Zeitung Heute : Der Mann hinter... Annett Louisan

Gib einem Kerl deine Telefonnummer und du wirst berühmt. Mit Frank Ramond geht das.

Ulf Lippitz

Ein zierliches Mädchen hat als Lolita-Inkarnation die deutschen Charts erobert. Annett Louisan, Sängerin, blond, 25 Jahre alt, jünger wirkend, gerade einmal 1,52 Meter groß, Studentin der Gestaltung im achten Semester. In dem Hit „Das Spiel“ erteilt sie ihrem Verehrer eine Abfuhr, weil er zu viel will. Sie möchte Liebe spielen, sich nicht verpflichten. Dazu schlägt die gebürtige Brandenburgerin im Video kokett die Augen auf und nieder, sie lächelt, die Lippen glänzen. Was viele nicht wissen: Das Lied über die selbst bestimmende Frau hat ein Mann getextet – Frank Ramond, Produzent und Entdecker von Annett Louisan.

Es ist nicht Ramonds erste Arbeit im Musikgeschäft, aber seine bisher erfolgreichste. Seit 1991 verdient der 40-jährige Hamburger sein Geld in der Unterhaltungsindustrie. Er gab Platten der Country-Band Truck Stop den letzten Schliff, griff Schlagerkönig Roger Whitaker beim Texten unter die Arme und arrangierte Kommerz-Hip-Hop für die kurzlebige Teenie-Band Basis. Keine Namen, mit denen man Ruhm erlangt. Erst dank Annett Louisan erfährt der verheiratete Familienvater Anerkennung bei Kritik und Musikern.

Geboren wurde Ramond 1964 als Kind einer Deutschen und eines Franzosen in Istanbul. Sein Vater arbeitete dort als Lehrer im diplomatischen Dienst, seine Mutter lernte ihn auf einer Urlaubsreise zum Bosporus kennen und lieben. Die Schule besuchte Ramond junior zunächst in Mexico City, bis die Familie in Hamburg ansässig wurde. Trotz seiner bewegten Kindheit betrachtet Ramond sich denn auch als Hanseat. „Ich schätze die Liberalität und Unaufdringlichkeit der Hamburger.“ Ein Souvenir hat er aus Mexiko an die Alster gerettet: jene Gitarre, auf der er als Kind die ersten Akkorde erlernt hat.

Nach dem Abitur geht er den sicheren Weg. 1985 beginnt Ramond eine kaufmännische Lehre im Elektronikkonzern Philips, zwei Jahre später schreibt er sich für Jura an der Universität Hamburg ein – legt das Fundament für eine klassische bürgerliche Karriere. Doch dann träumt der Student doch nicht von Verhandlungen im Gerichtssaal, sondern von Aufnahmen im Tonstudio. „Ich wollte Popstar werden, war aber nie ein virtuoser Instrumentalist“, so Ramond über Ramond. Immer wieder schickt er Demo-Bänder an Plattenfirmen, mal in englischer, mal in deutscher Sprache. Er lernt Leute aus der Musikbranche kennen – und Ende der Achtziger erhält er tatsächlich einen Vertrag: „mit einem fürchterlichen Karnevalslied“, wie er heute sagt.

Der Traum vom Erfolg geht nicht in berauschenden Umsatzzahlen auf, aber Ramond bleibt in der Branche hängen. In den Neunzigern probiert er vieles aus, was auch nur annähernd nach Erfolg aussieht. Einerseits schreibt er Schnulzen für Vicky Leandros und Udo Lindenberg, auf der anderen Seite fertigt er billigen Wegwerf-Techno unter Pseudonymen wie Raver Dave und King Kurlee. „Meine Dance-Produktionen waren so schlecht, die DJs haben mich auf den Bewertungsbögen regelrecht zermalmt“, erzählt Ramond über die Zeit des Techno-Hypes. „Ich habe dadurch gelernt, dass man keine Musik machen sollte, die man nicht ansatzweise selbst fühlen kann.“

Frank Ramond braucht Sicherheit. Er findet sie in geordneten Arbeitsschemata. Wenn er einen Titel schreibt, denkt er zuerst an die Zielgruppe – der Zeitgeist bleibt außen vor. „Fantasie, Schaulust, ein Sprachgefühl, systematischer Fleiß und Unterhaltungswille“, so beschreibt der Autor sein Arbeitscredo. An die Kunst um der Kunst willen glaubt er nicht. „Damit hält man sich nicht über Wasser“, sagt er. So zementiert sich der Produzent einen Namen als vernünftiger Auftragsarbeiter – einer, der auch unter Stress gut abliefern kann. „Ich bin ein echter Prüfungstyp. Unter Druck wachse ich über mich hinaus.“

Leichten Druck übte jene junge Frau auf ihn aus, die ihn im vergangenen Jahr auf einer Hamburger Party ansprach. Die Studentin wollte unbedingt im Studio singen, auch im Hintergrund, und steckte dem Musiker eine Karte in die Jackentasche. Frank Ramond fand sie erst am nächsten Morgen. Darauf stand eine Telefonnummer und die Kurzbeschreibung: Annett, klein, blond. „Lustig“, fand Ramond das und rief sie irgendwann an. Die Auftritte klappten gut, immer öfter buchte Ramond die kleine blonde Annett, sie sang im Hintergrund bei Trance-Platten und Weihnachtsplatten, bald planten sie ein Album zusammen.

Sie redet über die Geschichten, die sie singen will, er beginnt zu texten, produziert Musik, die ihn an die Chansonplatten seiner Eltern erinnert – Jacquel Brel, Juliette Greco und Leo Ferre. Französische Einflüsse, deutsche Texte. „Es hat mich fasziniert, wie leichtfüßig sie bei den französischen Liedermachern Vulgäres mit Poetischem vermischt und wie unverkrampft mit Erotik oder Sexualität umgegangen wird.“ Daraus speist sich auch das freche Lolita-Image, das Annett Louisan vor sich her trägt. Sie will es wohl loswerden – aber ihren musikalischen Partner behalten. Über den sagt sie nur Gutes. Die Sängerin hatte das Gefühl, dass er ihre Ideen in ihrer, wie sie sagt, Gradlinigkeit und Schlichtheit, eins zu eins umsetzt. Dass er sie mehr verwirkliche als sich selbst, eher in den Hintergrund tritt, das lobt Louisan an Ramond. Und: „Ich kann einfach nicht so gut reimen“, sagt Annett Louisan.

Jetzt arbeiten die beiden an ihrer zweiten Platte. Das erste „Album“, Bohème, verkaufte sich 200 000 Mal.

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