Zeitung Heute : Der Mann hinter... Ole von Beust

Früher war er der Baron von Wandsbek: Achim-Helge von Beust, der Vater von Ole.

Andreas Austilat

Oft gesehen haben sich Vater und Sohn nicht in letzter Zeit, „vielleicht vier Mal in den letzten zwei Jahren", sagt Achim-Helge von Beust. Und es wird wohl kaum häufiger werden, jetzt, wo Ole, sein Jüngster, die Wahlen in Hamburg triumphal gewonnen hat. Aber sprechen, das tun sie täglich, am Telefon, meist morgens zwischen halb acht und halb neun. Nicht weil der Vater den Sohn in tagespolitischen Fragen beraten könne, „dazu bin ich ja doch schon zu lange raus“, immerhin wird der ehemalige CDU-Kommunalpolitiker nächste Woche 87. Aber in menschlichen Fragen – der Sohn wisse, dass er ihm alles erzählen könne. Und menschliche Fragen können manchmal ganz schön politisch sein. „Ja“, sagt Achim von Beust, er habe Ole zum Bruch mit Schill geraten.

Mag sein, dass der Senior schon eine Weile aus dem Tagesgeschäft raus ist, aber der Mann mit dem buschigen, weißen Schnauzbart kennt es gut. Er hat es seinem Sohn sozusagen vorgelebt. Von Beust erinnert sich an eine Situation, ein Gespräch, über Parteigrenzen hinweg. Henning Voscherau war zu Gast. Plötzlich tauchte Carl-Friedrich auf, den alle nur Ole nannten. Ungefähr 15 muss er da gewesen sein, mit 18 ließ er sich den Spitznamen übrigens ganz offiziell in den Pass eintragen. „Junge“, sagte Henning Voscherau zu Beusts Sohn, „was wir hier besprechen, ist vertraulich.“ Und wenn er weiter zuhöre, dann müsse er schweigen können. Ole blieb. Und es scheint ihm gefallen zu haben, wie sein Vater und Voscherau sich da besprachen. Er scheint ihn überhaupt ganz großartig gefunden zu haben, den Job, den sein Vater machte. Ole strebte selbst nach Ämtern. In der fünften Klasse hatten sie ihn zum Klassensprecher gewählt, ein Posten, den der Junge nach drei Monaten allerdings wieder aufgeben musste.

Was genau er da mit Voscherau zu besprechen hatte, daran erinnert sich Achim-Helge von Beust nicht mehr. Die beiden sahen sich ja häufiger, damals in den 70ern. Voscherau war Fraktionsvorsitzender der SPD in Wandsbek. Und von Beust war der Bezirksamtsleiter. „Baron von Wandsbek“ nannten sie ihn, wahrscheinlich, weil er den Job schon seit 1954 machte. Beust weiß nicht einmal so richtig, was den Jungen an diesem Job fasziniert hat, „Bezirksamtsleiter, da sind Sie 14 Stunden täglich unterwegs, so oft hat er mich gar nicht zu sehen gekriegt“. Außer eben, wenn es zu Hause was zu besprechen gab.

Ole aber machte es wie sein Vater – wenngleich zunächst einmal nur in klein. Der Vater war nach dem Krieg Gründungsmitglied der CDU in Hamburg, übernahm den Vorsitz der Jungen Union, Ole gründete mit 16 die Junge Union in den Walddörfern, einem Ortsteil von Wandsbek, übernahm später den Landesvorsitz. Der Vater studierte Jura, sein Jüngster auch. Der Vater war 24 Jahre lang Bezirksamtsleiter, das ist so etwas wie ein Bezirksbürgermeister, der Sohn holt 1997 bei den Bürgerschaftswahlen ein respektables Ergebnis, ausgerechnet gegen Henning Voscherau. Er kenne seinen Gegner schon, da trug der noch kurze Hosen, soll Voscherau gesagt haben. Genutzt hat ihm das nichts. 2001 wird Ole von Beust mit den Stimmen der Schillpartei Bürgermeister der Hansestadt. Ist der Vater stolz auf seinen Sohn? „Stolz“, sagt der Vater, „stolz bin ich in erster Linie auf seinen Charakter“. Wie aber muss ein Charakter sein, auf den der Senior stolz ist?

