Zeitung Heute : Der Luftkampf

In Afghanistan fliegen die Rettungssanitäter der US-Armee die Verletzten aus der Gefechtszone. Ihr Alltag besteht vor allem aus Warten – und der Angst vor dem, was kommt, wenn das Warten ein Ende hat.

Carsten Stormer[Kabul]
„Urgent“. Der Hubschrauber muss innerhalb von acht Minuten in der Luft sein, wenn ein Notruf mit der Priorität „dringend“ bei den Sanitätern eingeht. Alle Fotos: Carsten Stormer
„Urgent“. Der Hubschrauber muss innerhalb von acht Minuten in der Luft sein, wenn ein Notruf mit der Priorität „dringend“ bei den...Foto: Carsten Stormer / Zeitenspiegel

Was ist das für ein Warten? Darauf, dass ein Fahrzeug auf eine Sprengfalle fährt, dass irgendwo von einem Hausdach aus ein Scharfschütze abdrückt, dass eine Rakete einschlägt, abgefeuert von einer behelfsmäßigen Abschussrampe?

Sekunden werden zu Minuten zu Stunden zu Tagen, auch an diesem Abend. Katie Dirkintis, 21, und Sean Hagens, 23, sitzen in einem schmalen Raum mit Wänden aus Spanplatten und schauen „Dexter“, die Serie über einen Serienkiller aus Miami. Der Tod ist überall, auch im Fernseher. Es ist ein nebeliger, kalter Tag. An der Wand schlägt eine Uhr die Zeit in Splitter.

Katie Dirkintis und Sean Hagens sind Sanitäter der 82. Combat Aviation Brigade, Charlie Company. 29 Piloten und Sanitäter in ständiger Bereitschaft. Seit Anfang August 2011 sind sie in der Provinz Logar in Camp Shank stationiert, eine Festung aus Stacheldraht und Beton zwei Autostunden südöstlich der Hauptstadt Kabul. Von dort fliegen sie die Verwundeten und Toten von der Front in die Feldlazarette. 93 Patienten hat der Krieg in den zurückliegenden 15 Tagen in die Hubschrauber von Dirkintis und Hagens gespült. Aber nun? Seit drei Tagen kein Einsatz, bis auf einen Kerl, der sich aus Versehen die Fingerkuppe abgeschnitten hat. Seit drei Tagen bestehen die Tage der Sanitäter aus Warten. Es ist ein ruhiger Monat. Das liegt auch am islamischen Opferfest.

„Mmmh“, murmelt Sean Hagens und zieht an seiner Zigarette. Er hasst dieses Warten, und doch bedeutet die Unterbrechung des Wartens oft auch das Ende eines Lebens. Deshalb sei es ja eigentlich ganz gut so, wie es ist. Nur ziemlich öde und langweilig eben. Hagens hat etwas Lausbubenhaftes an sich. Er ist ein muskelbepackter Junge mit kahlgeschorenem Kopf. Er sagt: „Ich will nicht tatenlos rumsitzen. Aber ich will auch nicht, dass jemand verletzt oder getötet wird.“ Das ist sein Dilemma.

Der Nebel hat sich verzogen, und als Hagens gerade in ein Sandwich beißt, endet das Warten. „Medevac! Medevac! Medevac! Urgent“, schallt es aus seinem Funkgerät. „Medevac“, Medical Evacuation, das sind sie, und „Urgent“ bedeutet, dass ihr Hubschrauber in acht Minuten in der Luft sein muss, dass jemand schwer verletzt ist, zerschossene, verstümmelte und verbrannte Körper. „Priority“ heißt: nichts Lebensbedrohliches; Fleischwunden, Verbrennungen, harmlose Durchschüsse. Und „Routine“, das sind die Aufträge, die keiner gerne erledigt. Patienten mit Durchfall oder Blinddarmentzündungen, die aber trotzdem mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden müssen.

In Afghanistan ist „Urgent“ der Normalfall. Hagens, der Sanitäter, zwei Piloten und ein Crewchief, der für die Sicherheit an Bord verantwortlich ist, sprinten zum Hubschrauber. Was ist geschehen? Hagens zuckt mit den Schultern. Keine Ahnung. Wenige Minuten später fliegt er über schroffe, kahle Berge, nichts, woran sich das Auge festhalten kann. Ein braunes Meer aus Staub und Geröll. Gleichzeitig macht sich ein zweites Team bereit, falls der erste Hubschrauber abgeschossen oder ein Besatzungsmitglied verletzt oder getötet wird. Im September starb ein Sanitäter bei einem Nachteinsatz, als sein Kopf in die Rotorenblätter geriet. Im August kamen 38 US-Soldaten ums Leben, als eine Granate ihren Hubschrauber traf.

Nach zwölf Minuten Flug landet der Pilot in Camp Kharwar, einem winzigen Außenposten der US-Armee in einem Talkessel, und Soldaten tragen den Patienten heran. Einen afghanischen Soldaten. Kugeln in Armen und Beinen, Kugeln im Kopf. Morphium gegen die Schmerzen. Seine Haut hat eine wächserne Farbe. Hagens bettet den Kopf des Mannes auf eine Decke, wischt Blut aus dessen Gesicht, misst den Puls, die Herzfrequenz, prüft Verbände. Der Hubschrauber hebt wieder ab.

