Zeitung Heute : „Der LSD-Trip dauerte die ganze Nacht“

Sie liebt die Arbeit mit durchgeknallten Regisseuren und das betuliche Zehlendorf. Warum Irm Hermann „Oh Maria hilf!“ beim Duschen singt und in Indien Mörtel rührte.

Interview: Stefanie Flamm Foto: Kai-Uwe Heinrich

Frau Hermann, welche Frage möchten Sie heute einmal nicht gestellt bekommen?

Naja. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass es für mich schön wäre, nicht über Fassbinder zu sprechen. Ich fürchte nur, das geht nicht. Es führt ja alles immer wieder auf ihn zurück.

Warum? Sie haben nur bis Mitte der 70er Jahre mit Fassbinder gelebt und gearbeitet, nicht einmal zehn Jahre. Danach kamen andere große Namen: Schlöndorff, Neuenfels, Loriot, Schlingensief. Gerade spielen Sie in Sebastian Baumgartens Inszenierung „Requiem“ in der Komischen Oper, im Kino läuft …

... aber der Fassbinder hat mich geprägt, er hat mich zur Schauspielerin gemacht. Und im Nachhinein profitiere ich davon. Das war damals noch nicht absehbar. Als junge Frau habe ich, das können Sie mir wirklich glauben, Tiefen des Lebens kennengelernt, die andere nicht einmal in ihren Albträumen sehen.

Das müssen Sie schon genauer erklären.

Ich habe den Rainer wirklich geliebt, ganz ohne Hintergedanken. Als wir uns begegneten, war er ja noch nicht der Fassbinder, sondern ein pummeliger Junge mit großen Plänen. Der hatte gerade mal einen kleinen Kurzfilm gedreht. Er ist dann mit in mein winziges Einzimmer-Appartement in Schwabing gezogen. Nach und nach kamen dann auch seine Männer dazu. Homosexualität war für mich etwas ganz Unvorstellbares, ich hatte damit nichts am Hut. Trotzdem bin ich mit dem nachts durch die Parks gezogen, um hübsche Griechen aufzureißen. Ich habe mich total aufgegeben.

Sie haben nie gesagt: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, mache ich hier die Regeln?

Sie sind mir ja lustig. Wie denn? Ich hatte, seit ich 13 war, als Verlagskaufmann gearbeitet, so sagte man damals. In dieses Leben konnte und wollte ich nicht zurück. Fassbinders Theater war meine Befreiung, mein persönliches 1968. Aber ich blieb sein Geschöpf. In seinem Kopf habe ich bis zuletzt diese Bürgerlichkeit verkörpert, die er in seinen Filmen brauchte und nach der er sich irgendwie auch sehnte. Er hat mich ja in fast jedem Film besetzt, obwohl er immer wieder gesagt hat, die blöde, hässliche Kuh soll gehen. Die kann nichts.

Wann haben Sie gemerkt, dass das nicht stimmt?

Wie meinen Sie das?

Wann haben Sie begriffen, dass Sie eine richtig gute Schauspielerin sind?

Von außen habe ich recht bald erfahren, dass ich eine Schauspielerin bin, viele Leute aus meiner Generation erkannten mich auf der Straße, manche sogar an der Stimme. Kein Mensch bleibt sein ganzes Leben Autodidakt, das zu behaupten wäre kokett. Doch es hat lange gedauert, bis ich mich auch innerlich als Schauspielerin gefühlt habe.

Gab es einen konkreten Moment?

Es gab mehrere. 1982 bekam ich für Percy Adlons „Fünf letzte Tage“ zum zweiten Mal den Bundesfilmpreis. Und dann bei der Uraufführung von Peter Turrinis „Grillparzer im Pornoladen“ Anfang der 90er Jahre am Berliner Ensemble. Da stand ich mit Volker Spengler ganz alleine auf der Bühne und hatte unendlich viel Text zu sprechen und plötzlich wurde mir klar: Ich kann das wirklich. Das ist mein Beruf.

Sie lebten da schon über zehn Jahre im beschaulichen Zehlendorf. Was hatte Sie dorthin verschlagen?

