Zeitung Heute : Der Mann hinter... Jan Ullrich

Nur Radfahren muss der Deutsche alleine. Um alles andere kümmert sich Rudy Pevenage.

Norbert Thomma

Zwei wie Pech und Schwefel. Es gibt solche Männerpaare. Laurel & Hardy, Netzer & Delling, Walter Matthau & Jack Lemmon. Nun also: Jan Ullrich und Rudy Pevenage (sprich: Pewenaasch). Ullrich ist glatte 30 Jahre alt, Pevenage glatte 50. Ullrich ist Radprofi und will die Tour de France gewinnen, Pevenage ist – ja, was eigentlich?

Es gibt ganz unterschiedliche Formulierungen für ein und dieselbe Rolle. Für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ ist er „der Mentor“. Die „Süddeutsche“ sieht ihn wahlweise als „ständigen Begleiter“ oder „väterlichen Freund“. Im Tagesspiegel läuft er unter „Intimus“ von Jan Ullrich. Sei offizieller Status derzeit ist: sportlicher Betreuer. Und sicher ist auch, wann und wo sich die beiden kennengelernt haben. 1995 war das, im Rennstall von Team Telekom. Pevenage hatte dort den Rang „stellv. Sportlicher Leiter“, Ullrich galt als großes Talent. Seitdem sind die beiden unzertrennlich.

Seitdem sind sie Ullrich & Pevenage.

Rudy Pevenages Stimme erinnert, wenn er deutsch mit einem redet, ein bisschen an Rudi Carell. Der vertraute Sound aus BeNeLux. Der Belgier sagt beispielsweise auf die Frage, wie er die diesjährige Tour de France erlebe, er habe ein „komisches“ Gefühl. Es klingt so: „koumiches“. Das mit dem Gefühl kommt daher: Jahrelang ist Pevenage bei Radrennen im Auto hinter Ullrich hergefahren. Ullrich hatte einen Knopf im Ohr, Pevenage hatte einen Knopf im Ohr, die beiden konnten ständig über Funk miteinander reden.

Was machen deine Beine? In Ordnung, aber ich habe Magenkrämpfe! Pass gut auf, in 400 Metern kommt eine brutale Linkskurve. Ich bin gut drauf, Rudy, am nächsten Berg greife ich an.

Bei dieser Tour de France sitzt Pevenage das erste Mal nicht im Auto hinter Ullrich. Kein Kontakt zu seinem Jan, nur beim Frühstück und beim Abendessen. Jan Ullrich hat 2002 das Team Telekom verlassen und ist für Coast und später für Bianchi gestartet. Es war die Zeit einer Lebenskrise, verletztes Knie, Doping, besoffen Porsche gefahren, Ecstasy. Der treue Pevenage hat ihn durch diese Tiefen begleitet. Dumm nur: Als in diesem Jahr Ullrich wieder zu T-Mobile zurückkehrte, wollten sie dort den untreuen Rudy nicht mehr haben. Doch Ullrich kann ohne Pevenage nicht sein. Er bezahlt ihn aus eigener Tasche. T-Mobile zahlt etwas dazu, aber im inneren Kreis des Rennstalls ist Pevenage nicht mehr geduldet.

Das liegt an einer Männerfreundschaft, die keine mehr ist. Walter Godefroot ist sportlich der Boss bei T-Mobile. Viele Jahre waren die beiden Godefroot & Pevenage. Godefroot hat Pevenage nie verziehen, dass er ihn für Jan Ullrich verlassen hat. Damals wurde Godefroot gefragt, wie er ohne das Know-How von Pevenage auskommen wolle. Und Godefroot sagte: „Die Friedhöfe sind voll mit Menschen, die unersetzlich waren.“

Rudy Pevenage ist Flame, aus Geraardsbergen. Freundlich, kommunikativ, ein polyglotter Mensch. Er sagt in seinem BeNeLux-deutscht: „Ich kann fünfeinhalb Sprachen.“ Die halbe ist spanisch; aber englisch, französisch, deutsch, italienisch und flämisch gehen perfekt. Er war selbst mal Profi, zwölf Jahre lang. Keiner wie Jan Ullrich, eher einer, der den Kapitänen wie Ullrich das Wasser getragen hat. Immerhin: 1980 fuhr er bei der Tour zehn Tage lang im gelben Trikot und trug am Ende das grüne Trikot des besten Sprinters.

Italienische Radfahrer hatten Pevenage einen Spitznamen gegeben: il feo, der Hässliche. Weil er immer eine tomatenrote Rübe bekam, wenn er sich anstrengte. Heute sieht er eher rund und gemütlich aus.

Was ihn so unersetzlich macht für Jan Ullrich? Warum der nicht ohne ihn kann?

Ullrich ist der beste deutsche Radfahrer aller Zeiten. Er ist aber auch ein Sensibelchen. Er ist ziemlich phlegmatisch. Im Frühjahr ist er immer zu dick. Er braucht einen, der ihm die Schokoriegel versteckt. Der ihn im Training begleitet, damit er die geplanten 200 Kilometer am Tag auch wirklich abspult. Der ihm die richtigen Trainingspartner aussucht. Der die richtige Rennstrategie mit ihm austüftelt.

Kaum einer ist im Radzirkus so gut verdrahtet wie Pevenage. Als Ullrich 1997 die Tour de France gewann, waren er und seine Mannschaft am Ende platt und krank. Es ging in die Vogesen, und der Franzose Richard Virenque lag gefährlich auf der Lauer. Pevenage organisierte über Nacht mit dem starken Rennstall Banesto einen Pakt (beide Ställe fuhren auf Rädern von Fausto Pinarello): Ihr helft uns gegen die Attacken von Virenques Team Festina, okay! Es funktionierte. Jan Ullrich wird nicht vergessen, wer ihm beim größten Triumph seiner Karriere assistierte. Nicht anders bei den Olympischen Spielen von Sydney, wo Ullrich im Jahr 2000 Gold gewann. Auf Pevenages Geheiß jagte ein Telekom-Trio dem Feld voraus, und Ullrich fuhr ungefährdet über den Zielstrich. Spätestens seitdem gilt der Belgier als „gewiefter Taktiker“ („FAZ“).

Nur Lance Armstrong lästert permanent gegen Pevenage. Der Belgier aber hat momentan andere Sorgen - während der Tour nicht eng bei Ullrich sein zu können. Er sagt: „Ich würde sonst lügen, ja: Es tut schon weh.“

In unserer Reihe porträtieren wir jede Woche einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar