Zeitung Heute : Der Mann hinter... Heide Simonis

Vor der Ehe hieß sie Steinhardt, und ihr Gatte sagt fröhlich: „So kann sie auch sein.“

Norbert Thomma

Dieser Mann ist genau drei Männer.

Mann Nummer 1 ist der öffentliche Gatte, über den seine Frau dem „Stern“ gerade sagte: „Mein Mann wird verrückt mit mir.“ Es gibt auch das Zitat, er mache schon mal die Betten, „sonst ist der ziemlich dämlich“. In einem älteren Porträt über sie ist zu lesen, Mann Nummer 1 sei „ihrem ungestümen Naturell widerstandslos ausgeliefert“. Und sie seien noch nach 38 Ehejahren zusammen, „weil ein zweiter Mann nicht so deppert wäre, mich zu heiraten“. Klar, dass sie damals den Heiratsantrag machte, „einer musste die Sache ja in die Hand nehmen“. In Blättern wie der „Bunten“ schrumpft so einer zur Bildunterschrift: „Heide Simonis und ihr Mann Udo...“ So stellte sie ihn all die Jahre immer wieder da: meinen kleinen Dödel.

Mann Nummer 2 ist ein hochgeachteter Wissenschaftler, in manchen Zeitungen sogar ein „Top-Wissenschaftler“. Er ist Herausgeber der Reihe „Jahrbuch Ökologie“, welches längst ein Standardwerk wurde, er ist Prof. em. Dr. Dr. h.c. Udo E. Simonis, seit gut drei Jahrzehnten Fachmann für die Transformation von Industriegesellschaften, ein Ökopionier schon zu einer Zeit, als Jürgen Trittin noch an der proletarischen Weltrevolution werkelte; ein überaus produktiver Autor ist dieser Mann Nummer 2, mit einer furchterregenden Publikationsliste, darunter über 60 Bücher, Aberhunderte von Aufsätzen und noch mehr Vorträge, unzähligen Vereinigungen dient er als Vorsitzender, Ehrenmitglied, Präsident, Direktor, Redaktionsrat... Wenn es irgendwo auf diesem Globus um Themen wie Klimaveränderung und das Kyoto-Protokoll geht, rufen sie nach dem Umweltprofessor Simonis.

Mann Nummer 3 ist quicklebendig, er hat einen weichen Händedruck, er variiert vom Hemd bis zu den Schuhen die Farben Schwarz bis Anthrazit, er führt einen durch das Wissenschaftszentrum Berlin, bleibt hier stehen und da, erklärt Architektur und Geschichte des Gebäudes, und fragt dann vor Zimmer D 030: „Soll ich Ihnen einen Kaffee kochen?“ Er sagt, er habe lange herumprobiert, aber die Wiener Melange mit ein wenig Kakao darin, das sei ihm das Liebste, und dann bringt er die dampfenden Tassen ohne zu kleckern und beweistdamit gleich zu Anfang: So unbrauchbar, wie meine Frau gerne tut, bin ich ja gar nicht.

Es scheint auch nicht so, als ob er ihr böse wäre. Gleich fünf Mal hat er ihr Gesicht neben seinem Schreibtisch hängen, in Farbe, schwarz-weiß, als Autogrammkarten. Wenn er durchs Fenster schaut, sieht Udo Simonis die Neue Nationalgalerie und dahinter die Silhouette des Potsdamer Platzes. Ein kleines Büro hat er, seit er emeritiert ist, in sein altes hat die Verwaltung vier Mitarbeiter gesetzt, er muss nun nicht mehr jeden Tag da sein mit seinen 67 Jahren; obwohl, so richtig Ruhestand mag er auch nicht, gerade ist er Chairman einer Task-Force für China geworden, Umweltprobleme gibt’s dort ohne Ende, da wird er dann alle paar Wochen hin müssen.

Seiner Frau wird das kaum auffallen. Udo Simonis hat 1974 einen Ruf an die TU Berlin angenommen, hier lebt und arbeitet er, „Heidchen“, wie er sie nennt, macht derweil Karriere in der SPD, Bundestag, Ministerin in Schleswig-Holstein, dann Ministerpräsidentin, er pendelt gelegentlich nach Kiel, sie hat keine Zeit; wenn er mit ihr ins Kino will, ruft er die Referentin an und lässt sich einen Termin geben. Er sagt: „Unsere Ehe ist kein Modell, ich kann das niemandem empfehlen.“

Udo Simonis hat eine sonore Stimme, bei solchen Themen lächelt er dezent, er weiß, für viele ist er nur „der Mann an ihrer Seite“, und er weiß, was er leistet, neben dem Drucker liegen Broschüren mit seinem Namen, „Ökologischer Strukturwandel, Energieoption und Waldoption“. Irgendwann sagt Mann Nummer 3: „Im Herzen bin ich ein Grüner.“

In einer Zeit, in der sich Politiker mehr und mehr Berater suchen, da könnte er doch...? Sein Gesicht sagt: Das ist nun wirklich keine gute Idee. Seine Frau sagt bei solchen Versuchen: „Schatz, davon verstehst du nichts!“ Sicher, diese sechsspurige Autobahn nach Dänemark findet er unsinnig, „aber die kann ich ihr nicht ausreden, da fahre ich an die Wand“.

Jeder macht seins, er eher „elfenbeinturmartig“, sie in den Niederungen des Regierungspragmatismus. Gerade schrieb er im „Freitag“, einer linken Wochenzeitung, in der die SPD gerne zerrupft wird: „So entstand das Trugbild, man könne mit ökologischen Systemen schachern, so wie man das im ökonomischen und politischen System gewohnt ist – und tagtäglich tut.“ Ein Gruß nach Kiel?

Bevor er zu Mann 1, 2 und 3 wurde, ist Udo Simonis Bäcker gewesen. Lehre, Gesellenzeit, vier Uhr früh aufstehen, Teig ansetzen. Es sollte die Familientradition weiterpflegen, die Bäckerei übernehmen, Mutter und Tante hatten das so beschlossen. Er kommt aus der Koblenzer Gegend, wo man „Kirsche“ sagt und Kirche meint. Udo hat gebockt, er hat „den Lebensplan der beiden Frauen kaputt gemacht“, er hat bis heute nie wieder etwas gebacken.

Vielleicht lernt einer so, eine laute Frau zu ertragen, die auch noch Kaffeekannen und Tassen und Servietten und Bügeleisen sammelt wie... Die sonore Stimme sagt: „Wir könnten sofort ein Hotel mit 30 Zimmern mit allem Zubehör ausstatten.“

An der Tür seines Büros steht ein Sofa, darüber eine Decke. Ein Quilt. Zusammengenäht aus Dreiecken, viel altrosa Stoff. Heidchens Hobby. Udo Simonis schaut die bunte Decke an und lächelt zufrieden.

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

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