Zeitung Heute : Der Mann hinter... den Beckhams

Er gab uns Madonna und Küblböck – jetzt managt Simon Fuller Englands Traumpaar.

Tom Nollau

In England tauchte plötzlich dieses T-Shirt auf. Knapp geschnitten, in Rosa, Schwarz oder Weiß. Doch der Schnitt oder die Farben machten es nicht zum Objekt – die Aussage war entscheidend: „Bored of the Beckhams“, gelangweilt von David und Victoria, der Melange aus Sport, Musik und Drama.

Er, der Fußball-Star aus den Londoner Vororten, in Diensten von Real Madrid. Sie, ehemaliges „Spice Girl“, in der Zwischenzeit auf der Suche nach neuer Herausforderung. Kein Tag verging, an dem nicht „The Sun“ jedes Detail aus dem Leben dieser Fusion von körperlicher Perfektion und dem perfiden Sinn fürs Geschäft mindestens zwei Seiten widmete. Obwohl die Leser eigentlich schon alles wussten. Das wäre in etwa so, als wenn wir jeden Tag zwei Seiten über Daniel Küblböck lesen müssten. Protest-T-Shirts wären wohl die harmloseste Reaktion.

Aber, könnte man argumentieren, was um Himmels willen hat denn der krächzende Niederbayer mit den Beckhams gemeinsam? Sie verdanken ihr Dasein dem gleichen Mann: Simon Fuller, Chef der „19 Group“. Medien-Genie, Musikmanager und seit diesem Jahr mit 330 Millionen Euro Platz fünf auf der Liste der Reichsten des britischen Musikgeschäfts. Ohne einen Ton selber zu singen, eine Note zu schreiben oder sich tagelang Demobänder anzuhören. Fuller verdient seine Millionen mittlerweile fast basisdemokratisch. Der Zuschauer entscheidet in seinen Casting-Formaten, wer die Gelddruckmaschine anwerfen darf.

Schon früh hatte sich der Engländer in Musikkreisen einen Namen gemacht. Sein erster ruhmreicher Akt war: Madonna. Anfang der 80er Jahre hörte Simon Fuller eine Roh-Version von „Holiday“. Er reiste nach New York und kam mit einem unterschriebenen Vertrag zurück. Er hatte ihr die Rechte für Europa abgekauft. „Ich wusste sofort: Sie wird ein Star“, sagt er heute.

Doch wirklich angefangen hat alles mit der Zahl 19. Fuller nahm den britischen Sänger Paul Hardcastle unter seine Fittiche. Im April 1985 landete dessen Anti-Vietnam-Single „19“ auf Platz eins der britischen Charts. In zwölf weiteren Ländern wurde der Song die Nummer eins, insgesamt verkaufte sich die Platte dreieinhalb Millionen Mal. Fuller war ein gemachter Mann.

Zehn Jahre später machte er sein Meisterstück. Er übernahm die bereits fertig zusammengestellte Band „Spice Girls“ mit einer klaren Strategie. „Schon bei unserem ersten Treffen mit den Mädchen, bevor der Vertrag unterzeichnet wurde, sagte ich ihnen, dass wir das weltweit aufziehen werden“, sagt Fuller. Die fünf Kontinente konnten sich vor „Girl-Power“ nicht mehr retten. Geri Halliwell, Emma Bunton, Melanie Chisholm, Melanie Brown und Victoria Adams, die spätere Frau Beckham, wurden das erste weltumspannende Projekt der Produktionsfirma „19 Entertainment“, die Fuller nach Hardcastles Musikerfolg benannte. 18 Monate später feuerten ihn die „Spice Girls“. Zuerst sah es aus wie das Ende des Simon Fuller – doch tatsächlich erwischte es die „Spice Girls“. Ohne ihren Puppenspieler ging es bergab.

Aber der Produzent erkannte sein Talent: „Meine Aufgabe ist es, Ruhm und Bekanntheit zu erschaffen. Und darin bin ich der Beste der Welt.“ Immer lächelnd, fast kumpelhaft, so wird Simon Fuller gerne beschrieben. Der Umgang mit Klienten und seinem Umfeld passt eigentlich nicht zum Image eines harten Managers. Anstelle von Befehlen teilt er gerne Umarmungen aus. Er steht lieber hinter den Kulissen. „Eigentlich würde ich es begrüßen, wenn niemand wüsste, wie Simon Fuller aussieht“, sagt er.

Dass es doch einige wissen, hat er dem Fernsehen zu verdanken. Mit seiner jungen britischen Band, „S Club 7“, entwickelte er sein erstes Fernsehformat. Zuerst wurden die sieben Teenager durch eine eigene mehrteilige Fernsehserie vorgestellt. Erst danach gab es überhaupt den ersten Beweis, dass sie auch singen konnten. Elf Singles der Band fanden sich danach in den britischen Top 5. Das Fernsehen hatte sich als guter Arbeitsplatz erwiesen.

Jetzt zeigte Simon Fuller sein Gespür. Mit einer einzigen Idee wurde er einer der einflussreichsten Musikmanager der Welt. Er erfand eine Casting-Show, bei der junge Menschen vor Live-Publikum ihr Können unter Beweis stellen mussten. Wer gewinnt, bekommt einen Plattenvertrag. „Pop Idol“, bei uns „Deutschland sucht den Superstar“, war geboren. Mit jedem neuen Land, das sich dem TV-Format ergab, verdienten die „19 Group"-Büros von London über Hamburg bis Los Angeles mit. Fuller, aus dessen Leben nur bekannt ist, dass er als Kind eines Piloten der British Airforce häufig umziehen musste (unter anderem lebte er damals in Deutschland) und der mit 21 seinen ersten Job bei einer Plattenfirma bekam, erschuf ein massenkompatibles Format. Der Engländer bewies sich erneut als geschickter Vermarkter – und behält bis heute 20 Prozent aller Einnahmen.

Eine Zahl, mit der sich auch Victoria Beckham anfreunden muss. Nach ihren mehr oder minder erfolglosen Comebackversuchen erinnerte sie sich an die Künste des Simon Fuller. Aber der 43-Jährige erinnerte sich nur ungern an sie. Die Legende will es, dass Victoria, Ex-„Spice Girl“, Ehefrau des Kapitäns der englischen Fußballnationalmannschaft und Liebling der Yellow Press, eine geschlagene Stunde auf einem Parkplatz warten musste, bis der Manager sie erhörte. Sie trug es mit Fassung. „Ich weiß, dass es keinen Besseren gibt, um mir in Zukunft meine Träume zu erfüllen“, sagte Victoria Beckham nach der Unterzeichnung des Vertrages.

Und Simon Fuller hat mit der Marke „Beckham“ Einiges vor: „Unsere Pläne drehen sich um eine Mischung aus Mode, Lifestyle, Musik und Fernsehauftritten.“ Weltweit, versteht sich. Da wird es den Perfektionisten Fuller wohl doch etwas gestört haben, dass aus Spanien Gerüchte um den Ehebruch des Fußballers nach England strömten. Nach Beckhams angeblichem Geständnis, von dem der „Sunday Mirror“ berichtete, übertrafen sich die Zeitungen mit Trennungsgerüchten und schmutzigen Details. Die Beckhams selber turtelten, um ihre intakte Ehe zu präsentieren. Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt in der Öffentlichkeit ließen sie einander gar nicht mehr los, und Victoria sang ihrem David ein Liebeslied – vor tausenden Zuschauern in der Royal Albert Hall. Die hatte übrigens niemand anderer gemietet als Simon Fuller. Seine Firma „19 Entertainment“ hatte Geburtstag. Den 19ten.

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