Zeitung Heute : Der Mann hinter... Pippi Langstrumpf

Er war König einer Südseeinsel – und Astrid Lindgrens Vorbild für Efraim Langstrumpf. Wer ist Carl Pettersson?

Christine-Felice Röhrs

Eine laue Südseenacht, der Hibiskus blüht, und König Kalle hat einige britische Offiziere zum Dinner geladen. Da kommt einer der Königin etwas zu nah. Der König steht auf, packt den Halunken – und dann hält er ihn am ausgestreckten Arm übers Verandageländer und lässt ihn in die Hibiskusbüsche fallen.

Eigentlich gibt es nur drei Menschen auf der Welt, die jemals Leute am ausgestreckten Arm in die Höhe hoben und an ungewöhnlichen Orten wieder herunterließen, auf Schränken beispielsweise oder in Büschen: Pippi Langstrumpf, ihr Vater Efraim Langstrumpf – und Carl Pettersson alias König Kalle. Pippi und ihr Papa sind Fantasie. König Kalle war echt. Und berühmt. So berühmt sogar, dass Geschichten über ihn von der kleinen Südseeinsel Simberi vor Neuguinea bis nach Schweden drangen, wo die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren über einer Figur brütete, die sie Pippi nennen wollte.

Mehr als 50 Artikel über den seltsamen Landsmann, der es in der Ferne bis zum König gebracht hatte, erschienen bis 1937 in schwedischen Zeitungen. „Vom Matrosen zum Negerprinzen“ titelten sie beispielsweise. Astrid Lindgren muss diesen Pettersson gemocht haben. Sie beschloss – das nehmen zumindest die Historiker Joakim Langer und Helena Regius in ihrem Buch „Pippi und der König“ (List 2004) an – Efraim Langstrumpf nach seinem Vorbild zu formen.

Die Indizien sind allzu deutlich: Carl Pettersson warf Menschen gern in Büsche – Efraim Langstrumpf tut es in den Pippi-Büchern auch. Carl Pettersson war auf einer Südseeinsel gestrandet, also strandet Efraim Langstrumpf auch, nur dass er nicht auf Simberi an Land gespült wird wie Pettersson, sondern in Taka-Tuka-Land. Pettersson wurde König, Langstrumpf darf als König ab und an mal aushelfen. Sowohl Carl als auch Efraim kaufen ihren Kautabak bei der Poststation einer Nachbarsinsel. Und: Beide finden Gold. Efraim schenkt Pippi einen Rucksack voll.

Doch selbst wenn Petterssons Ruhm nicht bis nach Schweden gedrungen wäre, wenn Astrid Lindgren nicht von ihm gehört und Efraim nach seinem Vorbild beschrieben hätte – König Kalles Leben wäre auch so eine Geschichte wert. In einer Zeit, in der die Klassengesellschaft noch sehr ausgeprägt war, hatte er es vom Klempner zum König gebracht, hatte eine „Negerprinzessin“ geheiratet und es trotz dieses Bruchs der Konventionen geschafft, ein anerkannter Mann zu werden. Und reich.

Carl Pettersson wurde 1857 in Skogstorp bei Stockholm geboren – am 4. oder am 23. Oktober, so genau ist das nicht mehr nachzuvollziehen; der Vater war Schlachter. Aus Aufzeichungen, die im Heimatmuseum des Ortes verwahrt werden, geht hervor, dass Carl Fäuste wie Vorschlaghämmer gehabt haben muss. Einmal wurde er überfallen, und als er später danach gefragt wurde, soll er erzählt haben: „Ja, natürlich habe ich sie abgeschüttelt, aber ich denke schon, dass sie noch leben.“ „Strong Charley“, starker Carl, nannte man ihn später in der Südsee auch.

Klempner zu sein, war Carl Pettersson aber nicht genug, er war abenteuerlustig. Also heuerte er mit 17 auf einem Schiff an. Wie und wann der junge Schwede in die Südsee gelangte, ist unbekannt, aber fest steht, dass er sich ab 1889 in Deutsch-Neuguinea herumtrieb, wo man damals mit Kopra-Plantagen das große Geld einfuhr. Es hieß, in Deutsch-Neuguinea könne man schnell sein Glück machen.

Pettersson arbeitete zunächst für die deutsche Neuguinea-Kompagnie und warb schwarze Arbeiter an. Aber er mochte die Arbeit nicht. Es war eher ungewöhnlich, dass Kolonialherren sich Gedanken um die Rechte der Ureinwohner machten, aber Pettersson tat es, und vielleicht war es ja das, was Lindgren so an ihm gefiel. Dieser Vater, so mag sie gedacht haben, passt zu Pippi, die mit Witz gegen Intoleranz kämpft und sich frech über Konventionen hinwegsetzt.

Petterssons Schicksal wendete sich im Dezember 1907, als er vor Simberi Schiffbruch erlitt. Als er aufwachte, sah er sich, so zumindest die Legende, einer Meute Schwarzer gegenüber, die ihn am liebsten aufgegessen hätte – aber dann fiel er Singdo auf, der schönen Tochter des Häuptlings. Natürlich rettete sie ihn. Natürlich erbte er den Inselthron.

Aus den Aufzeichnungen der Besucher geht hervor, dass Singdo und Carl Pettersson sich sehr geliebt haben müssen. Als sie starb, trauerte er lange, bis er sich nach Schweden aufmachte und in monatelanger, generalstabsmäßiger Brautschau eine neue Frau fand. Er brauchte eine. Auf Simberi warteten schließlich acht Kinder und drei Plantagen.

Bis 1935 bewirtschaftete Carl Pettersson seine Ländereien in der Südsee. Dann beschloss er, die letzten Lebensjahre in Schweden zu verbringen. Er brach auf. Doch der alte Mann kam nur bis Sydney. Dort liegt er auch begraben, fast vergessen, auf einem kleinen, staubigen Friedhof im Vorort Campeltown.

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