Zeitung Heute : Der Mann hinter... Goodall

Louis Leakey hatte was für junge Frauen übrig. Drei davon wurden berühmte Affenforscherinnen.

Ariane Bemmer

Er hat sich auch an Jane Goodall rangemacht. Obwohl sie 31 Jahre jünger war als er. Er mochte junge Frauen, und sie mochten ihn. Er könne Vögel aus Bäumen locken, hat eine mal gesagt.

Louis Leakey war Paläontologe, ein ganz untypischer. Schillernd und erfolgreich, witzig und selbstsicher, aber auch schlampig, ein riesiger Kerl mit einem zerzausten Berg weißer Haare auf dem Kopf und kaum Zähnen im Mund. Als alle noch von Asien als Wiege der Menschheit sprachen, fasste er den Plan, in Ostafrika zu suchen, und er hatte Recht. Als alle noch davon ausgingen, dass es nur einen Weg zum Menschen gibt, sprach er von mehreren Übergängen, was sich als wahr erweisen sollte.

In den Reden über ihn findet sich immer wieder die Formulierung „larger than life“. Überlebensgroß und mit einer kolossalen Energie geladen. Alles interessierte ihn, er konnte nächtelang darüber spekulieren, wie die Urmenschen wohl gelebt haben. Vielleicht könnten die Menschenaffen Hinweise liefern, dachte er – und schickte drei Frauen los, die Tiere zu studieren: Dian Fossey (Gorillas), Birute Galdikas (Orangs) und – als erste – Jane Goodall (Schimpansen). Alle drei wurden berühmt. In diesem Herbst hat das „Time Magazine“ Jane Goodall zur europäischen Heldin gewählt.

Frauen seien geduldiger und einfühlsamer als Männer, war Leakey überzeugt, und deshalb besser für diese zähe Arbeit geeignet. Außerdem würden sie die männlichen Affen weniger provozieren.

Jane Goodall war 23, als sie Leakey 1957 kennen lernte. Sie hatte ihren Mut zusammengenommen und ihn im Naturkundemuseum in Nairobi, Kenia, angerufen. Sie hat ihm erzählt, dass sie aus England sei und gerade bei einer Freundin zu Besuch, dass sie mit Tieren arbeiten wolle, kein Studium habe, aber eine große Liebe für Afrika. Was sie ihm nicht erzählte: dass sie als Kind vier Stunden im Hühnerstall gehockt hatte, um zu gucken, wie so ein großes Ei aus so einem Huhn herauskommt. Oder dass sie Regenwürmer in ihrem Bett übernachten ließ.

Leakey machte sie zu seiner Sekretärin. Dass sie seine Avancen später abwies, war offenbar nicht schlimm – sie spricht bis heute in hohen Tönen von ihm. Larger than life, das sagt auch sie.

Geboren wurde Louis Seymour Leakey im August 1903, in der Nähe von Nairobi, seine Eltern waren Missionare. Er wuchs mit Kindern des Ureinwohnerstammes Kikuyu auf. Als junger Mann wurde Leakey nach Cambridge geschickt, wo er sein Herz für die Archäologie entdeckte – und 1933 auch für die schüchterne Studentin Mary Nicols. Leakey war damals verheiratet, seine Frau erwartete das zweite Kind. Er ließ sich scheiden, ein Skandal, der ihm eine Akademikerlaufbahn verbaute. Da ging Leakey mit Mary nach Afrika.

Es war ein Fund von Mary, der den Namen Leakey berühmt machte. 1948 entdeckte sie den Proconsul, ein 18 Millionen Jahre altes Fossil. In den 50ern durchforschten die Leakeys die Olduvai-Schlucht in der Serengetisteppe von Tansania. Die Schlucht war 100 Meter tief, und entdeckt wurde sie erst, als ein Schmetterlingsforscher hineinstürzte. Hier konnte man in vier Sedimentschichten Zahn-, Knochen- und Werkzeugreste finden. 1959 entdeckte Leakey hier den zwei Millionen Jahre alten Zinjathropus, den „Nussknacker“. Die Idee mit der Affenfeldforschung ließ ihn nicht mehr los. Immer wieder sprach er davon, auch vor der jungen Jane, bis es aus ihr herausbrach: Darf ich? Das ist genau, was ich mir immer gewünscht habe. „Endlich“, hat er da gesagt. „Endlich sagst du es.“

Jane Goodall ging nach Gombe, wo sie Schimpansenhorden suchte und fand. Eines Morgen sah sie, wie einer der Affen mit einem Ast einen Termitenhügel bearbeitete. Wie einen Löffel in den Eisbecher stieß er den Ast in den Hügel, zog ihn heraus und leckte die darauf herumeilenden Termiten ab. Jane kabelte ihre Entdeckung an Leakey und erhielt die Antwort: „Aha! Dann müssen wir jetzt entweder den Menschen oder den Werkzeugbegriff neu definieren oder Schimpansen als Menschen akzeptieren!“

Louis Leakey liebte Sensationen. Er selbst hat oft genug auf großen Pressekonferenzen Funde vorgestellt, die sich später als doch nicht so sensationell herausstellten. Aber er hat die Forschung trotz allem entscheidend vorangetrieben. Mit eigenen Entdeckungen und mit der Gründung einer Familie, die heute in dritter Generation nach Urmenschen sucht. Und mit seinem Vertrauen in die drei Frauen, die er zur Forschung über Menschenaffen gebracht hat.

Bis zu seinem Tod 1972 ist Leakey auf Vortragsreisen um den Globus gezogen. Auch Jane Goodall reist bis heute um die Welt, schreibt Bücher (neu: „Das Leben retten“, Bombus, 19,90 Euro), unterstützt Kampagnen, um Schimpansen vor dem Aussterben zu bewahren. Gerade fertig ist eine Fotoaktion von Benetton, deren Schirmherrin Goodall ist. Im Sommer war sie in Berlin und hat die Ausstellung „Tiere lügen nicht“ im Museum für Kommunikation eröffnet. Sie wurde bis Januar verlängert, so groß ist das Interesse.

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