Ulrich Heising hatte mich an die Freie Volksbühne geholt. Ich wäre Ende der 70er Jahre überall hingegangen, auch nach Frankfurt oder Köln. Ich musste irgendwie Geld verdienen. Zuerst habe ich in einer WG in der Schlüterstraße gewohnt, dann kam auch mein Mann nach Berlin, und wir fanden eher zufällig etwas zur Untermiete in Zehlendorf. Das sagte mir gar nichts. Im Nachhinein war Zehlendorf ein guter Ort für eine Familie, es ist sehr ruhig hier, hinter dem Haus beginnt der Wald.

War es auch eine Flucht vor dem exzessiven Bohème-Leben, das Sie in München geführt hatten?

Ach wissen Sie, die Exzesse, auf die Sie anspielen, haben mir nie Spaß gemacht. Ich habe bis zu meinem 30. Geburtstag viel geraucht, aber ich musste schon immer nach zwei Glas Wein kotzen. Und mit Drogen hatte ich nichts im Sinn. Drogen machen Menschen kalt, das konnte man bei Fassbinder gut beobachten.

Sie haben nie mal etwas probiert?

Nicht freiwillig. Einmal hat Rainer mir in Hamburg vor der Generalprobe von „Frauen in New York“ Meskalin ins Essen gemischt. Ich wusste überhaupt nicht, was da passiert, warum sich alles vor mir dreht und schiebt. Ein anderes Mal, kurz vor dem endgültigen Bruch, ich kannte meinen heutigen Mann schon, hat er mir LSD gegeben. Der Trip dauerte die ganze Nacht. Das Auto, in das ich einsteigen sollte, schien mir so winzig. Ich habe die ganze Zeit gelacht. Und dieses Gefühl, dass einem alles wurscht sein kann, weil man so schön in der Ursuppe schwimmt, das hatte ich nie wieder.

Und da hatten Sie wirklich keine Lust auf einen neuen Trip?

So weit kam es nicht, weil ich danach einen totalen Kreislaufkollaps erlitten habe. Ich musste wochenlang zur Akupunktur, und nach dieser Behandlung bin ich schwanger geworden. Ich, die ich dachte, ich krieg nie ein Kind! Ich erzähle Ihnen davon so genau, damit Sie verstehen, dass im Leben am Ende alles immer einen Sinn ergibt. Hätte ich dieses LSD nicht genommen, hätten mein Mann und ich vielleicht nie eine Familie gegründet, und wir säßen hier nicht bei Kaffee und Kuchen.

Das klingt religiös.

Ich bin religiös, obwohl ich mit 18 aus der Kirche ausgetreten bin. Das war ein reiner Protestakt. Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht. Seit vielen Jahren lebe ich wieder mit der Hoffnung, dass es einen Gott gibt. Ich gehe gerne in Kirchen, manche haben eine Mystik, da kann man sich geborgen fühlen.

In „Requiem“ gibt es eine Szene, in der Sie Marienlieder schmettern, als hätten Sie Ihr Leben lang nichts anderes getan.

Großer Gott wir loben dich, Oh Maria hilf, Gottes Mutter Süße. Ich war selbst erstaunt, dass ich die noch alle auswendig kann. Den Katholizismus können Sie nicht so einfach ablegen. Der bleibt für immer. Während der Proben habe ich mich oft dabei ertappt, diese Lieder morgens unter der Dusche zu singen. Es passiert mir oft, dass ich meine Arbeit ganz unbewusst in meinen Alltag integriere. Wenn ich gerade eine aggressive Rolle spiele, bin ich daheim unausstehlich, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt. Die Texte zu „Requiem“ …

… die auf Interviews zurückgehen, die Jan Kauenhowen in einem Sterbehospiz geführt hat …

... haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Da spricht kein Mensch vom Jenseits. Es ist die ganze Zeit die Rede von den Kindern, den Krankheiten, von Kaiser Wilhelm und vom Krieg. Aber keiner der Sterbenden fragt sich, was nach dem Leben kommt. Ich glaube, das kann daran liegen, dass diese Interviews in der ehemaligen DDR aufgenommen wurden. Bayerische Katholiken würden vielleicht eher über den Tod sprechen.

