Zeitung Heute : Der Mann der Mitte

Als er nach der Wende nach Berlin kam, zog er um die Häuser, saugte die Zeit auf und ihre Versprechen. Heute muss Harm Müller-Spreer die Szene nicht mehr suchen, sie überweist ihm die Miete. Das Geheimnis des Investors am Spreedreieck

Deike Diening

Der millionenschwere Investor steht in Flip-Flops auf der Waage im Hafen von Marseille: 75,3 Kilogramm, davon wiegt 200 Gramm das Handy, das er in der Hand hat. – Das ist gut bei 1,90 Metern, fast drei Kilo unter seinem Ziel. Es fällt unter Seglern nicht ins Gewicht, dass Harm Müller-Spreer, Hamburger Jung’ und 46 Jahre alt, Berlins bekanntester Immobilieninvestor ist – spätestens, seitdem er das umstrittene Spreedreieck an der Friedrichstraße bebaut, das seit Jahren die Öffentlichkeit, den Senat und die Gerichte beschäftigt. Diesen Mann durften seine Segler-Kollegen jahrelang ungestraft „die längste Salzstange der Welt“ nennen. Jetzt darf er mit den anderen 14 Männern in Segelshorts und T-Shirts zusammen nicht mehr als 1273 Kilogramm wiegen.

Sie haben schon die Nahrung rationiert, sie trinken weniger, als sie wollen. Es ist die zweite Etappe des „Audi MedCup“, einer Profi-Segelregatta in sechs Etappen. Und die besten Segler Deutschlands segeln mit, weil Müller-Spreer sie verpflichtet hat. „Mein Rennstall“, als „Team Germany“ für seine nagelneue Renn-Yacht „Platoon“. Im Moment aber bläst der Mistral so stark, dass die Rennleitung Aufschub geflaggt hat.

Wenn sich Müller-Spreer in Berlin Mitte mit verbundenen Augen und ausgestrecktem Zeigefinger einmal im Kreis dreht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er am Ende auf eines seiner Häuser zeigt. Die Mitte-Szene muss er nicht suchen, sie überweist ihm schon seit Jahren ihre Miete. Da ist der Besitzer des "Pan Asia", dem auch das "Borchardt" und das "San Nicci" gehört, da ist die SAP-Zentrale, ein Haus am Monbijoupark, das denkmalgeschützte Haus für den Ullstein-Verlag in der Friedrichstraße, das jüngst geschlossene Restaurant „Schwarzenraben“ war über Jahre Kult. Und zur Zeit entsteht gegenüber der SAP-Zentrale an der Weinmeisterstraße ein neues Hotel.

Müller-Spreer hält Verschwiegenheit für einen Wettbewerbsvorteil. Am liebsten würde er seine Projekte unbemerkt anschieben. Aber das geht nicht mehr. Sie fallen einfach zu sehr auf. Weil es nicht einfach Häuser sind, Investitionsobjekte, sondern weil sie dafür stehen, was Mitte jetzt geworden ist. Zu seinem Imperium der kurzen Wege gehört auch das Gebäude auf dem Spreedreieck , wo Mies van der Rohe 1921 ein Hochhaus geplant hatte. Es ist einiges schief gegangen mit diesem Grundstücksverkauf an Müller-Spreer, am Ende blieb der Senat als Dummkopf übrig, und der Investor als Gewinner. Zuerst verkaufte der Senat ein Grundstücksteil, das ihm gar nicht gehörte, sondern der Deutschen Bahn. Der Investor erhielt einen Ausgleich. Zuletzt klagte der Besitzer des gegenüberliegenden Hotels vor Gericht wegen „Verschattung“, weil Müller-Spreer erlaubt worden war, zehn Meter höher als alle anderen zu bauen. Das Gericht verdonnerte den Senat, einen Ausgleich an den Hotelier zu zahlen, Müller-Spreer darf bauen.

Meistens, wenn in Mitte eine Baustelle diskutiert wird, führt wieder eine Spur zu Harm Müller-Spreer. Zu dem Investor, der zwölf Wochen im Jahr auf einem Segelboot von einer Seite zur anderen rennt. Der glaubt, dass man in gewisser Weise vom Segeln auf seine Art, Geschäfte zu machen, schließen kann. Und der glaubt, dass er nicht derselbe wäre, wenn er sich nicht früh am Wind geschult hätte.

Er steht jetzt an der Pinne, lenkt das Boot aus dem Hafen und sagt Sätze wie: „Sich nicht passiv durchs Leben treiben lassen“ – „Es geht darum, der Konkurrenz Deine Taktik aufzuzwingen.“ – „Hinten kann man nur noch reagieren“ – und: „Bieterwettbewerbe finde ich langweilig.“

Er habe, sagt Müller-Spreer, in der Welt der Segler schon die interessantesten Leute getroffen. Er kam auf Geschäftsideen. Beim Segeln trifft sich das Kapital in Flip-Flops, das Protokoll entfällt. Und doch, sagt er, könne dieses Modell niemand nachmachen. Schon weil ja kaum einer so gut segelt wie er.

