Zeitung Heute : Der Mann hinter... Angela Merkel

Die Stasi hat das Paar schon früh beobachtet. Geheiratet wurde viel später - ohne Kirche.

Martina Fietz

Staatsbesuch von US-Präsident George W. Bush in Berlin. Empfang bei Papst Benedikt XVI. in Rom. Noch fällt die Vorstellung schwer, dass nach der möglicherweise ersten Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Mann zum Händeschütteln nach vorn tritt. Ist „die Frau an seiner Seite“ eine Selbstverständlichkeit, so hat das Bild von Dennis Thatcher kaum noch jemand vor Augen. Der Ehemann als Begleiter ist hier zu Lande eine ungewohnte Rolle. Joachim Sauer hat sie bislang eher zurückhaltend ausgefüllt. Natürlich, da waren die gemeinsamen Auftritte bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth, es gab den offiziellen Geburtstagsempfang für die CDU-Chefin und auch die eine oder andere Gala, bei der das Ehepaar gemeinsam erschien. Doch folgte der Professor für Chemie an der Humboldt-Universität bislang in erster Linie der Devise: „Meine Person steht in keinem Verhältnis zur politischen Arbeit von Angela Merkel. Deshalb bin ich auch für die Öffentlichkeit nicht interessant.“

Das mag sich demnächst ändern. Wer akzeptiert, dass seine Frau für das höchste Regierungsamt kandidiert, muss einkalkulieren, protokollarisch eine gewisse Rolle zu spielen. Doch werde Sauer das wohl eher restriktiv tun, heißt es im Umfeld der morgen zu kürenden Kanzlerkandidatin der Union. Bei einem Empfang zu Ehren eines Staatsgastes gehört der Ehepartner sicher dazu. Das heißt aber nicht, dass auch der Ausflug ins Museum oder die Dampferfahrt des so genannten Damenprogramms zur Pflicht wird.

Schließlich hat Sauer seine eigene Profession, der er mit Leidenschaft folgt. In Ost-Berlin arbeitete er wie Angela Merkel an der Akademie der Wissenschaften und war reichlich frustriert angesichts der Enge des DDR-Forschungsbetriebs. Er litt darunter, dass er nicht in vernünftigem Maße Kontakte zu Wissenschaftlern im Westen pflegen durfte und ihm das Reisen verboten war. Nach der Wende nutzte er darum die neu gewonnene Freiheit und ist noch heute auf Tagungen überall auf der Welt anzutreffen.

Dass seine Karriere kontinuierlich bergauf ging, hatte mit Sauers Können zu tun, aber auch „mit einem ordentlichen Quantum Glück“, wie er selbst es einmal formulierte. Die Max-Planck-Gesellschaft war Anfang der 90er Jahre auf den ostdeutschen Forscher aufmerksam geworden und förderte seine Arbeit im Rahmen eines Sofortprogramms zur Revitalisierung von Forschung und Lehre in den neuen Bundesländern. Kollegen beschreiben ihn als streng, bisweilen auch kauzig, nennen ihn aber auch einen brillanten Kopf, der schon immer für die trockene Materie der physikalischen Chemie lebte und vom eigenen Stoff begeistert war.

Doch obwohl seine Arbeitsfelder hoch theoretisch klingen – „Struktur molekularer Cluster in der Gasphase“ etwa – weltfremd ist Joachim Sauer nicht. Er sei ihr „Zugang zum normalen Leben“, hat Merkel einmal formuliert. Der Professor organisiert den Alltag, kümmert sich um den zu Hause anfallenden Schriftverkehr, hat die Putzhilfe eingestellt und kocht hin und wieder. Das allerdings am liebsten in Templin, in der Uckermark, wo sich das Paar ein Refugium geschaffen hat, wo die beiden bei ausgedehnten Spaziergängen, beim Musikhören oder Lesen Entspannung suchen.

Merkel ist in Templin aufgewachsen. Und bei aller Distanz, die sie zum früheren System entwickelt hat, der Ort ist ihr ein Stück Heimat geworden. Ihren heutigen Mann – für Merkel und Sauer ist es die zweite Ehe, er ist auch zweifacher Vater – hat sie Anfang der achtziger Jahre in Berlin kennen gelernt. Formell taucht der Wissenschaftler 1986 im Leben der vielleicht ersten deutschen Kanzlerin auf. Im Anhang zu ihrer Dissertation dankt sie „Dr. Joachim Sauer“ für die kritische Durchsicht des Manuskripts. Die Stasi hatte jedoch bereits seit 1984 regelmäßige gemeinsame Mittagessen in der Kantine der Akademie der Wissenschaften registriert, schreibt der Merkel-Biograf Wolfgang Stock. Schon in der Anfangsphase ihrer Beziehung pflegten die beiden den zurückhaltenden dezenten Auftritt. Emotionen zu zeigen war nicht ihre Sache, und heute ist es das schon gar nicht. Die Gemeinsamkeit wird nicht demonstriert.

Geheiratet haben Angela Merkel und Joachim Sauer erst viel später, im Jahr 1998 – und nur auf dem Standesamt, nicht in der Kirche. Merkel begründete diese Entscheidung in einem Interview-Buch mit ihrer geschiedenen Ehe: „Wenn man schon einmal gescheitert ist, dann ist es mir so lieber. Ich bin auch so gut verheiratet.“

In einer Altbauwohnung in der Nähe der Museumsinsel leben heute zwei Menschen zwei Leben mit einer kleinen Schnittmenge. „Ich würde gern mehr Zeit mit ihm verbringen“, sagte Angela Merkel einmal über ihren Mann und fügte hinzu: „Man muss aufpassen, dass man von den Sorgen und Problemen des anderen genug mitkriegt, auch wenn man selbst vielleicht gerade nicht die emotionale Kraft hat, sich damit auseinander zu setzen.“

Sollte die CDU-Frau ihr seit langem angepeiltes Ziel erreichen und Kanzlerin werden, dürfte das Zeitbudget noch einmal zusammenschrumpfen, dürfte noch weniger Zeit bleiben für das gemeinsame Frühstück am Wochenende, das das Ehepaar sich bislang immer für ausgiebige Gespräche – ohne Zeitungslektüre – frei gehalten hat.

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