Zeitung Heute : Der Mann hinter... Tom Ford

Er ist der einflussreichste Designer seiner Generation. Jetzt verlässt Tom Ford das Gucci-Imperium. Domenico De Sole hat ihn einst engagiert – und geht nun auch.

Ulf Lippitz

Es war ein Schauspiel, das sich den Zuschauern der Prêt-à-Porter-Schauen vergangene Woche in Paris bot. „Dom & Tom", das Dreamteam der Modebranche, nahm Abschied von der Marke Gucci – und die anwesenden Designer erwiesen Präsident Domenico De Sole und Chef-Designer Tom Ford die Ehre. Alexander McQueen verbeugte sich vor ihnen, Stella McCartney widmete ihnen ihre Show. Ford gilt als Modegenie, das den Stil der 90er Jahre mit seinen dekadenten Ideen prägte. Er war der Star auf den „Vogue“-Seiten, De Sole sein Förderer, Fan und Finanzier. Beide bauten in zehn Jahren Gucci von einem maroden Familienunternehmen zum drittgrößten Luxuskonzern um. Zum Abschluss der letzten von Ford kreierten Gucci-Show umarmten sie sich auf dem Laufsteg. Der Anfang dieser Freundschaft war nicht weniger dramatisch.

De Sole berief den jungen Texaner 1994 auf seinen Posten. Damals hatte er selbst gerade die Präsidentschaft von Gucci übernommen – nach zehn Jahren als Amerika-Chef des Hauses, in denen er Zeuge einer bizarren Familiensaga geworden war. Paolo Gucci bezichtigte seinen Onkel Aldo der Steuerhinterziehung von elf Millionen Dollar. Der wanderte daraufhin für ein Jahr ins Gefängnis und verkaufte seinen 50-prozentigen Anteil an die bahrainische Investcorp-Gruppe. Erst Paolo, dann Maurizio Gucci brachten die Firma dem finanziellen Ruin nahe und mussten letztlich Anteile an Investcorp abtreten. Die neuen Mehrheitseigner setzten sofort De Sole an die Spitze des Unternehmens. Ein Jahr darauf ließ Patrizia Martinelli ihren Ex-Mann Maurizio Gucci umbringen: aus Eifersucht und Geldnot. De Sole sagte über die turbulenten Jahre: „Der Erste Weltkrieg war der innerfamiliäre Zwist. Der Zweite Weltkrieg war Maurizio Gucci gegen Investcorp."

Die Firma selbst lag am Boden, der Name verblasste. Aber Domenico De Sole hatte: Tom Ford. Der frisch gekürte Chefdesigner führte das brave Image mit teuren Kroko-Handtaschen, stahl-besetzten Hackenschuhen und edlen Handschellen auf neue Dekadenz-Höhen. „Ich bin gesegnet mit Tom Ford“, sagte De Sole und räumte ihm jegliche kreative Freiheit ein. In der Führungsetage donnerte es hingegen. De Sole wechselte das gesamte Management aus und führte einen amerikanischen Führungsstil ein. Er erwartete von allen Angestellten Offenheit, falls ihnen eine Entscheidung fragwürdig erschien.

Geboren wurde Domenico De Sole 1944 in Rom. Er stammte aus einer kalabrischen Familie. Sein Vater war Soldat – die Familie zog deshalb oft um – ein distanzierter, strenger Mann, der das Lebensmotto von Domenico prägte: Verlieren ist unakzeptabel. De Sole zitiert noch heute ein Sprichwort seiner Eltern: „Kalabrier essen Nägel zum Frühstück." Will heißen: Wir sind harte Kerle, zäh und unbeugsam. Ein Wille zum Erfolg führte De Sole von einem Mailänder Gymnasium an die juristische Fakultät der Universität Rom, 1969 erhielt er ein Stipendium der renommierten Harvard Law School in den USA.

Eine Flucht sei das gewesen, um seiner gluckenhaften Mutter zu entkommen, sagt er, und in die ersehnte Unabhängigkeit aufzubrechen. Fast wäre das misslungen: Mamma De Sole überlegte ernsthaft, ihren Sohn nach Harvard zu begleiten. Wer sollte ihm sonst das Essen kochen und die Wäsche machen? Domenico De Sole schwor sich in jenem Augenblick, nie mehr zurück zu den Eltern zu ziehen. Und seine Mutter blieb Italien dann doch treu.

Drei Jahre später schloss er das Studium mit einem Master-Diplom ab. Er blieb in den USA und stürzte sich mit Verbissenheit in die englische Sprache, bis sein Akzent nicht von dem eines Amerikaners zu unterscheiden war. 1974 heirtete er seine Frau Eleanor, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an, wurde bald Vater zweier Töchter, lernte Skifahren, Segeln und machte den Pilotenschein. Für die größte Leidenschaft – das Lesen – fand De Sole immer weniger Zeit. Denn der bekennende Workaholic arbeitete als Steueranwalt für die einflussreiche Anwaltskanzlei Patton & Boogs in Washington. Einer der Klienten war die Familie Gucci, die ihm schließlich 1984 den Chefsessel für die USA antrug.

Nach dem Ausscheiden der Familie aus der Führungsriege begann Gucci dank der straffen Finanzpolitik und der modischen Neuorientierung zu florieren. Die Arbeitstage von „Domenico, dem Kühlen" – wie sie ihn in der Branche nennen – waren ewig lange Sitzungen. Morgens um sechs Uhr stand er auf, lief sich auf dem Laufband warm und ging ins Büro. Das Frühstück nahm er erst dort zu sich. Entgegen traditionellen italienischen Sitten verzichtete er auf das Mittagessen, bestellte sich manchmal ein Sandwich und telefonierte bis abends um acht Uhr mit den Direktoren rund um die Welt. „Jeder Tag ist, als ob man in den Krieg zieht", sagte er einmal, nicht unzufrieden mit dem Rhythmus.

Das Geld strömte – und Gucci kaufte Firmen wie den Schuhhersteller Sergio Rossi und das Traditionshaus Yves Saint-Laurent auf. Mit dem Erfolg kamen die Konkurrenten. Der Luxuskonzern LVHM versuchte 1999 über zwei Jahre lang den Multi-Marken-Konzern mit einer feindlichen Übernahme in die Knie zu zwingen. De Sole verbündete sich mit der französischen Gruppe Pinault Printemps Redoute (PPR) gegen den Angreifer. Ein Pyrrhussieg, stellte sich im November letzten Jahres heraus. PPR war nicht gewillt, dem Dreamteam Ford-De Sole uneingeschränkte Kontrolle in Führungs- und Gehaltsfragen zuzugestehen. Pro Jahr verdiente das Duo 7,8 Millionen Dollar zusammen, hinzu kamen Aktienoptionen in Millionenhöhe. Das französische Konglomerat verlängerte den April auslaufenden Vertrag beider Männer nicht. Eine Ära geht nun zu Ende.

Dass sich Domenico De Sole auf seinen Besitz in Hilton Head, South Carolina, zurückzieht, glaubt niemand. Gerüchten zufolge könnte der Kämpfer bei angeschlagenen Häusern wie Armani und Valentino einsteigen – mit Partner Ford. Selbst die Gründung einer eigenen Marke ist nicht ausgeschlossen. De Sole hüllt sich in Schweigen.

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