Es ist Hagens zweiter Einsatz in Afghanistan. Beim ersten war er Infanterist und hat mehr geschossen als verbunden. Vor dem zweiten wurde trainiert, wie man in einem engen Hubschrauber Schwerverletzte versorgt. In einer Kaserne in Fort Bragg, North Carolina, taten sie so, als seien sie in Afghanistan, lernten wie man schnell und geschmeidig aus dem Bauch eines Black Hawks herausspringt, ließen Tragen an Seilwinden auf und abfahren, gewöhnten sich an die Enge, legten Infusionen, öffneten Brustkörbe aus Plastik, bohrten Löcher in falsche Gliedmaßen. Alles weitere würde man schon noch lernen, sagten seine Ausbilder. Krieg sei das beste Training. Und gaben ihm einen Klaps auf die Schulter.

Hagens hat sich gemeldet, weil die US-Armee ihren Veteranen nach der Dienstzeit ein Studium finanziert. Vier Jahre Drill und Kampf sind ein annehmbarer Preis dafür, dachte Hagens. Er hasst den Krieg und das, was er mit den Menschen anrichtet.

Kurz nach 20 Uhr fällt in Camp Charkh ein afghanischer Soldat vom Wachturm. Zehn Minuten Flugzeit entfernt – „Priority“. Als die Piloten zum Landeanflug auf den Außenposten ansetzen, greifen Bewaffnete das Lager mit Mörsern und Maschinengewehren an. Explosionen blitzen, Leuchtspurmunition zieht rote Schlieren durch die Nacht. Der Pilot dreht ab, zirkelt 25 Minuten in der Luft, während Apache Kampfhubschrauber unten im Tal den Weg frei schießen, damit die Sanitäter landen können. Die Rettungsaktion dauert dann nur wenige Sekunden. Hart setzt der Hubschrauber auf dem Landeplatz des Außenpostens auf, der Patient wird in den Black Hawk gezogen, der hebt sofort wieder ab und wird gleich darauf von der Nacht geschluckt. Bloß nicht zu viel Zeit am Boden verlieren, kein Ziel abgeben. Zurück im sicheren Lager huscht Erleichterung über Hagens Gesicht.

21 Uhr 16, dritter Einsatz. In Hagens Hubschrauber liegt ein afghanischer Soldat, dem eine Sprengfalle beide Beine abgerissen hat. Hagens legt Aderpressen, spritzt Fentanyl gegen die Schmerzen. Tastet vorsichtig die Wunden ab. Der Patient schreit auf, schlägt mit den Fäusten nach Hagens.

Als Hagens später aus dem Hubschrauber steigt und sich eine Zigarette anzündet, zittern seine Hände. Im Laufe der Nacht folgen noch ein US-amerikanischer Soldat mit Brechdurchfall, einer, der Sägemehl ins Auge bekommen hat und zwei, die suizidgefährdet sind. Routine – und Balsam auch für die angespannten, angerissenen Nerven der Sanitäter, die oft genug nicht wissen, wohin mit dem Erlebten, Gesehenen, Gehörten.

Niemand redet gerne über aufgeplatzte Köpfe, Gedärm, das aus Bauchwunden schwappt, abgetrennte Beine, Arme, die Schreie, den Geruch des Blutes, die Angst in den Gesichtern der Patienten, den Unglauben in den Gesichtern der Kameraden. Oder über das Gefühl, wenn ein Verletzter in den fünf, sechs oder sieben Minuten, die der Hubschrauber in der Luft ist, verblutet.

Jeder hat seine eigene Art, das Spiel des Todes irgendwie zu meistern. „Ich tue so, als würde ich an einem Dummy arbeiten und blende aus, dass da ein echter Mensch blutet, vielleicht stirbt“, sagt Katie Dirkintis, eine zierliche 21-Jährige mit blondem Pferdeschwanz und tätowierten Fußgelenken, die schon ihren zweiten Kriegseinsatz erlebt. Sie sagt, sie packe alles in eine Ecke ihres Gehirns und denke nicht weiter drüber nach. „Ich muss funktionieren, nur das zählt.“ Nur manchmal, wenn ein Patient auf dem Flug stirbt, kriechen Schuldgefühle hoch. „Dann frage ich mich, ob ich alles richtig gemacht habe, und warum ich dieses Leben nicht retten konnte.“

Zwischen den Einsätzen sitzen Dirkintis, Hagens und einige andere Sanitäter und Piloten auf der Veranda vor ihren Zelten und rauchen die Zeit weg, bereit, bei einem Notruf sofort zu den Hubschraubern zu rennen. Sie umklammern ihre Funkgeräte, reißen Witze, nehmen sich gegenseitig auf den Arm, reden darüber, wie lange sie schon keinen Sex mehr hatten und was sie in ihrem Fronturlaub tun möchten. Zwei Wochen lang können die Soldaten hingehen, wohin sie wollen, zwischen den Welten hin und her schwimmen. Die Army bezahlt. Sie reden von Australien, Asien, Europa. Meistens drehen sich die Gespräche um Sex, Mädchen und Bier. Am Ende fahren sie doch alle heim zur Familie, um ein bisschen Normalität aufzusaugen.

