen Weisheiten, „dass der Strukturwandel auch abgesichert sein muss“. Mit einem Etat von etwa zwölf Millionen Euro muss er auskommen, ein Drittel davon trägt die subventionierende Stadt, ein Drittel tragen Sponsoren, für den Rest muss er selber aufkommen durch den Ticketverkauf. „Im Vergleich liegen wir damit in Deutschland zwischen der ersten und der zweiten Liga.“ Damit fahre man gut, „und ab und an gelingt uns auch ein Champions-League-Programm“. Also keine Luftnummern, keine Hysterie, keine New-Economy-Blasen? „Ach, ich weiß nicht, ob das bei Borussia gegeben war, das sind doch hervorragende Manager im Verein“, sagt Voigt. Aber lernen will er wohl doch nicht von ihnen.

Die Borussia und Dortmund, das war auf dem sportlichen Höhepunkt eine innige Symbiose. Und auch in der aktuellen Situation hat sich die Stadt beeilt, an ein fünfseitiges Papier über die Bedeutung des BvB für Dortmund ein Appendix anzuhängen: „Stadt und BvB sehen sich im Schulterschluss. Gerade in schwierigen Situationen ist es ein probates Mittel, zusammenzuhalten und sich bei auftretenden Schwierigkeiten den Rücken zu stärken.“ Nun ja, Gerhard Langemeyer, der Oberbürgermeister, mochte nicht mal antworten auf die Frage nach einem Gespräch über Dortmund und seine Borussia, Winfried Materna, der Präsident der IHK Dortmund und Aufsichtsrat der Borussia, hat mit dem Verein ausgemacht, sich nicht mehr zu äußern und hält sich daran. Und Uli Sirau, der oberste Stadtplaner, bellt nur ins Telefon, dass die Krise der Borussia lediglich einer „überzogenen Berichterstattung in den Medien“ entspringt und den „Standort Dortmund nicht tangiert, weil Borussia kein Markenzeichen der Stadt ist, sondern lediglich Werbeträger“. Wie man’s will, so dreht man’s halt.

Spagat zwischen Alt und Neu

Im achten Stock des „Stadthauses“ am Südwall hat man einen hervorragenden Blick über Dortmund. Man sieht die Kräne, die sich drehen, man sieht das Grün am Stadtrand, wenn man ihn sehen will, sieht man den Wandel der Region. Jörg Stüdemann sitzt hier oben, der Stadtrat für Kultur, Sport und Freizeit. Und der hat noch einen anderen Wandel ausgemacht, nämlich „einen dramatischen Mentalitätsumbruch“. Die alte Mixtur aus westfälischer Bodenständigkeit und harter körperlicher Arbeit stimme nicht mehr. Dortmund verwandele die Hinterlassenschaften der Schwerindustrie in Zentren für Hochtechnologie, mit Arbeitsplätzen für bestens ausgebildete Fachkräfte, denen in der Freizeit der Sinn nicht nach Proletarierkultur stehe, sondern nach leichter und leicht zu konsumierender Unterhaltung. Dortmund, die Yuppie-Town der Zukunft? „Der BvB“, sagt Stüdemann, „hat auf jeden Fall den Spagat gewagt zwischen Alt und Neu und ist, unabhängig von der derzeitigen schwierigen Situation, so etwas wie die ästhetische Aufbereitung dieses Mentalitätsumschwungs.“

Auf dem Trainingsplatz neben dem Westfalenstadion steht Frank, 39, Schlosser, nicht arbeitslos, in guten wie in schlechten sportlichen Zeiten Anhänger der Borussia und als Besucher der Südtribüne einer von jenen Fans, die immer herhalten müssen, wenn es mal wieder heißt, die Borussia sei so wichtig für die Region: für die Fans, die sonst nichts haben. „Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten“, sagt er. „Die teuren Spieler werden ja wohl verkauft werden müssen, und wenn wir dann mit jungen und vielleicht nicht so guten weitermachen, dann ist es gut. Die andere Möglichkeit ist die, dass die weitermachen wie bisher. So auf neureich tun. Dann weiß ich nicht mehr, wen ich lieben soll.“

Möglicherweise geht mehr kaputt als nur der Ballspielverein Borussia Dortmund 09. Auch, wenn Phoenix aus der Asche steigt.

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