Zeitung Heute : Der Mann, der eine Frau ist

Susanna Nieder

Esther Pirelli ist eine richtige Dame, sorgfältig hergerichtet von der kastanienbraunen Frisur bis zu den lackierten Fingernägeln, im Auftreten vielleicht etwas etepetete. Was Frauen zur Unterstreichung der Schlüsselreize an Hilfsmitteln zur Verfügung steht, das fährt sie auf. Esben Benestad dagegen legt mäßigen Wert auf sein Äußeres, wie Männer eben sind - T-Shirt, Jeans, kein besonderer Aufwand bei den ergrauten Geheimratsecken. Nur der Stecker im linken Ohr und die gezupften Augenbrauen wirken ein bisschen ungewöhnlich. Esben Benestad ist Arzt in einer norwegischen Kleinstadt, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Und er ist Esther Pirelli.

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Ein Transvestit also. Darunter stellt man sich gemeinhin eine Tunte vor, die Spaß an Paillettenfummel, Stilettos und Federboa hat. Aber wenn es nur Spaß wäre, könnte man es ja auch bleiben lassen. Für Esben Benestad jedoch ist es eine Notwendigkeit, sich als Frau herzurichten - das weiß er, seit er als kleiner Junge heimlich die Kleider seiner Mutter durchprobierte. Er kann es nicht ändern. "Alles über meinen Vater" ist der Versuch seines 26-jährigen Sohnes Even, das zu begreifen.

Er zeigt Familienfilme aus der Zeit, als Even und seine Schwester Elisabeth klein waren und Esther Pirelli noch ein Dasein hinter verschlossenen Türen fristete. Der Vater erzählt, wie ihn das gequält hat, die Mutter weint, weil sie ihn nicht so akzeptieren konnte, wie er war. Die Ehe ging kaputt, Esben heiratete Elsa, die besser mit der Situation klarkommt - Auftritt Esther Pirelli.

Der Vater als Frau. Muss das denn wirklich sein? Immer wieder geht die Kamera ganz nah an seine Augen heran, als wolle sie hineinkriechen und in die Hirnwindungen schlüpfen, um zu erforschen, warum er nicht einfach Vater sein kann und seinen Kindern den Schmerz erspart, den er mit seinen exzentrischen Neigungen verursacht. Benestad hält dagegen. Als Esther wirkt er immer selbstsicher und heiter. Als Esben beginnen irgendwann die Mundwinkel zu zittern. Da fängt man an zu begreifen, dass Esther Pirelli keine Maskerade ist, sein Bestehen auf ihrer Existenz kein Egoismus.

"Wir hatten vorher nie über dieses Thema gesprochen", sagt Even Benestad, als sich der Premierenapplaus gelegt hat. Nichts war gestellt oder abgesprochen; der Film ist eine Art Aufarbeitung - oder deren Anfang. Da steht er neben der prächtig aufgemachten Esther, die freundlich auch Fragen wie die beantwortet, ob sie ihr Frausein mit sexuellen Aktivitäten verbinde. "Ob mich die Frauenkleider anmachen, meinen Sie? Jetzt nicht mehr, sonst wäre ich ja ständig angetörnt." Wird Esben sich vollends in Esther verwandeln? "Ich glaube nicht." Esben Esther Pirelli Benestad ist Mann und Frau. Solche Leute gibt es. Und sie möchten, dass die Welt das begreift.

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