Zeitung Heute : Der Mann hinter … Farrell Colin

Er trug Sakkos und keine Socken: Don Johnson war der sexieste Polizist der 80er Jahre.

Ariane Bemmer

Wie er die flache Hand gegen die holzgetäfelte Wand der Yacht schlägt und regungslos verharrt, den Kopf gesenkt, wie das Kerzenlicht auf seiner braun gebrannten Haut schimmert und die Augen immer dunkler werden, denn drüben in der Villa schlägt ein Mann seine Frau, und er ist Zeuge, weil er den Mann überwacht. Wie er die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger hält, mit schmalen Lippen inhaliert und sich von niemandem einschüchtern lässt.

Das ist James Sonny Crockett, der Undercover-Polizist in Segeltuchschuhen (keine Socken) und Leinenjackett (beige, weiß, manchmal gestreift) aus dem Miami Vice Department, der Alptraum von Kokainschmugglern, FBI-Beamten und Vorgesetzen, ein Kerl, ein Held, ein Kämpfer und trotzdem Mitfühler.

Darsteller einst: Don Wayne Johnson, geboren 1949 in Flat Creek, Missouri. Sonny war Donnies Rettung.

Darsteller in diesen Tagen: Colin Farrell, geboren 1976 in Castleknock, Irland.

Aus der Fernsehserie „Miami Vice“ wird gerade ein Kinofilm. Der Produzent von damals, Michael Mann („Heat“, „Collateral“), führt diesmal Regie, aber Sonny Crockett ist nicht mehr Don Johnson. Er ist nicht mal mehr barfuß. Fotos vom Drehort zeigen den neuen Crockett Farrell mit schwarzen Socken in beigen Slippern. Außerdem trägt der neue Farrell Zopf und Ethnoketten aus Holz. Und die gefilmte Zeit soll 2003 sein. Man fragt sich: Kann das gut gehen?

„Miami Vice“ ist die Serie der 80er, Schulterpolster, Dauerwellen, Lederschlipse. Ab 1984 fegt sie via NBC freitags Amerikas Straßen leer, ab 1986 via ARD auch hierzulande. Es wird nicht viel gesprochen bei „Miami Vice“. Dafür fliegen Schnellboote übers Meer vor Florida und Phil Collins singt dazu, es gibt Posen, Pastell, viel Pop und einen langen Vorspann mit Flamingos, Bikinis, Hunde- und Pferderennen und Palmen im Gegenlicht.

Sonny Crockett und Ricardo Tubbs, der weiße und der schwarze Polizist. Erst Kollegen wider Willen, dann ein tolles Team. In den meisten Folgen jagen sie den Drogenboss Calderone. Sie huschen im Dunklen und in weißen Bundfaltenhosen über Piers und Bootsstege und ziehen ihre Waffen aus ledernen Schulterhalftern. Oder sie warten an Ferraris gelehnt auf ihren Einsatz, brickettgroße Mobiltelefone in der Hand. Sonny mit akkuratem Stufenhaarschnitt, perfekten Fingernägeln, glatte Haut und hochgekrempelten Jackettärmeln, Tubbs (damals Philip Michael Thomas, diesmal Jamie Foxx) mit Ohrring und Anzug. Kamen die Ganoven den Cops zu nahe, fauchte Elvis, der Alligator, der auf Crocketts Boot lebte.

Die 113 Folgen in fünf Jahren machten Don Johnson zum späten Star. Er war 35, als die Serie anfing, und seit 15 Jahren im Geschäft. Zur Schauspielerei war er zufällig gekommen, als in seiner Kleinstadtschule nur im Darstellenden Spiel noch ein Platz frei war. Mit seiner Lehrerin begann er eine Affäre, sie besorgte ihm ein Stipendium. So kam der Smartie aus dem Mittelwesten nach Hollywood.

Er drehte Serien und zahlreiche Filme (einen mit Russ Meyer). Trotz seines Gesichts, das nach Ansicht von Groupie Pamela Des Barres „den Zweiten Weltkrieg hätte verhindern können“, blieb der Durchbruch aus. Des Barres, die in den späten 60ern eine Affäre mit Johnson hatte, lobt in ihrer Autobiografie ausführlich dessen Liebhaberqualitäten. Die genoss später auch eine frühreife Melanie Griffith. Sie verknallte sich mit 14 in Don Johnson, als der gerade mit ihrer Mutter Tippi Hedren drehte und baggerte den 22-Jährigen erfolgreich an. 1976 heiratete das Paar, die Ehe hielt ein Jahr. Nachhaltig wirkte Johnson weder als Darsteller noch als Frauenheld: viele Filme, wenig Bedeutung, viele Beziehungen, keine von Dauer. Auf „Miami Vice“ folgte nichts Vergleichbares, und auch die Neuauflage der Ehe mit Melanie Griffith scheiterte – trotz der Geburt einer Tochter. Insgesamt hat Johnson vier Kinder mit drei Frauen.

„Miami Vice“ brachte Johnson einen Stern auf dem „Walk of Fame“ ein, er nahm zwei Alben auf, sang im Duett mit Barbara Streisand, mit der er eine viel beachtete Affäre hatte (sie lobte seine guten Manieren), er kurierte seine Alkoholsucht und wurde vom People-Magazin zum „Sexiest Man Alive“ erklärt.

Frauen, Zufälle, Drogen – das sind auch Stichworte für Colin Farrell. Der Ire hat eine Blitzehe hinter sich und ist auch von der Mutter seines Sohnes wieder getrennt. Auch Farrell kam durch Zufall zur Schauspielerei, eigentlich wollte er Fußballprofi werden. Auch Farrell sagt zu Drogen nicht Nein, im Dezember 2005 ging er wegen Tablettenabhängigkeit in eine Klinik. Und auch er gilt als Sexprotz. Spätestens seit ein US-Starlet sich für eine beendete Affäre rächte und ein Sexvideo ins Internet stellte. Beim Erfolg enden die Gemeinsamkeiten langsam. Nachdem Farrell an der Schauspielschule seines Bruder gelernt hatte, fiel er auf einer Londoner Bühne Kevin Spacey auf. Es folgten Blockbuster: „Minority Report“, „Nicht auflegen“ und „Alexander“. Und bei den Manieren ist ganz Schluss: Farrell-Interviews ohne „Verdammt“ gibt es nicht.

Auch der erste Crockett trat zuletzt wütend in Erscheinung. 2002, als der deutsche Zoll, der ihn an der Schweizer Grenze durchsuchte, Unterlagen über milliardenschwere Geschäfte fand und ein Verbrechen witterte. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Danach drohte Don Johnson, das Bundesfinanzministerium wegen Rufschädigung verklagen.

Sonny Crockett hätte mit der flachen Hand gegen die holzgetäfelte Wand der Yacht geschlagen.

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