Zeitung Heute : Der Mann der schönen Worte

Er soll Chiracs Gehirn verwalten und noch nie zweiter Klasse gefahren sein: Wer Frankreichs neuer Premier wirklich ist, steht in seinen Büchern

Hans-Hagen Bremer[Paris]

In der Morgendämmerung ist er am produktivsten. „Das Licht tötet“, hat der neue französische Premierminister Dominique de Villepin die Methode seines Schaffens beschrieben. „Wenn man nicht ein bisschen Schweigen und Schatten um sich herum hat, verliert man sich.“ Auf Reisen hat er stets das Manuskript dabei, an dem er gerade arbeitet.

Zehn Bücher hat der 51-jährige de Villepin im Verlauf seiner Karriere als Diplomat, Generalsekretär des Elysée-Palastes, Außenminister und Innenminister schon vorgelegt, Gedichtbände, literarische Essays, politische Betrachtungen und historische Werke. Zuletzt erschien „L’Homme européen“ (Der europäische Mensch), ein gemeinsam mit Jorge Semprun verfasstes Plädoyer für Europa. Darin hatte er seinen Landsleuten die EU-Verfassung als „Vollendung der Französischen Revolution“ empfohlen, wovon diese aber, wie man seit vergangener Woche weiß, nichts wissen wollten. Ausgerechnet dieses Nein der Franzosen zu Europa hat den Europaverfechter de Villepin auf der Karriereleiter nach oben befördert: Staatschef Chirac hat seinem Premier Jean-Pierre Raffarin den Laufpass gegeben und de Villepin ins Amt gebracht.

Frankreich, laut Tocqueville „die literarischste Nation der Welt“, hat viele Politiker hervorgebracht, die sich als Schriftsteller einen Namen gemacht haben. General de Gaulles Memoiren werden noch heute wegen ihrer literarischen Qualität geschätzt. Georges Pompidou brachte eine Anthologie französischer Poesie heraus. Francois Mitterrand, Autor zahlreicher politischer Bücher, posierte für das offizielle Präsidentenfoto vor einer Bücherwand mit den Essays des Philosophen Montaigne. Für Politiker, die Großes vorhaben, gehört es dazu, einmal mit einer Veröffentlichung hervorgetreten zu sein, die vor der Kritik besteht.

Mit Dominique Marie Francois René Galouzeau de Villepin ist ein literarisches Talent an die Hebel der Macht gelangt, das durch seine Vielseitigkeit und durch die schiere Menge seiner Produktion aus der Zunft der schriftstellernden Politiker herausragt. Wie keinem anderen fließen ihm Bekenntnisse aus der Feder. Vor allem Frankreich, seinem Ruhm, seiner Größe und seiner universalen Mission gilt seine Leidenschaft. Von Frankreich habe er geträumt, bevor er es kennen lernte, hat er einmal gesagt. Als Sohn eines französischen Geschäftsmannes kam er in Marokko zur Welt und wuchs in Caracas und New York auf, ehe er dann in Toulouse und Paris Literatur- und Rechtswissenschaften studierte und die elitäre Verwaltungshochschule ENA absolvierte.

De Villepins Idol ist Napoleon. Neben afrikanischen Statuetten und Bildern befreundeter Maler sind es Büsten des Korsen, mit denen er sein Büro dekoriert. Ihm hat er auch eines seiner Bücher gewidmet, das 2001 mit dem Titel „Les Cent-Jours ou l’esprit de sacrifice“ (Die hundert Tage oder der Geist des Opfers) herauskam. Es ist eine „idealistisch-romantische Hymne“, so das Mitglied der Académie francaise Jean-Marie Rouart, auf die hundert Tage von der Rückkehr des Kaisers von der Insel Elba bis zur Schlacht von Waterloo. Aus der Beschäftigung mit dem Stoff hat Villepin, wie er sagt, Kraft für sein Handeln geschöpft. „Kein Tag, an dem ich nicht die zwingende Notwendigkeit der Erinnerung verspürt hätte, um nicht vor der Indifferenz, dem Gelächter und dem Spott zurückzuweichen und auf dem schwierigen Weg im Dienst einer französischen Ambition voranzuschreiten“, schreibt er im Vorwort.

Sein anderes Idol ist de Gaulle, der die Franzosen 1940 dazu aufrief, sich nach der Niederlage gegen Hitler-Deutschland nicht geschlagen zu geben. Dem General verdankt er die Bewunderung für „das nationale Genie, das sich nie besser manifestiert als am Rande des Abgrunds“. Ein großes Wort. Alles ist für de Villepin eine Frage des Willens, zum Voluntarismus, einer Politik, die ihr Ziel unbeirrt von Widerständen verfolgt, hat er sich 2002 in dem Buch „Le Cri de la gargouille“ bekannt. Den „Aufschrei“ der steinernen, an den Dächern gotischer Kathedralen angebrachten dämonischen Regenwasserspeier (gargouille) über die Zustände will er als Appell für eine „friedliche Revolution“ verstanden wissen, „um Frankreich zu seiner alten Größe zurückzuführen“.

