Zeitung Heute : Der Mann hinter... Daniel Barenboim

Richard Wagner war für Dan Ettinger unhörbar – bevor er an die Berliner Staatsoper kam.

Frederik Hanssen

Ob es okay wäre, wenn wir unser Gespräch auf Englisch führten, fragt Dan Ettinger und lächelt entschuldigend. „Ich war gerade vier Monate unterwegs, zuerst in Los Angeles, dann in Tokio. Da habe ich mein ganzes Deutsch vergessen.“ Jene Sprache also, die ihm eigentlich vertraut ist, die er als kleiner Junge mit seiner Großmutter gesprochen hat. Hebräisch hatte sie nie gelernt, die Geigerin und Schauspielerin aus Rumänien, die dort zur deutschen Minderheit gehörte, sich mit ihrer Kunst irgendwie über die Kriegsjahre rettete und dann in den neuen Staat Israel gekommen war. In der Nähe von Tel Aviv wurden sie und ihr Mann sesshaft, hier kam 1971 auch der Enkel zur Welt. Deutschland war nie Tabu bei den Ettingers, Dans Vater hatte als Geschäftsmann enge Kontakte in die Bundesrepublik, Anfang der 80er Jahre lebte die Familie sogar ein Jahr lang in Offenbach bei Frankfurt.

Dennoch war es ein Kulturschock für den damals 31-Jährigen, als er zum ersten Mal nach Berlin kam, an die Staatsoper, um Assistent bei Daniel Barenboim zu werden: Es war das Jahr des Wagner-Marathons Unter den Linden, alle zehn Opern des Bayreuther Meisters hintereinander, alle dirigiert vom Hausherren höchstselbst. „Richard Wagner hatte in meiner musikalischen Ausbildung keine Rolle gespielt, denn in Israel werden seine Werke nicht aufgeführt“, sagt Ettinger. „Ich respektiere jeden Juden, der sagt: Ich kann diese Klänge nicht aushalten. Aber als ich da im Zuschauerraum saß und so massiv mit diesem Komponisten konfrontiert wurde, merkte ich, dass mir etwas sehr Wichtiges gefehlt hatte.“ Drei Jahre später nun wird Dan Ettinger seinen ersten „Tannhäuser“ dirigieren, ab 28. April leitet er eine ganze Aufführungsserie der Harry-Kupfer-Inszenierung an der Staatsoper.

In Berlin ist sein Vorname Programm: Dan ist die bessere Hälfte von Daniel, ohne Ettinger liefe es in Barenboims Musentempel längst nicht so reibungslos. Der Assistent ist stets bereit einzuspringen, wenn der Chefdirigent mal keine Zeit hat. Und das passiert bei einem vielbeschäftigten Tausendsassa wie Barenboim nicht eben selten. „Die größte Schwierigkeit bei diesem Job ist, herauszubekommen, zu erspüren, was der Boss will“, erklärt Ettinger. Denn wenn es heißt: Jetzt übernimmst du mal!, muss es sofort im Sinne des Maestro weitergehen. Beschließt Barenboim, der sich sehr für Regie interessiert, eine Probe aus dem Zuschauerraum zu verfolgen, flitzt der Assistent in den Orchestergraben. Leitet Barenboim während der Vorbereitungszeit einer Opernproduktion parallel Sinfoniekonzerte oder tritt als Pianist und Sänger-Begleiter auf, steht wieder Ettinger vor den Musikern und probt mit den Solisten.

Durchaus ein heikler Job für Künstler wie Dan Ettinger, die schon eine eigene Interpreten-Karriere durchlaufen haben: Wie Barenboim begann er als Pianist, studierte dann in Tel Aviv und New York zusätzlich Gesang, bis ihm der Leiter der Israeli Opera eine Stelle als Chordirigent anbot. Obwohl er nie zuvor Dirigierstunden genommen hatte, forderte Ettinger, auch selber Aufführungen leiten zu dürfen. Er zeigte Talent, wurde bald auch Gastdirigent beim Jerusalem Symphony Orchestra. Dort arbeitete ein Manager, der gut mit Daniel Barenboim befreundet ist und ein Video seines Nachwuchs-Kapellmeisters nach Berlin schickte. Barenboim wollte den jungen Israeli kennen lernen, gab ihm 15 Minuten Zeit zum Vordirigieren und stellte ihn dann mit den Worten ein: „Was du kannst, kann dich keiner lehren. Für alles andere komm’ zu uns und lerne mit uns.“

Wenn Dan Ettinger von seinem Mentor spricht, strahlt sein jungenhaftes Gesicht. Hier haben sich ganz offensichtlich zwei gefunden. Viel Zeit zum Zwiegespräch hat der Meister bei seinen Präsenz-Phasen in der Hauptstadt zwar nicht für seinen Lehrling, doch nach zwölf Jahren Barenboim-Ära atmet alles in der Staatsoper seinen Geist. „Parallel zu ihm die Partituren vorzubereiten, ihm zuzuschauen, das ist für mich ungeheuer bereichernd“, schwärmt Ettinger. Und dann ist da natürlich die Arbeit mit der Staatskapelle: „Mein Berlin-Debüt habe ich gegeben, als ich ganz plötzlich bei Puccinis Turandot einspringen musste“, sagt er nicht ohne Stolz. „Schon nach wenigen Takten merkte ich, dass die Chemie stimmt. Hinterher haben mir die Musiker gesagt, dass ich sowohl in meiner Art zu dirigieren wie auch in meinem Interpretationsansatz Barenboim sehr ähnlich bin.“

Seit diesem Tag fühlt sich Dan Ettinger als Teil der Staatsopernfamilie: „Figaros Hochzeit“ hat er ohne eine einzige Probe übernommen, bei „Tosca“, „La Bohème“, „Traviata“ und dem „Liebestrank“ gab es vor der ersten Aufführung immerhin einmal Gelegenheit, sich drei Stunden lang mit Orchester und Solisten zu verständigen. „So funktioniert eben die Fabrik eines Repertoire-Opernhauses“, sagt Ettinger lachend. Furcht scheint er ganz offenbar ebenso wenig zu kennen wie sein großes Vorbild.

Barenboimmäßig treibt Ettinger auch seine Karriere voran: Bis 2009 reichen seine Planungen, die Opernhäuser von Tokio und Los Angeles haben ihn wieder eingeladen, dazu kommen Gastverträge mit Washington und Hamburg, ab kommender Saison ist er zusätzlich zu seinen Berliner Verpflichtungen musikalischer Leiter des Israel Symphony Orchestra.

Den schönsten Moment seiner bisherigen Dirigenten-Laufbahn erlebte Dan Ettinger allerdings, als er vor drei Wochen nach seinem großen Erfolg in der japanischen Hauptstadt ein Fax an Daniel Barenboim schicken konnte: „Jetzt weiß ich, was ich alles in Berlin gelernt habe!“

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