Zeitung Heute : Der Mann hinter ... Dominic Raacke

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Er lebt in einem Häuschen, das in einer langen Reihe weiterer Häuschen in einer sehr schmalen Sackgasse in Zehlendorf steht. Es scheint zu klein für ihn. Peter Raacke öffnet, er führt ins Wohnzimmer, das gleichzeitig Küche und Esszimmer ist, und sagt als erstes: „Über die Scheidung meines Sohnes Dominic sage ich aber kein Wort.“ Der Sohn trennt sich gerade von Frau Kika, aber interessant ist Dominic Raacke für dieses Mal nur, weil die Erinnerungen an seine Kindheit so lustig sind. Der Vater ein verrückter Künstler im Ledermantel mit Pelz und gewaltigen Koteletten, der eine Pappmöbelserie baute und die Familie zwang, darin zu leben. So hat Raacke Junior das mal erzählt.

Der Vater des Berliner Tatort-Komisstars ist Designer. Würde man die Meisterschale des deutschen Fußballbundes – zurzeit im ersten Stock des Vereinsgebäudes von Bayern München hinter Glas – würde man die also aufschrauben, dann fände man in die Innenseite gekratzt seinen Namen. Zusammen mit ein paar anderen Kunsthandwerkstudenten hat er ihn 1949 ins 925er Sterling Silber hineingraviert, schön professionell immerhin.Er war damals Student der Goldschmiedin Elisabeth Treskow, die die Schale fertigen durfte. Geld bekamen ihre jungen Helfer nicht, obwohl sie sich Nächte dafür um die Ohren geschlagen hatten. Also bezahlten sie sich selbst mit dem Geheimnis in der Meisterschale. Das war lange bevor Peter Raacke zu den bekanntesten Künstlern Deutschlands gehörte, für eine Weile zumindest.

Heute steht er in Büchern, die „Design in Deutschland“ heißen, zwischen Herbert Hirches revolutionärem Fernsehgerät „HF1“, das sogar auf der Brüsseler Weltaustellung gezeigt wurde, und Günter Kupetz’ 0,7-Liter-Mineralwassereinheitsflasche aus dem Jahr 1969. Vor ein paar Jahren wurde Raackes bekanntestes Design sogar auf einer Bundesbriefmarke verewigt. „mono a“ heißt es; „mono a“ ist ein Besteck.

„Fluchtmensch“, so nennt er sich an diesem Nachmittag irgendwann selbst, als er von seinem wechselhaften Leben erzählt. Für Kinder ist es vermutlich nicht so lustig, einen Fluchtmenschen zum Vater zu haben. Sieben Kinder habe er in seinem Leben alimentiert (heute sei das Verhältnis zu allen „relativ gut“, Sohn Dominic zum Beispiel kommt auch regelmäßig zu Besuch) – „und jetzt wollen Sie wissen, von wie vielen Frauen, oder?“, fragt er und unter den Krähenschwingenaugenbrauen zerfällt alles in Lachfältchen. Er trägt ein grellpinkfarbenes Hemd und einen Nadelstreifenanzug, den leuchtenden Kragen sorgfältig übers Jacket gelegt. Das ergibt einen provokativen Kontrast zur grauen Haarwolke. Peter Raacke ist ein bisschen eitel. Er ist jetzt 77. Und es waren fünf Frauen.

Peter Raacke, Sohn eines Bezirksschornsteinfegers in Hanau, fiel in der Schule immer durch. Also ging er zum Großonkel Gertenbach an die Zeichenakademie in Hanau. Dort war er plötzlich der Beste. Er macht dann eine Lehre als Emailleur und Goldschmied. Er wird künstlerischer Leiter einer Bernsteinmanufaktur. Später hilft er, die im Krieg zerstörte Zeichenakademie in Hanau wieder aufzubauen. In einem Buch, das vergangenes Jahr im Berliner Form + Zweck-Verlag über ihn erschienen ist („Macht langsam… 50 Jahre Peter Raacke Design“), steht, Raacke sei in den Gründerjahren der deutschen Designgeschichte immer dort gewesen, wo Entscheidendes vor sich ging. Er lebt eine Weile in Darmstadt, Sammelpunkt des geistigen Lebens in der Nachkriegszeit, lehrt an der Staatlichen Werkkunstschule in Kassel, an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, später an der Kunsthochschule, er gründet den Werkbund Saar mit und den VDID, den Verband Deutscher Industriedesigner. Er ist fast 20 Mal umgezogen in seinem Leben.

Peter Raacke hat die Nachkriegsmoderne mitgeformt, kann man sagen, bekannt geworden sind fast immer Dinge, die man täglich braucht. Sie sahen ganz anders aus – minimalistisch oft – wenn er mit seinen Entwürfen fertig war. Wohnungs-Ölöfen oder die ersten Systemmöbel für Büros – und Besteck eben.

Er steht auf und holt eine blaue Schachtel aus der Schublade der Kommode. Raacke klappt sie auf, ein Löffel, ein Messer, eine Gabel liegen da in Schaumstoffkuhlen. Das ist „mono a“, millionenfach verkauft, mehrfach ausgezeichnet und immer noch zu haben, im KaDeWe zum Beispiel. Der Entwurf stammt aus dem Jahr 1958, wirkt aber wie aus der neuesten WMF-Serie, sehr modern, schlicht, aus einem Edelstahlguss, daher der Name.

Überall im winzigen Kombi-Zimmer dieses Häuschens in Zehlendorf, das Raacke mit Frau (jung, hübsch, Designerin) und Tochter Marie (selbstbewusst, 12) bewohnt, stehen noch Stücke, die Raacke über Jahrzehnte geschaffen hat. Neben der Anrichte zum Beispiel der Ulmer Koffer, auch „Revoluzzerkoffer“ genannt, ursprünglich für Tapezierwerkzeug gedacht: ganz aus Plastik, orange und eckig wie ein Teil einer Sanitäterausrüstung für den Karneval, aber dieser Koffer war mal ein „Statement“. Studenten trugen ihn in Vorlesungen wie die Mitgliedschaft zur Kommunistischen Partei – später auch der Dominic, sagt Raacke.

Daneben ein paar Pappmöbel von früher, leicht, aber stabil mit angegrauten Ecken, zwei achteckige Tischchen, ein Sessel, ein Hocker – „Sitze für Besitzlose“ wie der „Spiegel“ damals schrieb. Am Tisch macht er an diesem Abend den Prototyp einer Uhr fertig. Der Auftrag kommt von einer bekannten Schweizer Firma. Designer hören nie auf, Designer zu sein.

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