Zeitung Heute : Der Mann hinter... Clint Eastwood

Henry Bumstead lässt Filme gut aussehen. Nun bekam sein Musterschüler einen Oscar.

Ralph Eue Jan Schulz-Ojala

Zum Beispiel die Boxhalle, diese unglaublich zernutzte Halle in „Million Dollar Baby“. Ausgeschlagene Backsteinwände. Weiße Tünche, längst verblichen. Speckiges Gemäuer, vor dem Hilary Swank in kaltem Licht wie besessen am Speedball trainiert. Und mittendrin Clint Eastwoods abgewracktes Trainer-Büro, durchgesessenes Staubnest mit hohen Fenstern, in dem ein Ventilator seine schlappen Kreise dreht. Schweiß, Schweiß überall. Menschliches Altöl: Du kannst es riechen, und dabei siehst du seine Spuren nur.

Alles das Werk von Bummy, so zärtlich-kumpelhaft nennen sie ihn in Hollywood. Henry Bumstead hat das leere Lagerhaus mitten in Los Angeles entdeckt und in exakt jenes schmuddlige Trainingscenter namens „Hit Pit“ verwandelt, das Eastwood sich wünschte. Hat die Wände und die Decke glasiert, die Stromleitungen auf alt und rissig präpariert, „da bin ich pedantisch“. Na ja, nicht er selber ganz allein. Dafür hat ein Production Designer erstens seine Leute. Und zweitens wird Bummy demnächst 90: am 17. März, um genau zu sein.

Bei den Oscars letztes Wochenende hat Clint Eastwood, auch schon 74, seinen Mitarbeiter Bumstead lachend den „Kopf unserer geriatrischen Abteilung“ genannt. Das passt. Ein großer, runder Kopf übrigens auf großem, runden Körper. Weißes Wuschelhaar, blitzende, freundliche Augen hinter dickem Brillenglas und ein breites Lachen noch dazu. Ein Mann ohne Feinde in Hollywood, das will was heißen. Einer, der bescheiden geblieben ist, down to earth, einer, der nichts davon hält, dass „ein Schauspieler oder das Publikum in Ehrfurcht vor meinen Sets erstarrt“. Bummy will lieber, und er sagt es ganz ausdrücklich so, „dienen“. Vor 15 Jahren, da war er Mitte 70, hatte er eigentlich ausgedient. Aber dann kam Eastwood und holte ihn für „Erbarmungslos“. Und Bummy machte weiter. Unsinn: Bummy fing nochmal richtig an. Und wie.

„Million Dollar Baby“ ist der zehnte Film, den die beiden zusammen gedreht haben, der alte Cowboy und sein treuer Helfer. Der erste war der Western „High Plains Drifter“ (1973), da stand Eastwood als Regisseur noch ganz am Anfang. Bumstead dagegen war längst berühmt: Einen Oscar – für Robert Mulligans Südstaatendrama „Wer die Nachtigall stört“ (1963) – hatte er schon, der zweite, für George Roy Hills „Der Clou“, sein ganz in erdenen Farbtönen wiedererfundenes Chicago der Großen Depression, sollte bald folgen. Bummy hatte überhaupt dauernd zu tun – mit weniger berühmten und ganz berühmten Regisseuren, mit Michael Curtiz zum Beispiel, mit Hitchcock (etwa wegen „Vertigo“ und „Topas“), mit Billy Wilder („Extrablatt“), mit Martin Scorsese („Cape Fear“). Knapp 100 Filme in sechs Jahrzehnten, erst lange in Diensten der Paramount, dann der Universal – „und als die anderen Regisseure in Rente gingen“, sagt Eastwood, „da habe ich mir Bummy wieder geschnappt. Es ist toll, mit anzusehen, wenn jemand in seinem Alter so viel Spaß am Arbeiten hat.“

Und Arbeit gibt’s bei Eastwood reichlich. Der Mann denkt und arbeitet schnell, ruhig, konzentriert, und das erwartet er auch von seinem Team. Für „Erbarmungslos“ baute Bumstead in nur 43 Tagen am Ende der Welt, im kanadischen Alberta, eine ganze Westernstadt auf, mit Außen- und Innendekorationen – „mein schnellster Job seit ,High Plains Drifter’“, erinnert er sich, und das war auch schon Marke Eastwood. So dreht Clint Eastwood, fast Jahr für Jahr, mit seiner family: den immerselben Leuten für Kamera, Kostüme, Schnitt – und mit Henry Bumstead natürlich. „Clint kann über einen Grundriss nachdenken wie über eine Partitur“, sagt er. „Er macht seine Hausaufgaben. Bei ihm gibt es wenig Aufregung und keine Verzögerung.“ Bummy mag überhaupt Leute, die ihre Hausaufgaben machen. Auch „Million Dollar Baby“, der Ende März in die deutschen Kinos kommt, ist so ein rasanter 38-Tage-Dreh gewesen.

Wenn Bummy mal nicht arbeitet in seinem gemütlichen, ganz und gar unglamourös eingerichteten Haus in San Marino, California, dann zeichnet er. Mit der Lust am Zeichnen auch hat alles angefangen. Schon das erste Praktikum bei Paramount, da war er Anfang 20, zog ihn weg vom Architekturstudium an der University of Southern California: „Ich verdiente 35 Dollar die Woche und fühlte mich wie ein König.“ Bei Paramount blieb er, 24 lange Jahre, jeden Tag vorschriftsgemäß in Anzug und Krawatte, und nach zehn Jahren stand er, bei „Saigon“ (1948) zum ersten Mal auf dem Abspann. Auf diese längst überfällige Anerkennung hat er geduldig gewartet – wie überhaupt auf Umsicht und auf Ausgleich. Eitlere Kollegen preist er ganz wunderbar als „flamboyante Künstler“ und sagt im selben Atemzug nüchtern: „Auf meine Arbeitsweise lässt sich das nicht übertragen.“

Man kann berühmt werden, so oder so. Aber Berühmtwerden ist gar nicht so wichtig. Dankbarkeit schon eher. Über die Lebensarbeitsglückszugabe zum Beispiel namens Eastwood. Als die beiden vor drei Jahren „Bloodwork“ gemeinsam drehten, Freundschaftsprojekt Nummer acht, mit Bummys zerklüftetem Schiffsinnenbau, sagte Eastwood im Scherz: „Vielleicht höre ich ja früher auf als er.“ Da wehrt Bummy heute ab: „Million Dollar Baby“ soll sein letzter Film sein. „Mein Körper ist voller Ersatzteile“, sagt er, als sagte er: Materialermüdung. Als sagte er: Kleines Problem am Set, Clint, das wir ausnahmsweise nicht lösen können.

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die sonst im Hintergrund bleiben.

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