Zeitung Heute : Der manische Maler

Urban Media GmbH

Von Stefan Jacobs

Weißensee. Das Abendessen ist vorbei, Kurt Wanzki hat Zeit. Er schaut über den langen Flur ins Leere und fingert einen dieser Vollkorn-Zigarillos für ganz Harte aus der Packung. Er weiß nicht genau, wie lange er schon hier im Seniorenheim an der Berliner Allee wohnt. Ein paar Jahre auf jeden Fall. Vorher, so erzählt man es sich zumindest in Weißensee, hat er mal eine ganze Weile in der Psychiatrie verbracht. Der Zigarettenrauch steigt senkrecht auf, ohne eine Schlinge. An der Wand hinter Kurt Wanzki hängen zwei Bilder: ein Monet als Druck und ein Wanzki im Original.

Die Bild-Zeitung auf dem Tisch verspricht genug Beschäftigung für den nächsten Tag. „In Israel fangen sie schon wieder Krieg an“, murmelt Wanzki. Er hasst die blutigen Bilder. Aber das Foto des Bundeskanzlers im Innenteil gefällt ihm. So wie das Bild von Berti Vogts im Schottenrock neulich. Wanzki hat es abgemalt und dabei den Schotten Vogts in Frau Vogts verwandelt. Das Bild liegt ganz oben auf dem täglich wachsenden Stapel in seinem Zimmer. Der ganze große Tisch ist mit Bildern zugeschüttet; A4, A3, A2. Die meisten Blätter sind beidseitig bemalt, weil das Papier oft alle ist und Wanzki nicht warten will, bis ihm jemand neues bringt. Er malt so gut wie alles, was lebt und was er lange genug beobachten kann. Früher, wenn sich im Kulturhaus der Aktzeichenzirkel traf, gesellte sich Wanzki dazu und malte mit. Zumindest, wenn eine Frau Modell stand.

Er malt fast jeden Tag ein Bild, aber er kopiert nicht nur. So kann aus einem Pferdekopf auf weißem Grund durchaus eine Pferdefamilie werden, die gemeinsam mit Tiger, Krokodil und Eichhö rnchen auf einer Lichtung im Dschungel steht. Man weiß das vorher nicht. Auch Wanzki weiß es vorher nicht. Es hängt einfach von seiner Laune ab und davon, was sein geistiges Auge im Seniorenheim so sieht. „Der malt, was ihm Spaß macht“, erzählt Martin Püschel, der ihn oft besucht. „Wenn man Glück hat, ist auch mal was dabei, was Leute kaufen wollen.“

Bei Wanzkis letzter Ausstellung, 1997 im Brecht-Haus, gab es sogar einen Katalog. Nun wird er demnächst 80 und keine neue Ausstellung ist in Sicht. Püschel ist überzeugt, dass sich viele Leute einen Wanzki hinhängen würden. Ein paar der Bilder, die an Zeichenübungen eines talentierten Kindes erinnern, hat Pü schel ja schon verkauft.

In der Umgebung ist Wanzki bekannt, weil er im Sommer oft mit einem Bilderstapel am Weißen See sitzt oder Mundharmonika spielt. Er spielt sonst nicht im Winter, aber jetzt hat er sie hervorgeholt und setzt sie an seinen zahnlosen Mund und trifft sofort den richtigen Ton. Die schnellen, fröhlichen Takte bringen Leben in sein altes, hohlwangiges Gesicht. Er wiegt den Kopf und wippt mit dem Fuß, als gäbe es nichts Schöneres als Musik für ihn. Genauso plötzlich, wie er angefangen hat, setzt er die Mundharmonika ab und fischt ein Tierbild hervor. „Guck mal, das ist auch schön, wa?“ Ein Reptil und ein Reh im Urwald. „Eidäkze“ und „Rebok“ hat er darunter geschrieben. Wanzki hat eine Lese-Rechtschreibschwäche. Die meiste Zeit seines Lebens hat er betreut gewohnt. Nach der Schule arbeitete er bei Knorr-Bremse am Ostkreuz. Dann kam der Krieg. Wanzki verdingte sich bei einem Bauern in Zehlendorf, schippte Kohlen im Kraftwerk Klingenberg und war eine Zeit lang Pferdewart beim Zirkus Aeros. Das wäre eine Erklärung für die vielen Tierbilder. Einige meinen, dass er „ein Rad ab“ hat. Weil er früher gern in bunter Kluft mit Sombrero durch Weißensee zog und, wenn er vor guter Laune barst, einen Kopfstand machte.

Jetzt schaut er meistens traurig vor sich hin und winkt nach jedem zweiten Satz ab. Sein letzter Kopfstand ist drei Jahre her, der nächste Sommer noch weit, das Papier schon wieder alle. „KURT WanZKI!“ pflegt er unter seine Werke zu schreiben. Ein richtiger Künstler.

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