Zeitung Heute : Der Mann, der sich nicht traut

Der Tagesspiegel

Von Antje Sirleschtov

Es könnte ein wirklich glorreicher Sommer werden für Edmund Stoiber. Gerhard Schröder pfeifen allerorten Unternehmenspleiten um die Ohren. Liberale und konservative SPD-Flügel zerren mit den Gewerkschaftern im Hintergrund an jeder Zeile seines Wahlprogramms. Und wenige Tage vor der Sachsen-Anhalt-Wahl umgeben sich seine Genossen noch immer mit einem gespenstischen Schleier der Müdigkeit. Auf so einen Gegner im Kampf um das Bundeskanzleramt zu treffen, das muss einen Herausforderer doch inspirieren.

Doch Stoiber hat Bayern noch nicht verlassen. Noch duckt er sich ins Erdinger Moos. Statt mutig Lösungswege aufzuzeigen für die allgegenwärtigen Probleme schleicht der Kanzlerkandidat durch die Provinzen in Ost und West und hinterlässt dort allerorten ein seltsames Gefühl der Stille. Beinahe so, als wollte er gar nicht gesehen sein. Dabei könnte Stoiber strahlen, wenn er, umrahmt von Frau und Kindern, durchdachte Programme für die Familienpolitik präsentiert. Er würde Kompetenz und Glaubwürdigkeit verströmen, indem er seriöse Finanzierungsvorschläge für moderne Verkehrswege und Bildungseinrichtungen aufzeigt.

Und es gelänge, Millionen von Arbeitslosen mitzureißen, wenn ihm visionäre Vorschläge zur Reform des deutschen Arbeitsmarktes über die Lippen kämen. All dies wäre auch dringend notwendig. Nicht nur, weil mit dem näher rückenden Ende der Wahlperiode immer deutlicher wird, wie ambitioniert die Reformen waren, die Gerhard Schröder vor vier Jahren versprach und wie wenig Substanzielles davon heute umgesetzt ist. Auch, weil es dem Münchner Kandidaten möglichst rasch gelingen muss, die disparat denkenden und fühlenden Freunde an der Basis von CDU und CSU hinter sich zu scharen, um dann auf ihrem Wahlkampf bis ins Kanzleramt getragen zu werden.

Denn wer dahin will – das weiß man spätestens, seit sich Schröder 1998 auf den Weg nach Berlin machte – der muss zuerst die Seinen motivieren. Stoiber, der Herausforderer, allerdings scheint nichts lernen zu können von diesen Lektionen. Oder liegt der Grund für seine Verzagtheit gar nicht im Können? Ist es vielleicht der Wille, der ihm fehlt? Traut sich Stoiber am Ende noch immer nicht, das sichere Terrain des bayerischen Südens zu verlassen und sich daran zu machen, ganz Deutschland zu regieren?

Der Verdacht liegt nahe. Und es fehlt – auch wenige Monate vor der Wahl – jedes Zeichen dafür, dass aus dem Ministerpräsidenten im Bierzelt Stück für Stück ein Bundeskanzler werden will. Damals schon, im Winter, war es nicht er selbst, der beherzt den Wunsch von CDU und CSU zum Regieren in seiner Person zusammengeführt hat. Es bedurfte eines monatelangen Tauziehens der Stellvertreter und schließlich der Selbstdemontage der obersten CDU-Frau, um Stoiber zum Kandidaten zu küren.

Und so geht es weiter. Erst in der Steuerpolitik. Neue Reformansätze ja. Dann wieder nein. So ging das zwei Wochen. So lange, bis sich selbst die wohlwollendsten Industriellen im Berliner Haus der Wirtschaft kopfschüttelnd versicherten, dass die SPD gar kein so übles Steuerkonzept umgesetzt hat. Dann die Zuwanderung: Strauchelnd im Gestrüpp des Bundesrates stolpert Stoiber nun schon wieder, weil er nicht Farbe bekennt in der Frage, ob er mit den Themen Migration und Ausländer im deutschen Arbeitsmarkt Wahlkampf machen will. Oder die Familienpolitik, die Wirtschaftspolitik, die Position zur Neuausrichtung der Bundeswehr: Wo man hinschaut, Differenz und Disput in der Union ohne erkennbaren Führungsanspruch des Spitzenmannes ganz vorn. Edmund Stoiber könnte die streitbaren Freunde in München und Berlin in die Schranken weisen. Doch er tut es nicht. Ja schlimmer noch: Er verstrickt sich sogar in ihrem Gezänk. Und macht sich damit am Ende gemein mit all jenen, die jetzt gern an seiner Stelle wären.

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