Zeitung Heute : Der Mann, auf den die Frauen bauen

Der Tagesspiegel

Von Amory Burchard

Es begann mit skeptischer Erwartung und endete im Jubel. Am Abend eines langen Internationalen Frauentages, der für ihn 22 Stunden zuvor bei Nachtarbeiterinnen aller Arten begonnen hatte, wollte Senator Gregor Gysi (PDS) noch die Grundzüge seiner Frauenpolitik darstellen. Hunderte Vertreterinnen aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Verwaltung und Politik hatte er dazu ins Rote Rathaus eingeladen. Sie kamen in kämpferischer Stimmung, nicht nur, weil 8. März war. Am Vortag war bekannt geworden, dass Finanzsenator Thilo Sarrazin dem Frauenressort, das Gysi neben Wirtschaft und Arbeit innehat, 40 Prozent der ohnehin knappen Mittel streichen wollte. Das sei nach einem Gespräch mit Sarrazin vom Tisch, konnte Gysi am Freitagabend verkünden.

Die Frauenförderung, Finanzierung von Frauenhäusern und auch die Projekte für Migrantinnen könnten fortgesetzt werden – „im Wesentlichen mit den gleichen Mitteln". Da waren Berlins Profifrauen erst einmal platt und applaudierten verhalten. Aber Gysi war entschlossen, weiter Punkte zu machen: Das vorbildliche Berliner Interventionsprojekt gegen häusliche Gewalt BIG will er stärker fördern. So soll der polizeiliche Platzverweis für Täter ausgeweitet werden. Und für gewalttätige Männer werden soziale Trainingskurse angeboten – zusätzlich zu den Beratungsprojekten für Frauen. Die Frauenquote in der Berliner Professorenschaft will Gysi nicht nur durch Lippenbekenntnisse steigern, sondern in den Hochschulverträgen verankern, als eine qualitative Messlatte für staatliche Förderung.

Unternehmen will Gysi dazu verpflichten, den Aufstieg von Frauen in Führungspositionen zu erleichtern und mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu tun. Mit sozialistischer Leidenschaft rief Gysi in den Saal: „Gleichstellung darf nicht davon abhängen, ob sie sich für die Unternehmen rechnet." Da blieb die pragmatische Frauenschaft skeptisch, zumal Gysi für die Gleichstellungsbemühungen im öffentlichen Dienst noch eine bittere Pille bereit hielt: Als die entsprechenden Förderparagrafen ins Berliner Gesetz geschrieben wurden, ging der Senat noch von Einstellungen in den Verwaltungen aus. Heute gehe es nur noch um Stellenabbau – aber da müsse man jetzt eben darauf achten, dass der Frauenanteil unter den Beschäftigten nicht etwa sinke. Der Funke zwischen dem Senator und „seinen“ Frauen sprang über, als Gysi versprach, sich für eine ausreichende Zahl von Kitas und Ganztagsschulen einzusetzen.

Furios dann die Schlussformeln, die Gysi für seine frauenpolitischen Thesen fand. Da rettete sich der erste männliche Frauensenator in der Geschichte Berlins in die große Politik und riss seine Zuhörerinnen zu Ovationen und Jubelrufen hin. Die Lösung der Geschlechterfrage müsse sich auch daran messen lassen, ob Rassismus und Antisemitismus überwunden seien, skandierte Gysi. Unmittelbar stehe Deutschland vor der Frage, „wie wir mit der geschlechtsspezifischen Verfolgung umgehen". Ovationen aber bekam am Ende doch eine Frau: Gabriele Schaffran-Deutschmann, die kämpferische Betriebsrätin der Schering AG, der Gysi den Berliner Frauenpreis verlieh (wir berichteten).

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