Seine nagelneue Yacht ist einzig darauf angelegt, schnell zum Ziel zu kommen, sie hat Kohlefasern im Rumpf und im Segel. Das ganze Boot ist ein nacktes, ungedämmtes Präzisionsinstrument, ein Computer wertet die Winde aus, und wenn die Leinen nachgelassen werden, sind die Materialien so eng miteinander verbunden, dass das Seil zur Saite und das ganze Schiff zum Resonanzkörper wird für ein tiefes Ächzen. „Da muss man doch gar nichts mehr erklären“, ruft Müller-Spreer, „das erklärt sich doch von selbst.“

Die großen Jungs haben jetzt ihre Spielzeuge rausgeholt: Sie hocken in Schwärmen auf ihren Kohlefaserbooten, über der Szene knattert ein Hubschrauber. Jede Yacht hat ihr eigenes Beiboot, das Segel mit verschiedenen aerodynamischen Profilen für verschiedene Winde bereithält. „Wie im richtigen Leben“, ruft Müller-Spreer. „Man muss permanent auf alles reagieren.“

Ein Jurymitglied hatte gesagt, das Schwierigste beim Segeln sei, dass alles ständig in Bewegung ist, und zwar in drei Dimensionen. In diesem komplexen Umfeld sind Entscheidungen zu treffen. Die stärkste Kraft ist dabei unsichtbar, der Wind, lesbar nur für Trainierte. Es hat keinen Zweck, sich dem entgegenzustellen.

Als der Kapitänssohn Harm mit 17 Jahren und 100 Mark in der Tasche von zuhause auszieht, um Segelmacher zu werden, da hat er das Navigieren schon gelernt. „Irgendwann“, sagt er, „habe ich begriffen, dass es egal ist, wo man herkommt.“ Dass einer einfach seine Sachen packen muss und einsetzen, was er hat, um zu sehen, wo er hinkommt. Er arbeitet im Import-Export und „in Textilien“. Der Investor ist da noch keiner. Aber immerhin beginnt er Anfang der 80er Jahre, privates Vermögen anzulegen, und findet in Charlottenburg ein Objekt. Er merkt, dass Immobilien dauerhafter sind als Pullover. Er erwärmt sich für das inflationsresistente Geschäft. Dann fällt die Mauer. Und der Mann, der nun Jahre in Mitte um die Häuser ziehen wird, saugt die Zeit auf, mitsamt ihrem Versprechen: dass nämlich genau hier das neue Berlin entstehen wird. Es hat keinen Sinn, sich dem entgegenzustellen. Er kauft nur Grundstücke, die schon eine Geschichte mit sich herumtragen. Es sind mythenbesetzte Orte. Egal, was zum Beispiel nachher auf dem Grundstück am Spreedreieck stehen wird – es wird immer eine Antwort auf Mies van der Rohe sein. Es wird immer von Interesse sein.

Zwei Wochen vor der Regatta hatte Müller-Spreer in Berlin einen Bauhelm aufgesetzt mit seinem Namen drauf und war über die Baustelle gefedert. Das Haus wächst jetzt schnell, bald wird die „Verschattung“ eintreten, die dem gegenüberliegenden Hotel undementierte vier Millionen Euro Entschädigung vom Senat eingebracht haben soll. Müller-Spreer zeigt, wie sich die zwei Gebäudeteile aneinanderschmiegen, er guckt ein paar Stockwerke tief herunter, wo nur Staub zu sehen ist, wo er aber schon die Executives von Ernst & Young in ihrer zukünftigen Fahrstuhllobby auf den Lift warten sieht.

Tim Kröger, Mitglied im „Team Germany“, Weltklassesegler mit notorisch schorfigen Knien, sagt, dass Harm Müller-Spreer nicht normal sei. Kein normaler Bootseigner jedenfalls, keiner, der mit einem Scheckheft herumrennt und sich von seinem Team im Kreis herumfahren lässt wie die anderen Millionäre. Müller-Spreer hat sportlichen Ehrgeiz, er hat selbst in der Drachenklasse Segelpreise gewonnen. Er ist infiziert. Und trotzdem rätseln sie an Bord, wie Müller-Spreer das macht: „Er schaltet offensichtlich hier ab, aber das in einem Umfeld, das genauso auf Wettbewerb angelegt ist, wie sein Beruf…“ Kröger macht eine Denkpause. „Die Frage ist doch: schaltet der überhaupt ab oder nur um?“

Denn was sie alle eint, sagt Kröger, die Segler, sei Folgendes: Sie wollen aus ihrem Material das Meiste herausholen.

Es ist das, was bei Investoren „Rendite“ heißt.

