Zeitung Heute : Der Mann der Reserven

Der BDI wollte einen Mittelständler – einen typischen, der seine Leute noch beim Namen kennt. Bekommen hat er Jürgen Thumann

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Es gibt zwei Gesetzmäßigkeiten in seinem Leben: Wo immer Jürgen Thumann auftaucht, wird er alsbald der Chef. Wenig später tritt ein EffizienzsteigerungsProgramm in Kraft. Die gesamte Mannschaft macht sich dann auf die Suche nach „neuen Marktfragmenten“ – egal, ob man gerade Pferde züchtet, sich mit der Entwicklung ösenloser Operationsnadeln beschäftigt oder einen Wirtschaftsverband auf Vordermann bringen will.

Der 63-jährige Düsseldorfer Jürgen Thumann ist Unternehmer, Verbandsfunktionär und Pferdesportler. Er gründete in den späten 70er Jahren die Heitmann + Thumann Group. Das ist eine Holding, die über 24 Einzelunternehmen schwebt, die sich alle mit Stahlverarbeitung beschäftigen. Thumann ist außerdem Präsident des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung. Zudem ist er der Chef der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, und an diesem Montag soll er auch noch Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) werden.

Es sei nur eine Frage der Zeit, dass auch der BDI sich mit Effizienzsteigerung und der Suche nach neuen Marktfragmenten beschäftigen werde, unken Mitarbeiter des Verbandes. Dass der Neue schon mal laut über „Synergien zwischen den Wirtschaftsverbänden“ nachdenkt, sei jedenfalls ein beunruhigend klares Zeichen, findet man im Verbändehaus in Berlin-Mitte. Zumal sich der Ein-Meter-90- Mann in den vergangenen Monaten von allen seinen Firmenverpflichtungen befreit hat, um als Verbandspräsident in Berlin präsent sein zu können.

Sie hätten ihn gern ein wenig anders, die Verbandsangestellten in Berlin. Denn schon vor der Wahl ist klar: So kühl, so strategisch, so rational wie Thumann mag’s der deutsche Mittelständler im Allgemeinen nicht. Der hat traditionell eine starke emotionale Bindung an seine Firma, rühmt sich, fast jeden seiner Mitarbeiter beim Namen rufen zu können und überlässt die Geschäfte nur zögernd und ungern der nächsten Generation. Für diese Mittelständler soll er stehen an der Spitze des BDI, des Industrie-Spitzenverbands. Nach dem international erfahrenen IBM-Manager Hans-Olaf Henkel, nach dem Familien-Großunternehmer Michael Rogowski jetzt der Mittelständler Thumann. Das ist als Signal an die kleinen und mittleren Unternehmer gedacht.

Und so inszeniert der BDI seinen neuen Chef gern in seinem sauerländischen Batteriehülsenwerk. Es schneit im Hochsauerland, wenn man hinfährt, mindestens aber weht ein kalter Wind. Man kann sich sofort vorstellen, wie kalt es ist, das Klima der Globalisierung, das um Deutschlands Werkhallen pfeift, wenn man vor Thumanns Firma steht. Die ist Weltmarktführer – im Herstellen von Batteriehülsen und Büchsen, in die Pharmafirmen die Spraymixturen für Asthmatiker füllen.

Es ducken sich ein paar flache Fabrikhallen in eine Senke, eine schniegelnagelneue Büroetage mit Stahltreppen und Stahlblechdesign ist davor gebaut. Drinnen im Marsberger Werk arbeiten zwei, drei Geschäftsführer, ein paar Ingenieure, in den Hallen schaffen sauerländische Facharbeiter in Overalls.

Wenn Thumann an den Stanz- und Tiefziehmaschinen vorbeiläuft und den Arbeitern auf die Schulter klopft, dann erschrecken die sich ein bisschen. Weil man nicht unbedingt damit rechnen muss, dass einem in Marsberg der Chef bei der Arbeit über die Schulter schaut. Thumann arbeitet nämlich nicht hier – auch wenn die Spindoctors beim BDI das gerne so hätten. Jürgen Thumann arbeitet in Düsseldorf, auf der Königsallee, Nummer 2. Er führt eine Holding, das ist im Prinzip nichts weiter als ein paar Büros, von denen aus alle Fabriken in aller Welt gesteuert werden. In den Fabriken selbst ist er oft nur „ein, zwei Mal im Jahr“, sagt er.

