Zeitung Heute : Der Mann, der niemals altert

Daniela Sannwald

In Asien ist er ein Mega-Star, mit dem es in der westlichen Welt gerade noch Madonna aufnehmen kann: Andy Lau, 1961 geboren, ist seit 20 Jahren als Schauspieler, seit 15 Jahren auch als Sänger im Geschäft. Und während er im Film eher auf harte Burschen - Schwertkämpfer, Biker, Gangster - festgelegt ist, sind es sanfte Schlager, mit denen er bei seinen Konzerten im gesamten asiatischen Raum Massenhysterien auslöst.

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In ausgebeulter Cordhose, grauem Strickpulli und weißen Bowling-Schuhen steht er plötzlich vor mir, auf die Minute pünktlich. Um ihn herum ein fünfköpfiger Stab von Leuten, die darauf achten, dass alles seine Richtigkeit hat. Er wird von ihnen platziert, mit Kaffee versorgt und von allen Seiten fotografiert. Sein Gesicht wirkt wie aus Marmor gemeißelt; mit einem umwerfenden, perfekten Lächeln darin, dem jedoch so etwas wie Wärme fehlt. Andy Lau weiß, wann er lächeln muss, denn er ist ein Profi.

Mit zwei Filmen, die verschiedener kaum sein könnten, ist Andy Lau im Forum vertreten: In dem wilden, blutigen, auch ein wenig melancholischen "Fulltime Killer", den sein Lieblingsregisseur Johnnie To inszeniert hat, ist er ein Auftragsmörder, der seinen Konkurrenten aus dem Weg räumen will. Und in der derben Komödie "Dance of a Dream" zeigt er, dass er auch noch ein begnadeter Tänzer ist: Er verkörpert einen von seinen Schülerinnen angehimmelten Tanzlehrer.

"Ich verwende meine gesamte Energie darauf, noch berühmter zu werden", sagt er, "und deswegen habe ich zum ersten Mal einen Killer gespielt." Unzählige Male hat er hingegen romantische Gangsterfiguren verkörpert. Fühlt er sich zu wirklichen Gangstern hingezogen? "Ach, das sind eigentlich Marketing-Überlegungen", winkt Lau ab, "in Hongkong sind Filmgangster enorm populär. Ich würde gern andere Rollen spielen, aber ich bin eben eine Symbolfigur des Gangsterfilms." Um sich in seine Rollen hineindenken zu können, verkehrt Andy Lau mit echten Gangstern. "Ich muss wissen, wie sie sprechen, wie sie miteinander umgehen, wie sie sich bewegen. Einige von ihnen sind wirklich böse, andere eben nicht. Und das interessiert mich besonders: Wenn der Gangster eigentlich ein Guter ist, wie soll ich ihn dann spielen? Ich versuche, so genau wie möglich, das reale Gangsterleben zu imitieren, und deshalb muss ich mich mit diesen Leuten auseinandersetzen - bis zu dem Punkt, an dem es gefährlich wird."

Andy Lau lacht laut und ein bisschen gezwungen. Man hat nicht das Gefühl, dass es ihm Spaß macht, sich in Gangsterkreisen herumzutreiben. Dafür ist er irgendwie zu clean. Eher scheint er über eine eiserne Disziplin zu verfügen, die ihm dabei hilft, das zu tun, was man in seinen Beruf tun muss, um über Jahrzehnte ein Superstar zu bleiben. Und er weiß, was er seinem zum größten Teil jungen Publikum schuldig ist: "Ja, man mag meine Gangsterfiguren, aber sie sterben alle. Haben Sie das nicht bemerkt? Das ist die Message meiner Filme - wenn du was Böses tust, musst du sterben."

Ein bisschen Sorgen macht ihm "Fulltime Killer" deshalb schon: Der Held hat so viel Spaß an seinem Beruf, dass Lau um sein freundliches, absolut sauberes Image fürchtet. Plötzlich spricht er von sich selbst wie von einem Produkt: "Es gibt so viele junge Leute, die Andy Lau wirklich lieben; und wir hatten Angst, dass die Killerfigur einen schlechten Einfluss auf sie hat. Aber ich glaube, Johnnie To hat das ganz gut hingekriegt..." Gleichzeitig ist Andy Lau überzeugt, dass man, egal in welchem Beruf, seine ganze Energie einsetzen muss, um ihn gut zu machen. Unter diesem Aspekt wird noch der Killer zum Vorbild.

Ob er wie sein Kollege Jackie Chan gern mal in Hollywood drehen würde? "Schon", sagt er ein wenig zögernd, "aber die Amerikaner denken, Hongkongstars können nur in Actionfilmen spielen. Es dauert vielleicht noch ein wenig, bis sie merken, dass ich nicht nur kämpfen, sondern auch singen und tanzen kann. Macht aber nichts, ich bin ja noch jung."

Als ich das Filmhaus verlasse, muss ich daran denken, dass Millionen von Menschen in Hongkong, China und Taiwan wahrscheinlich ihre rechte Hand für eine halbe Stunde mit Andy Lau geben würden. Meine ist noch dran. Er hat sie sogar geschüttelt.

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