Zeitung Heute : Der Mann, der keinen Samba tanzt

Der Tagesspiegel

Von Ernst Elitz

In den letzten Wochen reagierte Dieter Stolte – sonst die Ruhe selbst – in der Öffentlichkeit zuweilen gereizt. Durch den Zoff am Lerchenberg sah er sich und sein Werk beschädigt. Doch den nahen Abschied vor Augen, war der Mann, der sich während der letzten zwanzig Jahre eher den Ruf eines Meisters der übervorsichtigen Formulierung erworben hatte, plötzlich witzig und schoss Pointen ab. Nur keinen verletzen, war jahrelang seine Devise. Keine Überraschung, keine Konfrontation. Deshalb verbot er sich jede spontane Regung. Dieter Stolte wollte perfekt sein. Und meistens gelang ihm das auch.

Jobben in der Holzfabrik

Mit seinem ausgeprägten Sensus für die politische Strömungslehre erkannte er jeweils im rechten Moment die Chancen zugunsten des ZDF. Er war ein Meister der kleinen Zugeständnisse im Interesse der großen Linie. Das viel gerühmte und viel geschmähte System Stolte war ein lernfähiges System, das alle Instrumente des Interessenausgleichs kontinuierlich nutzte, um aus der Provinzanstalt ZDF eines der größten und erfolgreichsten Medienunternehmen Europas zu machen. Die ARD mit inzwischen zehn Landesrundfunkanstalten, acht Dritten Fernseh- und sechzig Hörfunkprogrammen, mit mehr als 21 000 Planstellenbesetzern und einer Einschaltquote, die 2001 doch nur um 0,7 Prozentpunkte über dem ZDF lag, hat auf die Mainzer, die sich mit ihrem Mainzelmännchen-Tick auch noch so klein und putzig gaben, lange mit Herablassung heruntergeschaut. Gerade darin, es einmal den Großen und Etablierten zu zeigen, mag die eigentliche Quelle der Zähigkeit und der Arbeitswut Stoltes gelegen haben.

Wer wie er in den Kriegs- und Nachkriegswirren mit der Familie in Deutschland herumgeschubst wurde, wer den Vater als politisch geächteten Klassenfeind aus dem Zuchthaus Bautzen zurückkehren sah, wer als Zonenflüchtling in den unbekannten Westen, in die Bundesrepublik, kam und sich sein Studium in der Holzfabrik verdienen musste, neigt nicht zu Selbstmitleid und Bequemlichkeit. Auf diesem Lebensweg lernt man, sich durchzusetzen und man lernt, die eigenen Chancen mit Bedacht zu kalkulieren.

Ausgestattet mit diesen Eigenschaften gelang es Stolte, aus dem Mainzer Fernseheinzelkind einen Global Player zu machen. Während die ARD sich noch im Kräftemessen zwischen den divergierenden Finanz- und Programminteressen der Landesrundfunkanstalten verzehrte, gründetete das ZDF sein europäisches 3sat-Programm, baute als erster deutscher Fernsehsender mit NBC und Microsoft ein umfassendes Internet-Angebot auf, verbündete sich mit dem History-Channel und erwarb die Rechte für die Ausstrahlung des NBC-Programms über sein digitales Bouquet.

Selbst wo Stolte am engen Horizont seiner Aufsichtsgremien scheiterte, bewies er Weitblick – etwa als er die Nachrichtenkompetenz des ZDF durch einen gemeinsamen Newskanal mit CNN stärken wollte. Nach der erzwungenen Absage aus Mainz konnten private Sender das Schnäppchen machen und stehlen seitdem mit internationalem Bildmaterial den Öffentlich-Rechtlichen die Show.

Der Ausgleicher

Das System Stolte ist patriarchalisch. Es ist ihm trotz des in einem journalistischen Betrieb berufsbedingten Hangs zum Kantinengerücht und zur Flurintrige immer wieder gelungen, die Mitarbeiter des ZDF gegen den Feind von außen hinter sich zu vereinen. Jede äußere Bedrohung schmiedete die ZDF-Interessengemeinschaft um Hausvater Stolte enger zusammen. Vieles von dem, was als Stoltes Schwäche gilt – Mangel an Spontaneität, lähmende Vorsicht, zähes Konsensdenken – ist durch Zwänge bedingt, die von außen diktiert werden. Wer qua Gesetz im Streckbett der Politik und der Gremienaufsicht liegt, kann nicht ständig Samba tanzen.

Es ist Stolte gelungen, mit neuen Sendungen wie „Berlin Mitte“, „ZDF.reporter“ oder „Frontal 21“ und jungen Moderatoren wie Peter Frey, Steffen Seibert und Theo Koll Frische und Glaubwürdigkeit ins Programm zu bringen und in der Zirkuswelt der Medien mit kulturellen Bestsellern wie dem „Literarischen Quartett“ und massenattraktiven Zeitgeschichtsserien Fernsehvorbilder zu schaffen.

Dennoch ist das System Stolte am Ende, denn es basierte auf dem Politikverständnis der alten Bundesrepublik, in der man sich stritt, um Kompromisse zu finden und wo jeder Interessenkonflikt im ausgleichenden „do ut des“ beerdigt wurde. Nun stehen die Zeichen auf Konfrontation. Ob es um große Produktionsvorhaben, um Fußballrechte oder Personalien geht, es geht fast immer um Standortpolitik – handfest und unversöhnlich. Wo niemand sich mehr einigen will, fehlen die Voraussetzungen für Stoltes Konsenssystem. Für das ZDF war er damit höchst erfolgreich.

Ernst Elitz ist Intendant des Deutschlandradios.

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