Zeitung Heute : Der Mann hinter dem Rauch

Mark Felt wollte sein Geheimnis mit ins Grab nehmen. Seine Familie hat ihn vom Gegenteil überzeugt – er war „Deep Throat“

Matthias B. Krause[New York]

Die Journalisten Bob Woodward und Carl Berstein haben ihren Informanten der Watergate-Affäre nie genannt. Jetzt sagt der ehemalige FBI-Agent Mark Felt, er sei das damals gewesen. Wer ist „Deep Throat“?

Nach Mitternacht ist die Tiefgarage ein menschenleerer, unheimlicher Ort. Die Schritte des Reporters hallen von den kahlen Wänden wider, er weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Dann sieht er den weißen Rauch, der aus einer Ecke aufsteigt, und einen Schatten. Er entdeckt den Mann im Trenchcoat, von dessen Gesicht er kaum etwas erkennen kann. „Folge dem Geld“, raunt der – und ist nach Sekunden schon wieder verschwunden. So beschrieben die Enthüllungsreporter Bob Woodward und Carl Bernstein die Treffen mit einem ihrer wichtigsten Informanten in ihrem 1974 erschienenen Buch „All the President’s Men“. Darin vollziehen sie ihre Recherchen zum Watergate-Skandal nach, die zum Fall von Präsident Richard Nixon führten. Und so inszenierte Alan J. Pakula zwei Jahre später den gleichnamigen Film mit Robert Redford und Dustin Hoffman in den Hauptrollen.

Deep Throat – „tiefe Kehle“ – nannten die „Washington Post“-Reporter ihre Quelle. Das war 1972 jedoch auch Titel eines Aufsehen erregenden Pornofilms und somit ein hübscher Extradreh für eine ohnehin schon spannende Story. 33 Jahre lang rätselte die Welt, wer der zentrale Tippgeber im Watergate-Skandal war. Woodward und Bernstein hielten sich eisern an ihren Schwur, die Identität erst nach dessen Tod zu enthüllen. Nun kam er ihnen zuvor. „Ich bin der Typ, den sie Deep Throat nannten“, sagte W. Mark Felt dem Magazin „Vanity Fair“.

Felt, während der Nixon-Regierung Nummer zwei bei der Bundespolizei FBI, stand schon lange oben auf der Liste der Verdächtigen. Doch daneben präsentierten mehr als ein Dutzend Bücher, Filme und hunderte Artikel weitere Tippgeber. Unter ihnen gar der ehemalige US-Präsident George H. W. Bush, damals unter Nixon CIA-Direktor, und der damalige US- Außenminister Henry Kissinger. Felt aber hatte Zugang zu den Ermittlungsakten und galt damals in Washington als einer, der gern mit Reportern sprach. Und er hatte ein Motiv: Nach seiner Wiederwahl überging Nixon ihn und beförderte einen persönlichen Protegé an die Spitze der Bundespolizei. Felt, den viele im eigenen Haus für weitaus qualifizierter hielten, kochte. Außerdem sah er in dem Versuch der Nixon-Administration, die Ermittlungen des FBI zum Watergate-Skandal zu unterdrücken, eine Invasion der Politik in das Hoheitsgebiet der Polizei.

Felt, der heute im Alter von 91 Jahren als Rentner in Santa Rosa, Kalifornien lebt, stammt aus Idaho und arbeitete sich in 40 Jahren von ganz unten nach ganz oben im FBI. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte die Enttarnung deutscher Spione zu seinem Aufgabenbereich. Dabei eignete er sich Wissen über Konspiration und Vertuschung an, das ihm bei seiner Zusammenarbeit mit Woodward und Bernstein zugute kam. Weil er Angst haben musste, dass die Telefone abgehört würden, vereinbarte er mit den „Post“- Journalisten ein Zeichen. Woodward stellte auf den Balkon seines Apartments einen leeren Blumentopf mit einer kleinen roten Flagge, wenn er Deep Throat kontaktieren wollte. Hatte Felt etwas mitzuteilen, ließ er das Woodward durch einen diskreten Hinweis in dessen Morgenlektüre „New York Times“ wissen.

Selbst als der „Post“-Reporter seine Quelle zum 25. Jubiläum des Nixon-Sturzes besuchte, versuchte der, sein Tun zu vertuschen. Das fiel Felts Tochter auf. Als sie ihren Vater damit konfrontierte, gab er es zu. Bis dahin wussten außer Woodward und Bernstein nur ihr ehemaliger Chef Bill Bradlee und Woodwards Frau um die Identität von Deep Throat. Doch kaum hatte Felts Familie das Geheimnis enthüllt, drängten sie den alten Mann, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Seine Tochter sieht in ihm einen Helden, der über seine Pflichten hinausging, um das Richtige zu tun. Und eine Chance, ihre knappe Kasse aufzubessern.

Das jedoch stellte sich als gar nicht so einfach heraus. John D. O’ Connor, ein Anwalt aus San Francisco, den die Familie mit dem Fall beauftragte, versuchte über zwei Jahre lang vergeblich, die Story zu verkaufen. „Vanity Fair“ winkte ab, weil es gegen die Grundsätze des Magazins verstoße, Informanten zu bezahlen. Die Zeit drängte, denn nachdem Felt 2001 einen Schlaganfall erlitten hatte, verschlechtert sich sein Erinnerungsvermögen zusehends. „Vanity Fair“ willigte schließlich ein, die Story zu bringen – ohne Bezahlung, wie der Verlag beteuert. Und mit einem riesigen redaktionellen Aufwand. Bis zu 15 Redakteure waren zeitweise mit dem Artikel beschäftigt, jedes Wort wurde vielfach auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft.

Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ kann die Familie jetzt mit einem Buchvorschuss in Millionenhöhe rechnen. Auch die Filmrechte dürften noch einmal eine Menge Geld bringen. Die „Post“-Reporter schwiegen zunächst weiter. Erst auf Drängen der Chefredaktion entschlossen sich Woodward und Bernstein zu bestätigen: „Felt ist Deep Throat“. Gleichzeitig gab Woodward ein Buch zum Druck frei, das er schon lange vorbereitet hatte. Darin schildert er en détail, welche Rolle der Tippgeber in den Parkhäusern beim Sturz des Präsidenten spielte.

Die Reporter zögerten auch, ihr Schweigen zu brechen, weil sie einen Vertrag mit der Universität von Texas haben. Die kaufte ihnen für fünf Millionen Dollar alte Unterlagen ab und veröffentlichte sie – bis auf die Hinweise zu Deep Throat.

Wie wird die Geschichte Felt beurteilen? Als mutigen Nationalhelden, der Unrecht aufdeckte, oder als Verräter? So sagt zum Beispiel der ehemalige Nixon-Berater Patrick J. Buchanan: „Ich denke, Felt ist ein Verräter. Ich kann keine Größe darin erkennen, sich in Tiefgaragen rumzudrücken und Material herauszugeben, das aus Ermittlungen stammt.“ Charles W. Colson, ein anderer Nixon-Berater, der wegen des Watergate-Skandals sechs Monate im Gefängnis saß, meint: „Der richtige Weg wäre gewesen, dem Präsidenten in die Augen zu sehen und es ihm zu sagen.“ Die „Washington Post“ dagegen feiert: „Es ist schön, den Mann unter seinem richtigen Namen zu ehren, während er noch am Leben ist.“ Andere sind traurig, dass es kein Rätsel mehr gibt. So klagt die „New York Times“: „Es ist ein bisschen so, wie wenn man feststellt, die Identität von Superman war – nun ja – Clark Kent.“

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