Spricht die ehemalige bayerische Katholikin Irm Hermann denn vom Tod?

Ständig. Schon als Kind war der Tod in meinem Leben allgegenwärtig. Ende der 40er Jahre, als es nichts gab in München, bin ich mit meinen Eltern zum Beerensammeln auf die Friedhöfe gegangen, mit so blechernen Milchkannen. Das Spannendste war für mich immer das Leichenschauhaus. Als Kind hat man ja noch keine Angst vorm Sterben. Das kam bei mir erst mit 40. Seither habe ich das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben. Schon wenn ich, wie heute Morgen, länger als bis sieben, halb acht im Bett liege, fühle ich mich schuldig, weil es keine Art ist, sein Leben so zu vertrödeln. Freizeit ist für mich das Letzte. Die Vorstellung, für ein paar Tage eine Städtereise zu machen, kommt mir vollkommen grotesk vor. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin vielleicht die einzige Achtundsechzigerin, die noch nie in der Toskana war.

Was machen Sie, wenn Sie gerade nicht arbeiten?

Ich versuche, aktiv zu sein, ich meditiere, ich jogge, gehe spazieren, mache Yoga. Und wenn ich zu all diesen Dingen keine Lust habe, es ist ja ein ewiger Kampf, dann habe ich Schuldgefühle.

Ende der 70er Jahre haben Sie sich für ein paar Monate nach Indien zurückgezogen. War das ein Versuch, sich endlich mal locker zu machen?

Ich bitte Sie, ich war doch nicht zum Kiffen in Goa! Meine damaligen Mitbewohner, die Kostümbildnerin Ellen Eckelmann und Rainer Langhans …

... Sie haben einmal mit dem Kommunarden Rainer Langhans zusammengelebt?

Nur kurze Zeit, aber nicht in seinem Harem, falls Sie das meinen. Langhans war damals schon Schüler von Sant Kirpal Singh. Er hat mir geraten, mal einen Break im Ashram von Pondicherry zu machen. Ich wollte zuerst nur drei Wochen bleiben, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Am Ende wurden drei Monate draus.

Wie haben Sie die genau verbracht?

Ich bin jeden Tag um halb fünf Uhr morgens aufgestanden, habe meditiert und viele Bäume gepflanzt. Wenn es Strom gab, haben wir Mörtel angerüht, um am Matrimandir zu bauen, einer Gedenkstätte für den indischen Heiligen Sri Aurobindo. Wer wie ich von Kind an Disziplin gewohnt ist, der kann sich nicht einfach so gehen lassen. Ich habe das auch an meine Söhne weitergegeben. Die lachen bis heute darüber, dass ich sie morgens immer mit „Auf zum Schichtl“ geweckt habe, als ginge es aufs Volksfest. Schichtl war ein berühmter Schausteller auf dem Münchner Oktoberfest.

War es für Ihre Söhne schwierig, die strenge Mutter und die Schauspielerin Irm Hermann unter einen Hut zu bekommen?

Als die Kinder klein waren, war ich viel zu Hause. Ich habe erst Anfang der 90er Jahre wieder richtig losgelegt. Mein Ältester, der Franz, er lebt heute als Klarinettist in Nordnorwegen, der ist damals schon gerne mit auf die Premieren gekommen. Der jüngere, Fridolin, findet noch immer eine Ausrede.

Die alten Filme haben Sie sich schon mit der Familie angeschaut, die kommen ja ständig im Fernsehen?

Nein. Meine Söhne fangen erst sehr langsam an, sich dafür zu interessieren. Fridolin, er studiert in Magdeburg auf Lehramt, traf sich mal mit Freunden, die, was er nicht wusste, doch tatsächlich „Angst essen Seele auf“ auf DVD guckten …

… der wohl berühmteste Fassbinder-Film mit Brigitte Mira in der Rolle einer deutschen Putzfrau, die einen jungen Ausländer heiratet. Sie spielen die Tochter und Fassbinder Ihren Ehemann …

... und als ich meinen Sohn frage, wie ihm der Film gefallen habe, sagt der doch tatsächlich, er habe nicht mitgeschaut.

