Zeitung Heute : Der Mann hinter... Judith Holofernes

Deutsche Texte mochte Christof Ellinghaus nicht. Dann brachte der Labelchef Wir sind Helden raus.

Ulf Lippitz

Judith Holofernes nennt sich selbst eine Leidenschaftstäterin. Wenn die 29-jährige Berlinerin Texte schreibt, packt sie hinein, was ihr an der Welt nicht gefällt: Sie singt über Konsumrausch, falsche Glücksversprechen und Medienhysterie. Ihre Band heißt Wir sind Helden. Aber weil sie auf Deutsch singt und sperrige Texte formuliert, wollte sie zunächst keine Plattenfirma unter Vertrag nehmen. Erst ein anderer Leidenschaftstäter sah das Potenzial der Band: Christof Ellinghaus, 40 Jahre, Gründer des Berliner Independent-Labels City Slang – und aufrichtiger Hasser deutscher Popmusik.

Dementsprechend reagierte Ellinghaus, als er das erste Mal von Wir sind Helden hörte. So ein Name, dann noch deutscher Gesang, das kann nur furchtbar sein! Das dachte Ellinghaus im Sommer 2002, der Chef der großen Plattenfirma EMI, Udo Lange, hatte ihm von einem Konzert in Berlin berichtet, wo er das Quartett sehen wolle. Die Band wurde damals vom selben Management wie die Kitsch-Popper Rosenstolz betreut, also erwartete Ellinghaus „Leni-Riefenstahl-Musik mit Schwulenoptik“ und ging erst gar nicht hin. Lange erzählte ihm später, die Band habe keine kommerzielle Chance.

Ein halbes Jahr danach saß der verheiratete Familienvater im Auto und hörte Radio Eins. Da sang eine junge Frau ziemlich rotzig darüber, wie leer ihr Leben trotz tausend bunter Produkte ist – und das tat sie auf Deutsch. „Ich musste vor Schreck rechts ranfahren“, erinnert sich Christof Ellinghaus, „so gut hat mir das auf Anhieb gefallen. Zum Glück wurde das Lied abmoderiert.“ Der Musikliebhaber schrieb mit: Wir sind Helden hieß die Band, Judith Holofernes die Sängerin, „Guten Tag, ich will mein Leben zurück“ das Lied. Zufälligerweise rief die Band noch am selben Tag an, um zu erfahren, ob Ellinghaus schon einmal von ihr gehört habe. Abends hielt der erklärte Fan von „Ami-Musik“ eine CD mit fünf Titeln der neudeutschen Gruppe in der Hand, kurze Zeit später folgte der Plattenvertrag.

Judith Holofernes hatte Ellinghaus gezielt angesprochen. Für sie war er ein Mythos deutscher Alternativ-Kultur, eine der wenigen Lichtgestalten im Musikgeschäft. Sie erklärte, ihr Wunschpartner sei immer das von Ellinghaus geleitete Konglomerat Labels gewesen. So hieß der Verbund diverser unabhängiger Firmen, in den City Slang 2000 eintrat. Die Obhut lag bei der EMI, Ellinghaus leitete Labels als Geschäftsführer.

Ellinghaus war eher widerwillig in die Führungsriege aufgestiegen. Nach einem abgebrochenen Geschichtsstudium an der Freien Universität gründete er Ende der 80er-Jahre eine Konzertagentur, brachte damals noch unbekannte Gruppen wie Soundgarden, Lemonheads und auch Nirvana nach Deutschland. Seine Lieblingsband The Flaming Lips fand für ihr Album keine passende Firma – also gründete sie Ellinghaus 1990 selbst: City Slang. Vier Jahre später schrieb die kleine „Independent-Klitsche“ schwarze Zahlen – dank einer Punk-Lady aus Los Angeles. Ihr Name: Courtney Love, Ehefrau von Nirvana-Sänger Kurt Cobain. Ihre Band Hole verkaufte Alben weltweit, Ellinghaus kooperierte plötzlich mit französischen und englischen Firmen, sein Name avancierte zum Gütesiegel im internationalen Geschäft. Als der hoch gewachsene Musikmanager 1996 der Formation Tortoise und deren verschrobener Jazz-Rock-Synthese zum Durchbruch verhalf, bewies er endgültig: Man kann mit unorthodoxer Musik Glaubwürdigkeit und Gewinne einfahren.

Das Prinzip „Gegen alle Regeln“ imponierte Musikern – auch Judith Holofernes. Sie wollte mit eigener Musik Geld verdienen, dem debilen Einheitsbrei der Viva-Generation einen Spiegel vorhalten und legte mehr Gewicht auf den Inhalt als auf die Form. Das war angesichts der vorherrschenden Plastik-Popmusik nicht selbstverständlich. Zuerst spielte sie allein, dann traf sie 2001 Pola Roy, Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette auf einem Pop-Workshop in Hamburg. „Wir sind Helden“ formierten sich. Die zierliche Sängerin fiel dank einer widerborstigen Einstellung gegenüber Glamour auf – und blieb mit ihrer Band auf dem Abstellgleis der Musikindustrie, bis Ellinghaus sie für Labels verpflichtet.

Wir sind Helden wurde die Erfolgsstory 2003. Das Debüt „Die Reklamation“ stürmte sofort die Charts, setzte sich ein Jahr lang dort fest und erhielt drei Mal den Echo, den Preis der deutschen Musikindustrie. Am Ende verkaufte sich die Platte 500 000 Mal. „Ich habe selten so einen frischen und klugen Umgang mit der deutschen Sprache im Pop-Kontext gehört“, schwärmt Christof Ellinghaus. „Diese Frische werden sie sich hoffentlich noch sehr lange erhalten.“

Am 4. April erscheint das zweite Album von Wir sind Helden: „Von hier an blind“ wird es heißen. Judith Holofernes und ihre Jungs haben sich ein Beispiel an ihrem Mentor genommen. Sie haben sich in die Produktion von niemandem hineinreden lassen, nicht einmal von Ellinghaus. Als er ein paar Stücke vor der Fertigstellung hören wollte, lehnte das die Band kategorisch ab. Der Chef fügte sich zähneknirschend, aber wohl auch leise erfreut.

Es war eine seiner letzten Amtshandlungen bei Labels. Christof Ellinghaus trennt sich offiziell im September von der EMI – vielleicht, weil die ihn unter dem allgegenwärtigen Sparzwang zunehmend mit Kommerz konfrontierte. Zuletzt musste er den Einzug von Virgin verkraften.

Bereits jetzt ist Ellinghaus von seinen Tätigkeiten freigestellt. Sein Label City Slang will er behalten, heißt es; der Lizenzvertrag mit der EMI läuft erst im Herbst aus. Christof Ellinghaus scheint auch ein bisschen froh über diese Entwicklung zu sein: Den Chefposten über Musik, in die er nicht leidenschaftlich verliebt ist, ist er enlich los.

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