Zeitung Heute : Der Mann hinter… Jenson Button

Er ist die junge Hoffnung der Formel Eins. Und sein Vater feiert gerne die Erfolge des Sohnes.

Tom Nollau

Der Mann drehte sich langsam um. Tränen schossen ihm in die Augen. Er hatte Angst, abgrundtiefe Angst. Seiner Gefühle schämte er sich nicht, er schämte sich für sich selbst. Warum, so fragt er später, habe ich ihm das angetan.

John Button denkt mit Schaudern zurück an den 31. Mai 2003, jenen Trainingstag in Monaco, als er mit dem Schlimmsten rechnen musste. Bei knapp 300 Stundenkilometern hatte sein Sohn Jenson, das wohl größte Talent in der Formel 1, während der Ausfahrt aus dem Tunnel die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Mehrmals schlug der Wagen in die Leitplanken, drehte sich um die eigene Achse, Trümmerteile flogen umher, Jensons Kopf ruckte hin und her. Als der Wagen endlich zum Stehen kam, war er sofort von Streckenposten und Sanitätern umringt. Großbritanniens Nachwuchsheld wurde aus dem Wagen geholt – und Vater John musste warten, 15 ewige Minuten lang, in der Box des Rennstalls BAR (British American Racing). „Als einer der Streckenposten seine Jacke ausbreitete, um Jenson vor den Fotografen zu schützen, erlebte ich den Alptraum, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte“, erzählte er später.

John Button ist gern gesehener Gast in den Boxgassen dieser Welt. Ein großer Mann mit breiter Brust und freundlichem Gesicht, das viele Geschichten erzählt. Der sich selber als „verrückt nach Motorsport“ bezeichnet. Einer, der kettenrauchend und bierdosenschwingend durch die VIP-Bereiche der Formel 1 läuft. Dem man an der sprichwörtlichen Nasenspitze ansehen kann, dass er nichts hält von der enthaltsamen Variante des Motorsports.

Er war es auch, der Jenson im Alter von acht Jahren mit dem Motorsport-Virus infizierte. Und er weiß immer noch genau, an welchem Tag es begann: Weihnachten 1988. Weil er sich Sorgen machte, dass sich sein Sohn mit seiner Motor-Cross-Maschine für Kinder verletzen könnte, kaufte John ein Go-Kart. Vier Monate später nahm der achtjährige Jenson auf der „Clay Pigeon“-Kartbahn nahe dem englischen Dorset, an seinem ersten Rennen teil – und gewann. „Als er durchs Ziel ging, habe ich das Unfassbare getan und bin auf die Fahrbahn gesprungen“, erinnert sich John Button. Ein Fehler, den er in der Formel 1 wohl nie machen wird.

Außerdem ist die Familie inzwischen ans Gewinnen gewöhnt. Schon 1991 gewann der junge Jenson alle 34 Rennen der britischen Go-Kart-Serie. Er überzeugte danach in jeder Rennserie, die er fuhr. Ein Erfolg, der ohne „Big John“ nicht möglich gewesen wäre. Der Vater war Coach, Manager, Mechaniker und Fahrer in einer Person. Finanziell und persönlich stieß die Familie damit bald an ihre Grenzen. Vater John und Mutter Simone trennten sich. Eines Abends konnte die kleine Familie nach einem Rennen in Schottland erst nach Hause fahren, nachdem sich John genug Geld geliehen hatte, um den Tank des Kleinbusses zu füllen, der ihnen als mobile Heimstatt diente.

Nur eines wollte der Vater nie: seinen Sohn zum Motorsport zwingen. „Wenn er nach einem Jahr zu mir gekommen wäre, um alles hinzuschmeißen, wäre es vollkommen okay gewesen“, beteuert Button heute. „Wir hätten einen anderen Job für ihn gefunden.“ Doch Jenson wollte fahren – und er wollte in die Formel 1. In einem spektakulären Wettbewerb mit dem Brasilianer Bruno Junqueira holte sich der 20-Jährige im Jahr 2000 sein Cockpit im BMW-Williams. Als er das Angebot bekam, lagen sich Vater und Sohn weinend in den Armen. „Eigentlich sollten wir nur drei Tage bei den Testfahrten bleiben“, erinnert sich John. „Daraus wurden zwei Wochen, und als wir zurückkamen, konnten wir wegen der vielen Briefe und Karten kaum die Haustür öffnen – als ob die ganze Welt plötzlich wahnsinnig geworden wäre.“

Verrückt nach Jenson Button. Der smarte, gutaussehende Engländer wurde der neue Liebling der Formel 1. Eine Situation, der er noch nicht gewachsen war. Er zog nach Monte Carlo, kaufte sich schnelle Autos, eine Yacht, feierte rauschende Partys. Auf der Rennstrecke fuhr er dagegen hinterher. Erst der neue Rennstall, BAR, schaffte es, Jenson auf den Boden zurückzuholen. Der Vater blieb in dieser Zeit ruhig: „Ich habe es einfach laufen lassen. Entweder er ist danach besser als je zuvor – oder er zerbricht daran.“

Er zerbrach nicht. Jensons Vater wurde sein wichtigster Berater, begleitete ihn wieder überall hin. Das Verhältnis zueinander gleiche eher einem zwischen Brüdern als einer klassischen Vater-Sohn-Beziehung, sagen beide. Und auch der schwere Unfall in Monaco konnte Jenson Button nichts antun. Ein paar Prellungen und eine Gehirnerschütterung trug er davon. Ein Jahr später wurde der Engländer im Grand Prix von Malaysia Zweiter, sein erster Podestplatz. Nach der Siegerehrung steuerte er zielstrebig auf seinen Vater zu, die beiden fielen sich für eine halbe Ewigkeit in die Arme. Man weiß nicht, ob und wie Jenson seinem Vater gedankt hat. Die erste Reaktion des alten Herrn allerdings ist überliefert. Er fragte: „Und? Wo gehen wir heute Abend feiern?“

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

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