Thumann ist ziemlich damit ausgelastet, die einzelnen Betriebe in Deutschland, Holland, den Vereinigten Staaten, China oder Japan zu steuern und nach Synergien, Effizienzreserven und neuen Marktfragmenten zu fahnden, in die seine Firmen vorstoßen können. Die Unternehmenssprache ist Englisch, es geht gepflegt und dezent zu in Düsseldorf an der Kö.Und der Hausherr gilt auch in der Düsseldorfer Landesregierung als ausgesprochen angenehmer, höflicher Gesprächspartner. Er halte nicht viel von unproduktivem Herumgepoltere, sagt Thumann. Mit Verbindlichkeit komme man oft weiter. Auch das ist ein neuer Ton für den Bundesverband der Deutschen Industrie.Während der BDI emsig an Thumanns Image eines Mittelständlers poliert, der die Traditionsfirma seiner Väter zum Erblühen bringt, sie dann geordnet an die nächste Generation übergibt, hat Thumann ein anderes Leitbild: Er ist nämlich schon die nächste Generation im Unternehmertum. Er hat die Traditionsfirma seiner Väter zum Erblühen gebracht – und dann verkauft. Das hat er auch mit der Stahlfirma seiner Frau gemacht. Um zusammen mit seinem Vetter ein paar neue Firmen zu kaufen. Jürgen Thumann ist Unternehmer, ja. Aber von allem, was nach Tradition riecht, hat er sich auch getrennt, wenn es nötig wurde.

das Ruder des Familienbetriebs übernehmen musste. Er war 41 Jahre alt, als er den Betrieb verkaufte. Er war 25 Jahre alt, als er in das Familienunternehmen seiner Frau eintrat, 34, als er die Gesamtverantwortung für die Firma übernahm, 56 Jahre, als er sie verkaufte.

Thumann war 40, als er endlich das Hobby seines Lebens entdeckte. Vierspännerfahren. Kein romantisches Herumkutschen mit Frau und Töchtern sonntags im Wald, sondern Leistungssport. Vier Jahre später gehörte er zum Bundeskader der deutschen Reiter. „Angenehm ehrgeizig“ sei er, sagen seine Reiterfreunde. „Der Jürgen hat nie zu den Verbissenen gehört“, sagt Gespannbundestrainer Ewald Meier.

Thumann wurde dann schnell zum Chef der Reiterlichen Vereinigung. Gleich nach seinem Amtsantritt hat er den Verein umstrukturiert, die einzelnen Abteilungen durchleuchtet und – genau – Effizienzreserven gesucht. Er hat eine Studie in Auftrag gegeben. Dabei ist herausgekommen, dass die Verbandsreiter ein Marktfragment vernachlässigt haben: die Hobbyreiter. Thumann hat die Pferdezüchter deshalb gedrängt, sich der Herausforderung Freizeitreiten zu stellen. „Welches Pferd braucht Deutschland?“ ist die Frage, die sich das Reiterland jetzt stellt.

Welche Pferde vor die Kutsche passen, weiß Thumann genau: Es müssen vier sein, die zu absolutem Gehorsam bereit sind. Ist nur ein Quertreiber dabei, dann ist die Kutsche nicht mehr zu lenken. Es braucht gefühlvolle Hände zum Vierspännerlenken, mit der Linken hält man die Zügel, mit der Rechten gibt man die Richtung an, in die es geht. Das ist Strippenziehen auf höchstem Niveau. Thumann kann das. Darauf können sie sich einstellen, die Spitzenverbände der Wirtschaft in Berlin. Der Bundesverband der Deutschen Industrie. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks. Da gebe es Synergien, sagt Thumann. Effizienzreserven. Und jetzt bekommt er die Zügel in die Hand.

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