Der Größe Frankreichs huldigt er in dem im vergangenen Herbst erschienenen Buch mit dem allegorischen Titel „Le requin et la mouette“ (Der Hai und die Möwe), in dem er seine Sicht einer friedlichen Welt darlegt und nach der Konfrontation mit den USA für eine neue „universale Brüderlichkeit“ wirbt. „Wir befinden uns an einem Punkt, an dem sich die Möglichkeit eines Ausgleichs zwischen Macht und Gnade abzeichnet, zwischen Himmel und Meer, zwischen dem (amerikanischen) Hai und der (europäischen) Möwe“, schreibt er. Wer den Ausgleich herbeiführen soll, unterliegt keinem Zweifel: „Welch ein Glück, Franzose zu sein, in diesem Land am Kreuzweg der Zeiten und Welten, gepackt von dem Fieber, das uns verletzt und uns gleichzeitig zu uns zurückführt, treu einem Vermächtnis und einem Anspruch, um unserer Erde ein Bewusstsein, eine Seele zu geben.“

„Er sagt, er kenne Frankreich, aber er ist nie zweiter Klasse gefahren“, hat Innenminister Nicolas Sarkozy, sein Rivale im Kampf um die Macht, gelästert. Wählern hat sich der aristokratische Schöngeist nie gestellt. Wie seine Vorbilder Napoleon und de Gaulle verachtet er Parteien und Parlamentarier. Zur Fragestunde hat man ihn selten in die Nationalversammlung gehen sehen.

Seinen Aufstieg in der Politik verdankt er Staatspräsident Jacques Chirac. Als der damalige gaullistische Pariser Bürgermeister und Führer der rechten Opposition gegen die regierenden Sozialisten einen jungen Diplomaten suchte, der ihm außenpolitische Analysen schreiben sollte, stellte man ihm de Villepin vor. Der machte seine Sache so gut, dass Chirac ihn 1995 nach seinem Einzug in den Elysée-Palast als Generalsekretär an seine Seite holte. Seitdem beriet er den Präsidenten in allen politischen Fragen, und der hörte auf ihn. Als graue Eminenz im Elysée-Palast eilte ihm der Ruf voraus, Chiracs Gedanken besser zu kennen als dieser selbst und dessen Standpunkte formulieren zu können, bevor dieser wusste, dass er sie einnahm. Und wenn erzählt wird, de Villepin habe einmal gesagt, er verwalte das Gehirn des Präsidenten, dann mag das erfunden sein, aber es ist schön erfunden.

Doch nicht immer waren de Villepins Ratschläge die richtigen. 1997 drängte er Chirac, das Parlament vorzeitig aufzulösen, um die „putschistische Parlamentsmehrheit“ zu disziplinieren. Das Manöver ging schief. Die Linke gewann die Wahl, und Chirac musste die Macht mit dem Sozialisten Lionel Jospin teilen. Chirac schien am Ende. Seine Frau Bernadette tobte gegen den „Nero“, der wie der römische Kaiser das Haus angezündet hatte. Doch Chirac hielt weiter zu seinem Getreuen. Der versorgte Chirac fortan mit Dossiers über den politischen Gegner und half ihm, die Vorwürfe im Zusammenhang mit den Korruptionsaffären der gaullistischen Partei abzuwehren. Manche krummen Dinger sollen damals im Elysee-Palast ausgeheckt worden sein. In seinen Büchern beschreibt de Villepin die Zwiespältigkeit der Macht, die neben ihren heroischen Seiten auch ihre dunklen hat, voller Zynismus und Rankünen. Hier dürfte er sie selbst erlebt haben.

An dem Einvernehmen zwischen ihm und dem Präsidenten gibt es keinen Zweifel. Daraus ergibt sich de Villepins bisheriger Einfluss und darauf beruht die Macht, mit der er Frankreich in den 22 Monaten bis zur Wahl regieren soll. Auf die Vorhaltung, dass er durch keine Wahl für sein Amt legitimiert sei, hat er nach seiner Berufung zum Premierminister in einem Fernsehinterview geantwortet: „Meine Legitimität leitet sich aus dem Auftrag des Präsidenten ab.“

So schwülstig, wie er schreibt, spricht er auch, und wenn er loslegt, ist er kaum noch zu bremsen, wie seine fulminante Rede gegen den Irak-Krieg im UN-Sicherheitsrat zeigte. In seinem romantischen Glauben an die Macht des Wortes neige er dazu, das Wort schon für die Tat zu halten, räumt sein Vetter Frédéric de Saint-Sernain ein. Die Krise Europas kommt in solchen rhetorischen Tsunamis nicht vor. Stattdessen überschüttet er seine Zuhörer mit Schlagwörtern aus dem gaullistischen Arsenal. „Der Feind ist die Angst, die Frustration, die Verbitterung, die Resignation“, hat er in dem Fernsehinterview gesagt und zu „Einfallsreichtum, Mut und Kühnheit“ aufgerufen. Frankreich müsse auf zwei Beinen stehen, „der Freiheit zur Initiative und der Solidarität“. Das haben die Franzosen zur Genüge gehört und denen, die ihnen damit immer wieder kamen, beim Referendum eine peinliche Absage erteilt.

Was der neue Premierminister konkret für Frankreich will, hat er noch nicht dargelegt. Hundert Tage hat er sich gegeben, die Zeit, die Napoleon bis Waterloo brauchte. Wird sie dem neuen Premierminister reichen, um zu zeigen, dass Politik doch mehr ist als eine vom Blick in eine glorreiche Vergangenheit genährte Vision der Macht?

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