Ärgert Sie das?

Er befürchtet wohl, seine Mutter könnte peinlich sein.

Hat er Grund zu dieser Annahme?

Ich denke nicht. Ich habe eigentlich nie etwas gemacht, wozu ich nicht stehen kann.

Gibt es eine Rolle, die Sie gerne gespielt hätten, aber nie bekommen haben?

Ich glaube, ich wäre im bayerischen Volkstheater gut gewesen. Doch mit dem Avantgarde-Stempel hat man mich natürlich nicht mit Volkstheater in Verbindung gebracht.

Und in welchem großen Kinofilm hätten Sie gerne mitgemacht?

Wenn es den gäbe, würde ich es Ihnen nicht sagen. Das wäre anmaßend.

Vielleicht geben Sie einen kleinen Tipp: eher französisches Kino oder Hollywood?

Eindeutig Hollywood. Ich liebe den Glamour schon sehr. Kino, das sind für mich Träume, Geschichten zum Mitfühlen, Miterleiden. Ich habe mit Fassbinder eine Menge amerikanischer B-Pictures gesehen. Später dann viele französische Nouvelle-Vague-Filme. Jean-Luc Godards „Außer Atem“, und „Jules und Jim“ mit Jeanne Moreau habe ich mindestens zehn Mal gesehen. Heute mag ich diese Filme nicht mehr, in denen Sex and Crime im Mittelpunkt stehen.

Wie konnten Sie da in Max Färberböcks „Anonyma“ mitmachen? Es geht um die Vergewaltigung deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee.

Das ist doch etwas ganz anderes. Der Film basiert auf dem Tagebuch einer Journalistin aus dieser Zeit. Nach dem ersten Lesen des Drehbuchs hatte ich befürchtet, dass die Geschichte leicht nach hinten losgehen könnte: auf der einen Seite die deutsche Frau als Opfer, auf der anderen Seite die bösen Russen. Doch ich finde, dass Max Färberböck genau den schmalen Grat getroffen hat, der beiden Seiten gerecht wird. Ich spiele eine Witwe, die sich mit den Russen arrangiert, um für sich und die anderen Frauen im Haus Vorteile herauszuschlagen.

Was würden Sie nie machen?

Exhibitionismus.

In Christoph Schlingensiefs Stück „Atta Atta. Die Kunst ist ausgebrochen“ werden Sie symbolisch vergewaltigt, auf den Boden gezerrt und mit einer braunen, kotähnlichen Flüssigkeit beschmiert.

Bei Schlingensief kommt so etwas mitunter vor. Der hat bei mir einen Bonus. Der ist so unberechenbar, das finde ich wahnsinnig spannend. Schon im deutschen Kettensägenmassaker …

… Schlingensiefs Wiedervereinigungs-Horrorfilm aus dem Jahr 1990, in dem Sie eine hysterische Zöllnerin spielen …

... gibt es eine Szene, in der ich mir in einem Autofenster ganz hektisch die Lippen anmale und dazu ganz schnell wirres Zeug rede. Das hat mich hinterher selbst überrascht.

Sind Ihnen solche Szenen peinlich?

Schlingensief macht ja keinen Realismus, seine Stücke und Filme sind so überhöht, dass man da vieles mit sich geschehen lässt. Ich war auch in Namibia mit ihm und Patti Smith. Wir haben wochenlang in Lüderitz gedreht, einem Ort, von dem in jedem Reiseführer steht, dass man da bloß nicht hinfahren soll. Die Unterkunft war grauenhaft, es war kalt und windig, und wir mussten die ganze Zeit ein deutsch-englisches Kauderwelsch reden. Jetzt läuft der Film in Ausschnitten und ohne Ton im Museum. Unglaublich!

Haben Sie sich nie gefragt, warum Sie wieder an so einen maß- und rücksichtslosen Regisseur gerieten?

Christoph ist ein extremer, aber kein rücksichtsloser Regisseur. Er ist besessen von seiner Kunst. Anders als Fassbinder hat er mich nie schlecht behandelt. Im Gegenteil. Ich glaube, er liebt und verehrt mich sehr.

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