Zeitung Heute : Der Mann hat dich gar nicht verdient!

Von Esther Kogelboom

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Meine Freundin nimmt seit Tagen nur noch Rotwein und Joghurt zu sich. Sie sagt: „Ich kann und will nicht kauen. Das ist so anstrengend.“ Sie ist krank vor enttäuschter Liebe.

Ich muss emotionales Aufbautraining leisten und zur Abwechslung selber schlaue Ratschläge formulieren. Ich sage: „Du bist eine tolle, schöne und vor allem natürlich gebildete Frau. Der Mann hat dich gar nicht verdient. Überhaupt, so ein Arschloch! Sei froh, dass du ihn los bist.“ – „Aber warum ruft er mich nicht an? Was hab ich falsch gemacht?“ – „Du hast alles richtig gemacht“, leiere ich. Meine Freundin schaut durch mich hindurch, als sei ich ein offenes Fenster. Dann strafft sie sich, holt ihr Telefon aus der Tasche: „Gut, machen wir die SMS-Analyse.“ Nein! Ich habe mir unter Schmerzen abgewöhnt, männliche SMS mit Bedeutung aufzuladen und wehre ab. Doch meine verzweifelte Freundin hört nicht auf meine Einwände und liest mir die letzten drei Kurzmitteilungen des Betreffenden vor. Die allerletzte endet mit dem Satz: „Ich rufe dich an.“ – „Aber er ruft ja nicht an“, flüstert meine Freundin. „Dabei haben wir immer Jack Johnson gehört. Er kann kein schlechter Mensch sein.“

Kalt (das heißt: ohne Erklärung oder dramatisches Finale) abserviert zu werden, das ist zweifelsohne eine der schrecklichsten Erfahrungen im Leben einer Frau. „Die Enttäuschung ist ein Bleigewicht“, schrieb einst der Schriftsteller Günther Weisenborn. Wie Recht er hatte: Tote Träume hindern einen am Fortkommen. Es gibt auf einmal nur noch eine Richtung, nach unten, ins weiß gekachelte Reich der Erinnerungen.

Weil Ablenkung mir in allen Lebenslagen geholfen hat, gehe ich mit meiner Freundin Sommerkleider anprobieren. In der Umkleidekabine fängt sie zu weinen an, und ihre Tränen tropfen zusammen mit Spuren schwarzer Wimperntusche auf ein Sommerkleid mit pseudoromantischer Lochstickerei. Sie sieht aus, als sei sie von Ellen von Unwerth persönlich für ein düsteres Frühlingauf-dem-Friedhof-Père-Lachaise-Shooting in Szene gesetzt worden. Ich stehe hilflos daneben und frage mich, was Oliver Kahn und Matthias Platzeck gerade machen. Das Leben ist schweineungerecht. Aber ich bleibe dabei: Ablenkung hilft! Auf andere Gedanken kommen! Schnell!

Also unternehme ich weitere Versuche: Ich brenne meiner Freundin eine CD mit klassischen Hassliedern. Weise sie in unserer Bar auf Männer hin. Koche ihr Brei und mische heimlich Butter und Sahne hinein. Schließlich erkläre ich ihr meine Theorie von der Verkorksung. Die geht so: Ist etwas (also beispielsweise eine Beziehung zwischen zwei Menschen, eine Frisur oder ein Abend) erst einmal so richtig verkorkst, wird es sich nicht mehr entkorksen lassen – weder mit Gewalt noch durch die Kraft der Suggestion –, sondern sich, im Gegenteil, immer weiter verkorksen. Die Theorie von der Verkorksung trägt einen Lösungsvorschlag bereits in sich: Es handelt sich um die Möglichkeit des radikalen Abbruchs eines verkorksten Unterfangens. Das erfordert Mut und eine gewisse Lebenskraft.

Meine Freundin hört gar nicht hin. Stattdessen kratzt sie sich konzentriert am Rücken, mit einem Lineal. Als ich es ihr wegnehmen will, sagt sie: „Lass mich, ich hab Ausschlag. Eine JackJohnson-Allergie.“ Sie ist auf dem Wege der Besserung.

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