Die von Beusts stammen aus der Altmark, alter Adel, die Vorfahren gehören zu den Gründungsfamilien der Stadt Stendal. Achim-Helge wird 1917 in Lübeck geboren, 1935 zieht die Familie nach Hamburg, und dort wird der Abiturient, der in Jazzkneipen verkehrt, für Louis Armstrong und Ella Fitzgerald schwärmt, Ärger bekommen. Sein Hang zum Swing bringt ihm ein Gestapo-Verhör ein, noch schwerer wiegt die Verlobung mit Hanna, seiner Zukünftigen, die nach den Nazi-Rassegesetzen als Halbjüdin gilt. Der Anwärter auf den NS-Studentenbund – die Mitgliedschaft ist für angehende Juristen praktisch Pflicht - wird vor die Wahl gestellt, das Verlöbnis zu lösen oder die Hamburger Universität zu verlassen. Achim von Beust wechselt an eine andere Universität, und er wird das bis 1945 noch fünfmal tun müssen. „Wenn Sie fragen was mir wichtig ist“, sagt er, „Liberalität ist mir wichtig.“

Hätte der Sohn also damals rebelliert, der Vater hätte es ihm nicht übel genommen. Behauptet er wenigstens. In der Praxis stellte sich die Frage nicht, denn Ole rebellierte nicht. Er ließ sich weder die Haare lang wachsen, noch schloss er sich maoistischen Schülergruppen an wie andere Wandsbeker Gymnasiasten. Ob er seinen Sohn beraten hat, als der in die Politik ging? „Den Anfang in der Jungen Union habe ich nicht einmal mitgekriegt“, sagt er. Er war eben ziemlich oft nicht da, in dem ziemlich abseits gelegenen Holzhaus im Duvenstedter Brook, einem Hamburger Naturschutzgebiet, in dem die Familie damals lebte. Lange her, die Söhne sind aus dem Haus, Oberst a. D. der eine, Arzt der zweite, Bürgermeister der dritte. Das Haus steht nicht mehr, Hanna, seine Frau, ist vor acht Jahren gestorben. Achim-Helge von Beust lebt in einem Appartment in Volksdorf, hat eine neue Lebensgefährtin gefunden.

Dann kam im August letzten Jahres das Interview mit der „Welt am Sonntag", in dem der Vater einräumte, dass sein Sohn homosexuell sei. Nein, das war nicht abgesprochen. Ja, Ole wird wohl wirklich fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen sein, als er das in der Zeitung las. Warum tut ein Vater das, warum outet er seinen Sohn ohne dessen Kenntnis, ja, ohne dessen Einverständnis? „Es ist ja nicht so, dass ich es nicht schon länger gewusst hätte", sagt von Beust. Seit Ole 18 ist, hätten sie Bescheid gewusst in der Familie. „Es war mir egal“, auch das gehöre zu einem liberalen Elternhaus. Aber eines habe er dem Jungen mit auf den Weg gegeben: „Wenn du politisch arbeitest, dann kannst du dich zwar immer auf den Standpunkt stellen, das Private geht niemanden etwas an, aber lügen, wenn du direkt darauf angesprochen wirst, das darfst du nie." Achim von Beust glaubt, dass die Öffentlichkeit Klarheit verlangte. Dass er seinen Sohn vor etwas bewahren, ihn in dieser belastenden Situation erleichtern musste. Der Vater übernahm die Verantwortung und gab das Interview. Wie Ole darauf reagiert hat? „Rückblickend bin ich sehr froh“, antwortete der kürzlich in einem Interview der „Bunten“, „ich kann jetzt immer darauf verweisen, dass mein Vater ja bereits alles gesagt hat.“

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