Zeitung Heute : Der Mann hinter... Madonna

Er spielt Keyboard in einer kleinen britischen Band – und manchmal schreibt er Songs für die berühmteste Popsängerin der Welt. Wer ist Stuart Price?

Ulf Lippitz

Madonna küsst Britney Spears. Ein Skandal, der den Auftritt der Sängerin bei den MTV Awards ordentlich würzte. Mit den Frauen auf der Bühne stand auch Stuart Price – Madonnas Lieblingskeyboarder. Der junge Musiker gehört zu den umtriebigsten Elektronik-Produzenten derzeit. Er spielt in der Band Zoot Woman, hat ein Projekt namens Les Rythmes Digitales und schreibt Musik für Madonna, die gerade für den Musikpreis Echo als beste Künstlerin nominiert wurde.

Die professionelle Liaison beginnt 2001. Ein halbes Jahr tourt Madonna durch die gesamte Welt. Jeden Abend beginnt sie ihre Show im Schottenkaro und trägt am Ende mit Schmutzflecken verzierte Jeans. Sie sorgt für den Gesang, Stuart Price für die Musik, und beide stehen für einen reibungslosen Ablauf ein. Price ist ihr musikalischer Leiter, ein junger Londoner, dessen Vita vor allem DJ-Gigs und Plattenverkäufe in kleiner Stückzahl aufweist.

Am Ende der Tour kommt Madonna auf ihn zu und fragt: „Hast du ein Lied für mich?" Sie will ein neues Album aufnehmen. Er sagt ja. Ein großer Madonna-Fan war er nie, aber ihre Produzenten haben ihn beeindruckt: Leute wie die New Yorker Disco-Legende Jellybean oder der britische Ambient-Produzent William Orbit. In diese Ahnenreihe will er aufschließen. „Madonna weiß genau, was sie tut und wen sie dafür haben will", sagt er. „Es sind ihre Lieder, aber sie spielt kein Klavier und kann keinen Computer programmieren."

Der 26-jährige Brite erwirbt sich früh musikalisches Wissen. Seine Eltern unterweisen ihn in klassischer Musik, in der Schule fasziniert ihn die Ordnung der Noten mehr als das eigentliche Lied. Die Liebe zur elektronischen Musik weckt sein bester Freund, Adam Blake. Durch ihn entdeckt er die poppige Melancholie der Pet Shop Boys, die elektronischen Trance-Sounds von Jean-Michel Jarre und die Latino-Klänge Jellybeans – ein Intimus von Madonna, der den ersten Hit „Holiday" produziert. Im Alter von fünfzehn Jahren gründen die Schulfreunde eine Band: Zoot Woman. Das Duo erhält sofort einen Plattenvertrag bei dem jungen Label Wall Of Sound. Eine Platte gibt es lange Zeit nicht. Das Dilemma: Weder Stuart noch Adam können richtig singen.

Price konzentriert sich auf die Arbeit am Keyboard. Er programmiert, komponiert und sampelt. Nachts sammelt er Erfahrungen als DJ. Seine Engagements führen ihn in immer größere Clubs. Da gerade House-Musik aus Frankreich in Mode ist, gibt er sich 1997 den Künstlernamen Jacques Lu Cont. Zwei Jahre später erscheint sein Debüt unter dem Pseudonym Les Rythmes Digitales. Nik Kershaw, ein vergessener Sänger aus den 80er Jahren, hat darauf einen Gastauftritt. Das Album trifft damit einen Zeitgeist: Die Sehnsucht nach der Synthesizer-Kühle aus dem Jahrzehnt bevor Techno groß wurde. Die Kritik ist verhalten positiv. Ironischer Tenor: Der wahrscheinlich erste Brite, der vorgibt, Franzose zu sein.

Endlich klappt es auch mit Zoot Woman. Adams Bruder, Johnny, ist mittlerweile dem Stimmbruch entwachsen – und überrascht mit einem weichen Tenor. Das Trio spielt ein Album ein, das noch stärker auf die 80er Jahre zurückgreift: „Living In A Magazine" wird 2001 zum Soundtrack für alle Menschen, die die Kombination von auffallender Mode und eingängiger Popmusik lange vermisst haben. Besonders in Deutschland kommt die Mischung gut an – auch weil die Band das Lied „The Model“ der heimischen Elektro-Größe Kraftwerk nachspielt.

Es läuft gut für Stuart Price, im März 2001 kommt es noch besser. In Berlin promotet er gerade die erste Platte von Zoot Woman, als er einen Anruf erhält, „im kleinsten Hotelzimmer, das wir je bewohnten", erinnert er sich. Der Tour-Manager von Madonna fragt an, ob sich Price vorstellen könne, auf der Welttournee der Sängerin als musikalischer Leiter zu fungieren. Er kann. Bis heute weiß er nicht, warum ausgerechnet er auserwählt wurde, hat nur einen Verdacht: Mirwais, ein Freund von Price und Produzent des Madonna-Albums „Music", hat ihn vielleicht empfohlen. Zwei Monate probt er mit Madonna in Los Angeles. Nachts arrangiert er die Titel, schläft nie länger als vier Stunden. Dann reist er mit Madonna durch die Welt. Im Berliner Club „Sternradio" tritt die Band Zoot Woman auf der Aftershow-Party des Konzertes auf – mit einem Ersatz-Keyboarder. Price kommt erst während des Auftritts als Gast ins Publikum. „Wer steht dort auf meinem Platz?", hätte er am liebsten gerufen.

Die Arbeit am Album beginnt im Frühjahr 2002. Die Sängerin und ihr Produzent treffen sich im Nordwesten Londons, wo Price sein Studio in einem zweigeschössigen Reihenhaus eingerichtet hat. „Wir fingen an, einige Ideen zu hören, die ich auf meinem Computer gespeichert habe", erzählt er. „Einfälle schreibe ich mir nicht mehr auf, sondern setze sie gleich als Sound-Files um, weil ich immer schon eine klare Vorstellung davon habe, wie etwas klingen könnte." Die Prämisse lautet: Alle Erwartungen enttäuschen. Sie wollen keinen Beat-lastigen Elektro-Track kreieren, sondern eine schlichte Melodie, die man notfalls auf einer Gitarre am Lagerfeuer spielen kann. So entsteht nach einem Treffen und zwei Monaten Datenaustausch über das Internet das Lied „X-Static Process". Es ist ein „Wiegenlied" geworden, sagt Price stolz. „Für mich ist das ein Break mit allem, was ich bisher getan habe." Was er meint: Die Verbindung von kommerziellen Ansprüchen und innovativer Produktion. Das Album „American Life" verkauft sich vier Millionen Mal.

Sie weiß, was sie an Price hat. Er gibt sich loyal – kein falsches Wort geht ihm über die Lippen, wenn er über sie redet. Der schlaksige junge Mann hat keine Lust als jemand zu gelten, der zur eigenen Bereicherung ihre Nähe sucht. Price arbeitet längst an anderen Projekten. Er fertigt Remixe an, legt wieder Platten auf und spielt mit Zoot Woman das zweite Album ein. Es erscheint im September 2003. „Die Arbeit mit Madonna bedeutete zu keinem Zeitpunkt das Ende der Band. Wir fühlten uns nach der Trennung enger verbunden. Sie hat kreative Distanz in unsere Beziehung gebracht." Die Band komponiert die Lieder für die Platte getrennt voneinander. Ihr gelingt ein persönlicher Ton, weit weg vom Mainstream einer Madonna.

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