Zeitung Heute : Der Mann am Ufer

Horst Seehofer lächelt gequält, als er gelobt wird. Er war Minister und Sozialexperte. Jetzt ist er Vorsitzender von Bayerns VdK

Mirko Weber[München]

Alter Hase oder altes Eisen? Das ist die Frage. Sie steht auf einem Plakat hinter Horst Seehofer. Seehofer sitzt im sechsten Stock eines Hauses in der Münchner Schellingstraße, es ist das Hauptgebäude des Sozialverbandes VdK Bayern. Der VdK wurde 1950 unter dem Namen Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands gegründet. Wer mit dem Aufzug nach oben fährt, sieht über sich einen gemalten Himmel. Kunst am Bau. Der Himmel ist weiß-blau. Im sechsten Stock schaut man auf ein Stückchen Schwabing und einen grauen Himmel. Das ist die Wirklichkeit.

Rechts neben dem alten Hasen Seehofer, der nicht zum alten Eisen der Berliner Republik gehören will, hängt noch ein anderes Plakat, auf dem steht, dass 60 Prozent aller Betriebe keine Menschen mehr beschäftigen, die über 50 Jahre alt sind. So gesehen hat Horst Seehofer noch Glück gehabt. Seehofer ist 55 Jahre alt, seit ein paar Wochen Landesvorsitzender des Sozialverbandes VdK Bayern, und jetzt hält er seine Antrittspressekonferenz. Darüber hinaus ist er noch Bundestagsabgeordneter und Vize in der CSU, obwohl er sich mit seiner Partei wegen der Gesundheitspolitik so angelegt hat, dass der letzte Parteitag kurzfristig auf der Kippe stand. Seehofer ist dann damals gar nicht erschienen, und die Delegierten hatten ein Gespenst zu verscheuchen.

Horst Seehofer muss warten, bis der Landesgeschäftsführer des VdK, Albrecht Engel, das Seine gesagt hat. Engel hat einen Bürstenhaarschnitt. Es ist das einzig Stachelige an ihm. Engel sagt, viele Menschen im VdK fänden, dass der VdK jetzt endlich die Persönlichkeit an der Spitze habe, die er verdiene. Ja, manche schrieben sogar, „um es mit Willy Brandt zu sagen“, dass jetzt zusammenwachse, was zusammengehöre. Horst Seehofer lächelt ein wenig gequält. Seine Krawatte hat ein verwirrendes Muster, als tummelten sich dort Pantoffeltierchen, und er trägt immer noch diese Schuhe, die schon früher aussahen, als seien sie ihm eigentlich zu klein, schwarze Lederslipper. Engel meint, die Menschen würden Horst Seehofer mögen, weil er geradlinig sei und Rückgrat zeige. Außerdem sage er jederzeit, was er denke. Seehofer sitzt jetzt ganz aufrecht in seinem Stuhl und faltet die Arme vor die Brust. Dann wird ein Radiospot eingespielt. Der Beitrag dauert 20 Sekunden. Man hört ein paar Menschen empört und enttäuscht sagen, dass sie nicht mehr verstünden, worum es in der Gesundheitspolitik eigentlich gehe: „Da kennt sich doch keiner mehr aus.“

Horst Seehofer kennt sich aus, und wenn er die Arme öffnet, um nun endlich zu reden, dann sieht man sofort, dass er im Geiste eigentlich noch ganz woanders steht. Seine Gestik ist wie gemacht für eine große Rede im Bundestag, nur hat er dort schon länger keine große Rede mehr gehalten. Halten dürfen. Der Tisch im sechsten Stock des Münchner VdK-Gebäudes ist klein, der Raum überschaubar. Man darf da nicht weit ausholen. Seehofer sagt, dass der VdK und seine fast 500000 Mitglieder sich in einer „Hochstimmung“ befänden, und das sei auch kein Wunder, denn „den Vorurteilen zum Trotz“ sei das hier doch ein „sehr dynamischer Verband“. Horst Seehofer klingt, als habe er genau diese Vorurteile selber gehabt und als müsse er sich andauernd selbst überzeugen, doch das Richtige getan zu haben, als er Landesvorsitzender wurde. Sein Umfeld sei „absolut ministrabel“. Da lächelt Herr Engel.

Um den Fragen nach seiner Person und der weiteren politischen Lebensplanung noch ein wenig auszuweichen, erklärt Horst Seehofer als Nächstes, wie es dazu kommt, dass dem deutschen Rentner mit einer monatlichen Durchschnittsrente von 1000 Euro und einer Betriebsrente von 300 Euro demnächst 1098 Euro im Jahr fehlen werden, was wiederum einer kompletten Monatsrente entspreche. Seehofer zieht aus dem Gedächtnis Pflegeversicherung und gesetzliche Krankenversicherung ab, dazu kommen „Leistungsausgrenzungen“, die voraussichtliche dritte aufeinander folgende Nullrunde im Jahre 2006, ein Sonderbeitrag Krankengeld und die Verdoppelung des Krankenversicherungsbeitrags auf Betriebsrenten. Es geht alles ziemlich schnell, wie stets bei Seehofer, und die Gesichter ringsum wirken danach allesamt so, als sehnten sich ihre Besitzer nach einer Merzschen Bierdeckelrechnung. „Die Rentner“, sagt Seehofer, „sind die Melkkühe der Nation“. Das klingt schon einleuchtender nach dem alten Seehofer.

Seehofer ist an der ganzen Entwicklung in der Gesundheitspolitik nicht unbeteiligt gewesen, schließlich war er mal verantwortlicher Minister. „Da bin ich mit mir im Reinen“, sagt er. Dass er mit sich im Reinen sei, sagt Seehofer oft, seit er vor vier Jahren eine Herzmuskelentzündung hatte, fast wäre er daran gestorben. Als VdK-Sprecher und CSU-Vize wird es aber demnächst nicht einfacher werden mit der inneren Hygiene. Die Konflikte sind programmiert, sollte die Union wieder Verantwortung in Berlin übernehmen.

Horst Seehofer ist viel unterwegs, während er sich gerade neu erfindet. Er sieht viel fern. Er hört viele „abenteuerliche Diskussionsbeiträge“, zum Beispiel was die mögliche Erhöhung der Mehrwertsteuer anbetrifft. Schlaflose Nächte hat er nicht. „So is des Leben!“, sagt der Landesvorsitzende des bayerischen VdK gleich zweimal. Es hört sich nicht ganz so spielerisch an, wie es wohl gemeint sein soll. Später muss er nach Ingolstadt, das Thema des Abends ist die Prostata, „das geht mehr Leute an, als man wahrhaben will“. Horst Seehofer endet mit einem Wort, das viel oder nichts bedeuten kann: „Es ist alles im Fluss“, und das stimmt ja auch. Horst Seehofer aber sitzt nur am Ufer.

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