Katie Dirkintis ging zur Armee, weil sie ein Leben wollte, das sie bis dahin nicht hatte. Sie nahm ihre 16 Piercings aus Ohren und Nase und zog in den Krieg. Vor zwei Jahren in den Irak, jetzt Afghanistan. „Nach allem, was man hier sieht und erlebt, muss man das Leben zu Hause erst wieder lernen“, sagt sie, während sie einen Brief ihrer Familie öffnet. Zwei Realitäten stehen sich gegenüber: diejenige, in der sie aufwuchs, und die des Kriegs. Im Laufe eines Jahres entfernten sich diese beiden immer mehr von einander, die Erinnerung an das Normale franst immer weiter aus, bis es sich nur noch anfühlt wie der Nachgeschmack eines schönen Traums. Manchmal weiß sie gar nicht mehr, worüber sie sich mit ihren Freunden unterhalten soll.

„Ich habe mich verändert, sie nicht“, sagt Katie Dirkintis über das Verhältnis zu ihren alten Freunden. Das Leben zu Hause nimmt seinen gewohnten Gang zwischen Walmart, McDonalds und Barbecue. Die anderen erzählen ihr, wer mit wem Schluss gemacht hat, wer mit wem ausgeht, wer Kinder bekam, welche Drogen gerade angesagt sind. Meistens ist gar nichts passiert.

In Afghanistan ist das Opferfest längst vorbei, die Tage sind kürzer und kälter geworden, und die Taliban, das Haqqani-Netzwerk, die Schergen des Kriegsfürsten Gulbuddin Hekmatyar und die restlichen in Afghanistan verbliebenen Zellen von Al Qaida gehen in die Offensive. Für die Sanitäter bedeutet das: Einsätze im Stundentakt. Das Surren von Rotorblättern liegt über dem Lager wie der Klangteppich eines Hornissenschwarms. Überall in der Provinz Logar kommt es zu Gefechten, Fahrzeuge fahren auf Sprengfallen, Scharfschützen töten aus unsichtbaren Verstecken.

Wieder ein Funkspruch, wieder ein „Urgent“, wieder rennen die Sanitäter zu den Hubschraubern, trainierte Gleichgültigkeit in den Augen. Sie zwängen sich in schusssichere Westen und heben ab. Während des Fluges lösen sich die Infrarot-Täuschkörper am Hubschrauber. Kurz darauf landet der Pilot in dem Örtchen Ibrahim Khel; eine Ansammlung aus Lehmgehöften und einem US-amerikanischen Außenposten. Der Schwerverletzte wird an Bord getragen, er hat Kugeln in der Schulter, im Oberschenkel, Arm und Wade stecken. Beim Abflug wird der Hubschrauber mit Panzerfaustgranaten beschossen. Für einen kurzen Augenblick blitzt Sorge in den Gesichtern der Besatzung auf, die gleich darauf mit einem Lächeln weggewischt wird. Der Pilot dreht hart ab, beschleunigt aus der Schusslinie. Der zweite Hubschrauber wird ebenfalls beschossen, eine Kugel dringt durch das Cockpit und durchschlägt den Unterarm eines Piloten.

Sean Hagens und Katie Dirkintis haben an diesem Tag dienstfrei. Schlafen aus, nutzen die Zeit für eine Dusche, spielen Karten oder schauen eine DVD an. Kein Warten, das zur Belastung wird. Keine Verletzten, kein Blut. Augenblicke, die nicht bestimmt sind vom Rhythmus des Kriegs. Einen Moment verschnaufen. Nur dasitzen auf der Veranda vor ihren Zelten, die nackten Füße in die Sonne strecken, Dosenbirnen essen und die Zeit mit Gesprächen über die Einsätze der vergangenen Wochen füllen. Sie verpacken die Dramen, die sich in den Tagen zuvor um sie herum abgespielt haben, in Witz und Sarkasmus.

„Krass. Das Bein war nur noch Matsch. Voll Hollywood.“

„Meiner hatte die Hosen voll. Auch nicht besser.“

„Doppelte Amputation! Das haben wir auch nicht jeden Tag.“

„Ja, arme Sau. Der wird nicht mehr glücklich.“

„Aber er lebt.“

„Hmm, ja. Glück gehabt.“

Hagens wirft Dirkintis eine Dosenbirne an den Kopf und grinst breit. Damit ist das Gespräch beendet. Es ist ihre Art, das Erlebte zu verarbeiten. Das Grauen wird kurz angerissen und dann wieder verbannt, so weit das eben möglich ist. Spätestens beim nächsten Einsatz kehrt die Realität zurück und mit ihr die Fragen und Zweifel. Bis dahin: Kopf lüften, Hirn ausschalten, weitermachen. Morgen geht der Kampf gegen den Tod der anderen in die nächste Runde.

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