Man kann dann auf seinem hochgetunten Kohlefaserboot in einem 80-Grad-Winkel auf dem Mittelmeer stehen, der Wind jault, das Boot ächzt, der Mistral rast mit Böen von 25 Knoten in die Segel, und da wird einem bewusst, dass dieser Mann mit körpereigenen Drogen funktioniert. Drogen, wie Adrenalin und Serotonin, die er ausschüttet, wenn er sich für etwas begeistert.

„Geld“, hatte er in Berlin gesagt, „ist ja nur das Abfallprodukt einer Idee.“ Für Geld begeistert er sich nicht. Jedenfalls nicht als Selbstzweck. Es sind die Ideen. Am liebsten schaffe er Dinge, „die es ja objektiv noch nicht gibt.“ Er sitzt im „San Nicci“ im Admiralspalast, noch im Jackett, denn er war gerade im Kanzleramt. In seinem Rücken, hinter den riesigen Scheiben wächst auf der anderen Straßenseite sein Haus dem zehnten Stockwerk entgegen. Kurz sieht es so aus, als könne man nur sein wie er, wenn man das Geld eigentlich auch ein bisschen verachtet. Aber dann klingelt sein Telefon. Jochen Schümann ist dran, der beste Segler Deutschlands, der Kopf seines Teams auf der „Platoon“. „Warum sind die Segel so viel teurer, als im letzten Jahr?“ , sagt Müller-Spreer, „ich bin ja doch ein alter Teppichhändler.“

Vor ein paar Jahren reizte ihn zum Beispiel die Idee, in der Rostocker Innenstadt ein Haus mit Erdwärme zu bauen. Er zweifelte nicht lange, er rechnete gründlich. Erdwärmesonden und Energiepfähle ziehen jetzt im Winter Wärme und im Sommer Kälte aus dem Untergrund. Schon seit Jahren argumentiert er gegenüber seinen Mietern angesichts steigender Energiepreise mit geringen Nebenkosten. Er war damit schneller, als die Klimadebatte, schneller als die Börsenkurse, schneller als die Ölspekulanten.

Was macht er anders, als die anderen, er, der von sich behauptet, bei ihm stehe kein einziges Büro leer?

Müller-Spreer bestellt einen Wein. In seinem Rücken geht auf der Baustelle das Licht an. „Häuser gibt es genug“, sagt er. „Wir brauchen keine Häuser mehr.“ Man müsse stattdessen den Zeitgeist treffen, die Leute emotional packen. „Sie verkaufen mit einem Haus auch einen Modeartikel“, sagt er. Er hegt auch den Verdacht, dass in Wahrheit der Investor, diese politisch gesuchte, sozial beneidete und städtebaulich unterschätzte Spezies, einer Stadt ihr Gesicht gibt. Die Architekten führen Debatten, die Ämter erlassen Richtlinien, aber die Investoren wählen die Architekten aus.

Woran liegt es aber, dass die Berliner Investorenarchitektur mit maximaler Bruttogeschossfläche maximale Langeweile produziert hat, dass viele Bauherren nun freie Sicht auf ihre Hunderte Quadratmeter leer stehender Bürofläche haben? „Sie sind schon einmal ganz anders organisiert als ich“, sagt Müller-Spreer. Es seien meist große Gesellschaften mit einem Geschäftsführer, das Geld sei nicht ihr eigenes. Entscheidungen müssen von einer Gruppe getragen werden, und nicht von einem euphorisierten Einzelnen wie ihm. Klar, das gibt Konsensarchitektur, möglichst universell einsetzbare Gebäude. Müller-Spreer langweilt das. Er macht genau das Gegenteil. Seine Häuser sind möglichst speziell. Er feilt an der Einmaligkeit seiner Projekte. Er denkt die Geschichte mit und die Nutzung, er denkt an Denkmalschutz und neue Hochhäuser und alternative Energien. Er denkt nach hinten und nach vorne, nach oben und in die Tiefe.

„Das ist ja alles nur zum Vergnügen hier“, sagt er in Marseille. Das Team hat sich gerade die Salzkruste aus dem Gesicht gewaschen. Aber das stimmt ja nicht nur. Es ist schon wieder ein Geschäft geworden. Er kann nicht anders.

Während sein Segler Jochen Schümann vor allem gut segeln will, will Müller-Spreer das System verstehen und es dann beherrschen. Er denkt schon wieder darüber nach, wie er das meiste aus dem Material herausholen kann: „Ich biete eine Plattform“, sagt er. Er will Segeln publikumstauglicher, werbetauglicher, wettbewerbsfähiger machen. Er könnte ein Bernie Ecclestone des Segelsports werden, der eine Formel-1 vermarktet. Zumindest soll sein „Team Germany“ in ein paar Jahren den America’s Cup gewinnen.

Bis zum Ende der Etappe am Samstag hat sich die „Platoon“ unter extrem schwierigen Wetterbedingungen von Platz sieben auf Platz vier hochgearbeitet.

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