Zeitung Heute : Der Mann hinter... Damien Hirst

Der Künstler Damien Hirst gilt als Rüpel. Wenigstens sein Entdecker kann sich benehmen: Wer ist Jay Jopling, der erfolgreichste Kunsthändler Londons?

Ulf Lippitz

Die Kunstwelt zittert: vor Damien Hirst. Der Brite wurde mit dem Einlegen von Tierkadavern in Formaldehyd berühmt, erhielt dafür 1995 den renommierten Turner-Prize und tritt seitdem als spöttischer Aktionist des Kunstgeschäfts auf. Sei es gegenüber dem einflussreichen Sammler Charles Saatchi („Er erkennt Kunst mit seiner Brieftasche.“) oder dem Ausstellungsdirektor der ehrwürdigen Royal Academy, den er mit einem Striptease zum Tee provoziert. Hirst kann es sich leisten: Einzelne Werke seiner Objektkunst kosten über eine Million Pfund. Sein jüngster Coup: der Rückkauf zwölf seiner eigenen Werke aus der Saatchi-Kollektion. Sein Galerist und Entdecker Jay Jopling musste sie zurückerwerben, weil Hirst seine Kunst nicht im neuen Museum des Mäzens sehen will.

Hirst und Jopling – das ist die Symbiose von Rüpel und Edelmann. Hier Damien, der Sohn einer Blumen-Verkäuferin, der an einer öffentlichen Schule in Leeds mit krimineller Energie und schlechten Noten triumphiert – dort Jay, der Spross des Landwirtschaftsministers unter Maggie Thatcher, der auf dem Edelcollege Eton mit einem Faible für wirkungsvolle Posen und gutes Geschäftsgebaren auffällt. Bereits auf dem Schulhof ahmt er die monoton-skurrilen Darbietungen des Künstlerduos Gilbert & George nach, in seinen Ferien verkauft er als Vertreter so erfolgreich Feuerlöscher, dass ihm die Firma einen Manager-Job nach dem Schulabschluss anbietet.

Der Raufbold und der Musterknabe – ausgerechnet die Liebe zur Kunst verbindet die beiden. Hirst bewirbt sich an Colleges in London, Jay geht an die University of Edinburgh. Noch als Student organisiert er dort die erste Ausstellung, eine Benefiz-Veranstaltung nach dem Vorbild des Wohltätigkeit-Konzertes „Band Aid“. Der 22-Jährige fliegt nach New York, besucht angesagte Künstler wie Julian Schnabel und überzeugt sie, Bilder für einen wohltätigen Zweck zur Verfügung zu stellen. Mehr als 50 000 Pfund bringt die Veranstaltung „New Art – New World“ am Ende der Organisation „Save The Children“ ein.

Die zwei Kunstbesessenen begegnen sich im London der späten 80er Jahre. Hirst ist es nach zwei vergeblichen Anläufen tatsächlich gelungen, einen Studienplatz am Goldsmith College zu ergattern. Im zweiten Jahr bastelt er an einer Gruppenausstellung: Unter dem Motto „Freeze“ kuratiert Hirst 1988 groteske, provokante und oft im Kontext der Popkultur entstandene Werke. Er läutet damit die Ära der Young Brit Art ein, für die er in den 90er Jahren als Markenzeichen fungiert. Nach der Ausstellung sucht der Händler-Neuling Jopling den Studenten Hirst auf. Er ist fasziniert von dessen Energie, will ihn vertraglich binden. Was sie an Herkunft trennt, verbindet sie an Hingabe, sowohl zur Kunst als auch zum Fussball-Verein Leeds United. Zwei Jahre später unterzeichnen sie einen Vertrag zur Zusammenarbeit, zu den üblichen Konditionen: 50:50. Ihr erster Klient: Londons Ton angebender Kunstsammler, der Werbemanager Charles Saatchi.

Das Gespann ist fortan unzertrennlich – und unaufhaltsam. Jopling besorgt das Geld, Hirst die Publicity. Für die Zeitung „Daily Star“ postiert das ungleiche Paar 1991 eine Tüte Chips neben eins von Hirsts Formaldehyd-Werken. Am nächsten Tag erscheint ein Foto mit der Überschrift: „Die teuersten Fish & Chips der Welt.“ Die Skandale avancieren zum Tagesgespräch, Hirsts Objektkunst zur Gelddruckmaschine. Joplings Motto, „die Kunst so lächerlich zu machen, dass sie wirklich alle bemerken“, geht auf, die Werke werden für sechsstellige Summen verkauft.

Doch die beiden teilen nicht nur Gewinn und Reputation, auch Lebenspartner geraten in den Strudel der Kooperation. Designerin Maia Norman ist zuerst Joplings, später Hirsts Lebensgefährtin – ohne dass die Beziehung zwischen Förderer und Gefördertem ernsthaft leidet. Im Gegenteil: Als Jopling 1993 die eigene Galerie „White Cube“ eröffnet, stellt Hirst als einer der Ersten in dem 40 Quadratmeter kleinen Raum aus. Beide treffen sich in Londons trendigstem Privatclub, dem „Groucho Club“ in Soho – und lassen sich hinauswerfen: Hirst mehrmals, weil er die „Penis Puppets“ originalgetreu nachspielt, eine Show zweier Australier, die mit ihren Genitalien Puppenspiele veranstalten. Jopling fliegt einmal hinaus, weil er den Manager tätlich angreift.

Abgesehen von diesem Zwischenfall hat sich der Gentleman-Dealer meist unter Kontrolle. Er agiert im Hintergrund, gilt wegen seiner teuren Anzüge, mit der schwarz geränderten Kassenbrille, als versnobt. Unruhig wird Jopling nur, wenn er über Kunst sinniert, dann kann er nicht mehr still sitzen. Der nächste aufregende Künstler könnte schließlich gleich an der nächsten Ecke stehen. Die Galerie „White Cube“ gleicht einer Talentschmiede der Brit Art. Dank Jopling erhalten Künstler wie Tracey Emin, Gary Hume und Sam Taylor-Wood Öffentlichkeit. Taylor-Wood heiratet er 1997.

Fortan tritt er noch seltener in Erscheinung, gibt kaum Interviews. Wenn man Jopling sieht, dann bei Freunden wie Elton John oder Hugh Grant, bei der Eröffnung seiner Nachfolgegalerie „White Cube²“ im Millenniumsjahr – natürlich ist auch Hirst mit einem Werk vertreten – oder auf der Kunstmesse in Basel 2001, auf der er seinen Schützling aufgrund „ein paar etwas zu exzessiv geratener Tage bei der Biennale in Venedig“ entschuldigen muss. Hirst erzählte später, er habe derart viele Drogen genommen, dass er zweimal am Tag ohnmächtig wurde.

Die Stadt an der Lagune entwickelt eine wohl magische Wirkung auf den „Hieronymus Bosch von Leeds“ („The Independent“). Dorthin muss er, will er die Einladung zu Jay Joplings 40. Geburtstag wahrnehmen. Er befindet sich gerade im slowenischen Ljubljana. Um die unzumutbare Entfernung von 270 Kilometern nicht im Auto zurücklegen zu müssen, mietet er sich einen Privatjet. Gerüchten zufolge plant er hier, auf Joplings Geburtstagsparty im letzten Jahr, den Rückkauf seiner Werke. An Geld dürfte es bei dem Vorhaben nicht gemangelt haben. Im vergangenen September erwirtschaftete eine Hirst-Ausstellung elf Millionen Pfund allein für den Künstler. Austragungsort war das „White Cube²“ von Jay Jopling.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben